Heidegger, Martin: Phänomenologische Interpretation von Kants Kritik der reinen Ver...

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Heidegger, Martin: Phänomenologische Interpretation von Kants Kritik der reinen Vernunft. Verlag Vittorio Klostermann Frankfurt am Main, 1977, S.1-8. VORBETRACHTUNG Die Absicht der Vorlesung geht dahin, ein philosophisches Verständnis von Kants Kritik der reinen Vernunft zu gewinnen, und das heißt philosophieren zu lernen. In einer kurzen Vorbetrachtung verständigen wir uns über die wesentlichen Erfordernisse für die Verwirklichung dieser Absicht. Fs sind deren zwei: Erstens bedarf es eines Wissens darum, was es heißt, eine überlieferte Philosophie zu verstehen, und zweitens bedarf es einer vorläufigen Kenntnis der Mittel und Wege, ein solches Verständnis zu gewinnen. Zum ersten Punkt: Kant sagte einmal gesprächsweise in seinen letzten Lebensjahren: "Ich bin mit meinen Schriften um ein Jahrhundert zu früh gekommen; nach hundert Jahren wird man mich erst recht verstehen und dann meine Bücher aufs neue studieren und gelten lassen!" 1 Spricht hier nun eitles Sichwichtignehmen oder gar die verärgerte Resignation des Unerkanntseins? Nichts dergleichen, beides ist Kants Charakter fremd. Was sich in dem angeführten Wort ausspricht, ist Kants lebendiges Verständnis der Art und Weise, wie Philosophie sich verwirklicht und auswirkt. Philosophie gehört zu den ursprünglichsten menschlichen Bemühungen. Von diesen bemerkt Kant: "Indessen drehen sich die menschlichen Bemühungen in einem beständigen Zirkel und kommen wieder auf einen Punkt, wo sie schon einmal gewesen sein; als denn können Materialien, die jetzt im Staube liegen, vielleicht zu einem herrlichen Baue verarbeitet werden." 2 Gerade die ursprünglichen menschlichen Bemühungen haben ihre Beständigkeit darin, daß sie ihre Fraglichkeit nie anregen, daß sie auf denselben Punkt deshalb zurückkommen und einzig darin ihre Kraftquelle finden. Ihre Beständigkeit liegt nicht in /S.2:/ der fortlaufenden Gleichmäßigkeit des Weiterkommens im Sinne eines sogenannten Fortschritts. Fortschritt gibt es nur im Felde des letztlich für die menschliche Existenz Belanglosen. Die Philosophie entwickelt sich nicht im Sinne eines Fortschritts, sondern sie ist Bemühung um Auswicklung und Erhellung derselben wenigen Probleme, sie ist der selbständige, freie, grundsätzliche Kampf der menschlichen Existenz mit der in ihr jederzeit ausbrechenden Dunkelheit. Und alle Aufhellung öffnet nur neue Abgründe. Stillstand und Verfall der Philosophie bedeuten daher nicht ein Nicht-mehr-Weiterkommen, sondern Vergessenheit des Zentrums. Darum ist jede philosophische Erneuerung ein Aufwachen im Zurückkommen auf denselben Punkt. Über die Frage - was heißt: eine Philosophie recht verstehen - wollen wir uns von Kant selbst belehren lassen: "Niemand versuche es, eine Wissenschaft zustande zu bringen, ohne daß ihm eine Idee zum Grunde liege. Allein, in der Ausarbeitung derselben entspricht das Schema, ja sogar die Definition, die er gleich zu Anfang von seiner Wissenschaft gibt, sehr selten seiner Idee; denn diese liegt, wie ein Keim, in der Vernunft, in welchem alle Teile noch sehr eingewickelt und kaum der mikroskopischen Beobachtung kennbar, verborgen liegen. Um deswillen muß man Wissenschaften, weil sie doch alle aus dem Gesichtspunkte eines gewissen allgemeinen Interesses ausgedacht werden, nicht nach der Beschreibung, die der Urheber derselben davon gibt, sondern nach der Idee, welche man aus der natürlichen Einheit der Teile, die er zusammengebracht hat, in der Vernunft selbst gegründet findet, erklären und bestimmen. Denn da wird sich finden, daß der Urheber und oft noch seine spätesten Nachfolger um eine Idee herumirren, die sie sich selbst nicht haben deutlich machen und daher den eigentümlichen Inhalt, die Artikulation (systematische Einheit) und Grenzen der Wissenschaft nicht bestimmen können." 3 Auf

