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Berliner Zeitung, 22.09.2007, Politik S.

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Tagesthema
KOOPERATION

Marxloher Modell
Carsten Kaefert
DUISBURG. Imposant ist sie, die Merkez-Moschee, die derzeit in Duisburg-Marxloh
entsteht: Eine große Kuppel und ein 34 Meter hohes Minarett prägen das Gebäude, das die
Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib) baut. Leicht lassen sich die
orientalischen Verzierungen vorstellen, die den Bau später einmal schmücken sollen. Die
Moschee wächst in aller Stille, und das ist das Besondere in Duisburg.

Rheinaufwärts in Köln tobt eine heftige Debatte um den Bau einer Moschee, und auch in
Berlin und Frankfurt am Main wird um muslimische Gotteshäuser gerungen. In Duisburg aber
wächst alles still und leise. Der Grund: Alle haben im Vorfeld miteinander geredet - Stadt,
Anwohner und Kirchengemeinden. So viel Dialog zog zuletzt gar US-Botschafter William R.
Timken an, der sich über das Marxloher Modell informieren ließ.

Dabei hat es auch in Duisburg Versuche gegeben, die Ruhe zu stören, vor allem von ganz
rechts. "Es gab schon Proteste", sagt Hartmut Eichholz von der städtischen
Entwicklungsgesellschaft Duisburg. "So haben Rechte, also NPD und Freie Kameradschaften,
eine große Demonstration veranstaltet." Auch hätten Anwohner ihre Zweifel gehabt.
Eichholz: "Vor kurzem hat der Moschee-Verein das Projekt mit einem Modell auf einem
Stadtteilfest gezeigt. Da haben schon einige gesagt ,Das ist doch nicht nötig, ihr habt doch
schon genug'."

Doch sind die Fürsprecher in der Überzahl: Die Stadt stellt das Vorhaben stolz auf ihrer
Internetseite vor, und auch Ernst Raunig, Pfarrer an der evangelischen Kreuzeskirche in
Marxloh, ist ein Befürworter der Moschee, die sich nach seiner Ansicht deutlich von anderen
Moscheebauten hierzulande unterscheidet: "In der Moschee ist eine öffentliche
Begegnungsstätte. Ihr Raum bildet quasi die Basis des ganzen Baus und ist wirklich allen
zugänglich. Es gibt dort eine garantierte Offenheit", sagt er und lobt den "guten Dialog", den
man in Marxloh seit 20 Jahren pflege