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Kant selbst angewandt bedeutet das: Wir dürfen uns nicht an /S.3:/ die bloße wörtliche Beschreibung halten, die er als Urheber der Transzendentalphilosophie von dieser gibt, sondern müssen diese Idee, das heißt ihre Bestimmungsstücke in ihrer Ganzheit, verstehen aus dem, worin die Idee gegründet ist, wir müssen in den sachlichen Grund zurückgehen über das hinaus, was die erste Beschreibung sichtbar gemacht hat. Daher muß es im Verstehen der überlieferten Philosophie dann zu dem Verhalten kommen, das Kant mit Rücksicht auf Platos Ideenlehre hervorhebt: "Ich merke nur an, daß es gar nichts Ungewöhnliches sei, sowohl im gemeinen Gespräche, als in Schriften, durch die Vergleichung der Gedanken welche ein Verfasser über seinen Gegenstand äußert, ihn sogar besser zu verstehen, als er sich selbst verstand, indem er seinen Begriff nicht genugsam bestimmte, und dadurch bisweilen seiner eigenen Absicht entgegen redete, oder auch dachte. " 4 Kant recht verstehen heißt dann, ihn besser verstehen als er sich selbst verstand. Voraussetzung hierfür ist, dass wir in der Auslegung nicht den Missgriffen zum Opfer fallen, die Kant einmal an den Historikern der Philosophiegeschichte tadelt, indem er sagt, daß "mancher Geschichtschreiber der Philosophie ... über dem Wortforschen dessen, was jene [die alten Philosophen] gesagt haben, dasjenige nicht sehen kann, was sie haben sagen wollen." 5 Recht verstehen heißt demnach: es abgesehen auf das, was Kant hat sagen wollen, und somit nicht bei seinen Beschreibungen stehen bleiben, sondern zurückgehen auf die Fundamente dessen, was er meint. In unserer Absicht und Aufgabe, Kants Kritik der reinen Vernunft recht verstehen, liegt damit notwendig der Anspruch, Kant besser zu verstehen als er selbst verstand. Ist das nicht Überheblichkeit und eine Herabsetzung des Früheren von Seiten der Späteren und vermeintlich Weitergekommenen? Aber wir wissen schon, es gibt hier kein Weiterkommen im Sinne eines äußerlichen Fortschritts, es ist sinnlos zu sagen, Plato, Aristote/S.4:/ les oder Kant seien überholt. In der Absicht, besser verstehen zu wollen, liegt so wenig eine Überheblichkeit und Geringschätzung, daß sie gerade die Wertschätzung dessen zum Ausdruck bringt, was besser verstanden werden will. Denn ein recht begriffenes Besserverstehen ist von vornherein nur da möglich und sinnvoll, wo etwas verstehbar vorliegt, das die Möglichkeit in sich birgt, auf seine Grundlagen zurückverfolgt zu werden. Von dem, was wir besser zu verstehen beabsichtigen, sagen wir damit schon, daß es einen Gehalt in sich birgt, an dem wir selbst wachsen können. Alles dagegen, was an der Oberfläche treibt und! aufgrund seiner Unerheblichkeit und Leere keinen Anhalt gibt für eine Interpretation, das kann auch nicht besser verstanden werden. Besser verstanden werden können und dessen wert sein ist ein Vorzug und gerade nicht das Zeichen des Geringwertigen. Vollends schwindet jeder Schein von Überheblichkeit, wenn wir begreifen, daß auch die besser Verstehenden gerade dann, wenn sie recht verstehen und auf neue Fundamente stoßen, selbst einer neuen Interpretation bedürftig sind, daß mithin keine Veranlassung besteht, sich in einem schlechten Sinn für absolut zu nehmen. Jeder philosophischen Bemühung bleibt eine wesentliche Dunkelheit, und die radikalste gerade bleibt endlich, und sie versteht sich gerade dann in echtem Sinn absolut, wenn sie sich als endlich begreift. Das »recht Verstehen« ist als »besser Verstehen« kein bloßes Ablehnen des Verstandenen, sondern das echte Geltenlassen. Zur wahren Geltung kommt eine Philosophie, wenn ihre eigene Kraft frei gemacht und ihr die Möglichkeit des Anstoßes und der Auswirkung verschafft wird. Das geschieht nur so, daß sie in die Möglichkeit kommt, das zu sagen, was sie hat sagen wollen. Kant so sprechen lassen, heißt eben dann, in die Auseinandersetzung mit ihm kommen. »Besser verstehen« ist der Ausdruck der Notwendigkeit des philosophischen Kampfes, der in jeder wirklichen Interpretation liegt. Es

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gilt zu sehen, daß eine bloße Erzählung und Abschilderung dessen, was in einem Text steht, noch nichts von einem philosophischen Verständnis ver/S.5:/ bürgt. Aber freilich, die bloße Bereitschaft zur Auseinandersetzung ist zwar eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für die Interpretation. Es bedarf eines Zweiten: der Mittel und Wege, ein solches besseres Verständnis zu gewinnen. Es ist von geringem Nutzen, weitläufig über die Methode der Interpretation zu handeln, bevor der Gegenstand, den sie betrifft, zureichend bekannt ist. Wir beschränken uns auf wenige Bemerkungen. Unsere Interpretation hat das Werk Kants zum Thema, das das Zentrum seiner philosophischen Arbeit ist. Durch die Kritik der reinen Vernunft wird die vorangegangene Philosophie bis zurück zur Antike in ein neues Licht gestellt, und für die Folgezeit ist sie der Ausgang einer neuen philosophischen Problematik. Um klar vor Augen zu legen, was Kant hat sagen wollen, müssen wir mit dem Text vertraut werden. Es bedarf einer Kenntnis des Aufbaus des Ganzen, des Zusammenhangs der einzelnen Stücke, der Verschlingung der Beweisgänge, einer Kenntnis der Begriffe und Prinzipien. Es scheint ein Leichtes zu sein, einfach festzustellen, was dasteht. Aber selbst wenn wir uns eindringlich die Begriffe und Fragestellungen und Bedingungen zueignen, indem wir sie aufhellen, beziehungsweise ihre Herkunft aus der Tradition fixieren und die Umwandlung, die Kant vollzog, auch dann fassen wir noch nicht, was dasteht. Um so weit vorzudringen, müssen wir Augen haben, das zu sehen, was in Kants Blick stand, als er die Probleme fixierte und einer Lösung entgegenführte und in die Gestalt des Werkes zwang, das wir als Kritik der reinen Vernunft vor uns haben. Es hilft nichts, Kantische Begriffe und Sätze nachzusprechen oder mit anderen zu umschreiben, wir müssen dahin kommen, sie mit ihm zu sprechen in und aus derselben Blickstellung. Das sehen lernen, was Kant meint, verlangt also, überhaupt ein Verständnis philosophischer Probleme lebendig zu machen. Die Einführung in die Grundprobleme jedoch schicken wir der Interpretation nicht voraus, sondern im Vollzug der Interpretation sollen wir in das Sachverständnis der philosophischen Pro/S.6:/ blematik hineinwachsen. Dann wird offenbar, daß und wie Kant einen wesentlichen Schritt vollzog in der Richtung auf eine grundsätzliche Klärung des Begriffes und der Methode der Philosophie. Das Eindringen in die philosophische Erkenntnis enthüllt aber zugleich den wesenhaften Unterschied der Philosophie gegenüber allen Wissenschaften. Im Unterschied aber wird zugleich die ursprüngliche Zusammengehörigkeit sichtbar. Wir nehmen durch die Interpretation der "Kritik" nicht nur Kenntnis von Anschauungen und Sätzen Kants. Wir sollen die Hauptprobleme seiner philosophischen Arbeit verstehen, und das heißt: philosophieren lernen. In der Absicht der Vorlesung schließt. sich sonach ein Mehrfaches zusammen: Kenntnisnahme der" Kritik der reinen Vernunft", Einführung in die Grundprobleme der Philosophie, Einübung der Auslegung und der wirklichen philosophischen Aneignung philosophischer Untersuchungen. Über Kant selbst, seine philosophische wissenschaftliche Entwicklung, sein Verhältnis zur Tradition und zur Folgezeit handeln wir jeweils, wenn der inhaltliche Zusammenhang der "Kritik der reinen Vernunft" dazu zwingt, so daß diese historischen Orientierungen zugleich die Interpretation unterstützen und vervollständigen. Zu diesem Zweck müssen wir auch auf die übrigen Schriften Kants eingehen. Das erste und einzige Ziel bleibt jedoch, das einheitliche Ganze der Kritik der reinen Vernunft zum philosophischen Verständnis zu bringen.

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Die Kennzeichnung der Interpretation als phänomenologische soll zunächst lediglich andeuten, daß sich die interpretierende Auseinandersetzung mit Kant unmittelbar aus der heute lebendigen philosophischen Problematik vollzieht. Was Phänomenologie ist, das soll sich in der Durchführung der Interpretation selbst demonstrieren. Bevor wir zur inhaltlichen Interpretation übergehen, bedarf es noch einer kurzen Erwähnung der wichtigsten Hilfsmittel: der Ausgaben der Werke Kants, der Einzelausgaben der Kritik der reinen Vernunft sowie der Literatur für die Interpretation.

/S.7:/ Ausgaben der Werke: I. Die vollständige kritische Ausgabe der Werke Kants ist von der Preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin seit Jahren in Angriff genommen, auf Veranlassung W. Diltheys. Kants gesammelte Schriften wurden auf 21 Bände berechnet, 17 Bände sind bisher erschienen. Die Schriften Kants sind in den Bänden 1-9 enthalten, die Briefe in Bd. 10-12, der Handschriftliche Nachlaß in Bd. 13-19, die Bände 20 und 21 enthalten Nachträge und Vorlesungen. Band 3 enthält die Kritik der reinen Vernunft in der 1. Auflage von 1781, Band 4 die 2. Auflage von 1787, soweit sie gegenüber der ersten Auflage verändert wurde (z. B. Paralogismus). II. Die Ausgabe von E. Cassirer, Kants Werke, 1912 ff., ist bereits abgeschlossen und enthält alles Wesentliche: Bd. 1-8 Schriften, Bd. 9 und 10 Briefe, Bd. 3 Kritik der reinen Vernunft, 2. Auflage. III. Die Ausgabe der Werke Kants in der Philosophischen Bibliothek von Meiner 1904 ff. Ältere Ausgaben von: G. Hartenstein, 10 Bd. 1838/9, Rosenkranz und Schubert 12 Bd. 1838-1842, Hartenstein 8 Bd. 1867 bis 1869.

Ausgaben der Kritik der reinen Vernunft: Benno Erdmann (nach B) 1878, in 5. Auflage 1900; Adickes, 1889, mit Anmerkungen und Einleitung; Karl Vorländer (nur B, A im Anhang), 1899 und später, mit guter Einleitung, Sach- und Personenregister; Ausgabe bei Meiner (2. Auflage und die Änderungen im Anhang), die neueste Ausgabe 1926 von R. Schmidt bringt beide Auflagen parallel und ist daher sehr brauchbar; die Ausgabe von Kehrbach bei Reclam bringt die 1. Auflage mit den Änderungen der 2. Auflage im Anhang. Biographisches: Die Darstellung und Charakterisierung des Lebens Kants und seiner Zeitgenossen von Borowski, von Jachmann und Wasianski, alle Biographien 1804 erschienen; Vorländer, I. Kant, Der Mann und das Werk, 2 Bände, 1924.

Literatur für die Interpretation: H. Cohen, Kants Theorie der Erfahrung, 1. Auflage 1871, 4. Auflage 1925, es ist sein erstes wissenschaftliches Werk. Charakteristisch ist für es, daß es wesentlich Erkenntnistheorie enthält; A. Riehl, Der philosophische Kritizismus, 2. Auflage 1908; B. Erdmann, Kants Kritizismus in der 1. und 2. Auflage der Kritik der reinen Vernunft, 1878; Vaihinger, Kommentar zu Kants Kritik der reinen Vernunft, 1. Band 1888, 2. Band

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1892, dieser Kommentar war auf fünf Bände berechnet und umfaßt jetzt die Vorrede zur 1. Auflage, die Einleitung A und B sowie die transzendentale Ästhetik. Alles Weitere ist bei Überweg III nachzusehen, besondere Literatur für die Interpretation wichtiger Spezialuntersuchungen wird jeweils an den betreffenden Stellen genannt werden. Zu bemerken bleibt jedoch, daß es nicht um die Literatur über den Text, sondern um den Text selbst geht.

Anhang 1 Vamhagen von Ense, Tagebücher 1, S. 46 2 Kants Antwort an Garve, Proleg. ed. Vorländer, S. 194 3 K. d. r. V. B 862, A 834 4 a. a. 0. B 370, A 314 5 Kants Streitschrift gegen Eberhard, 1790, Cass. VI, S. 71

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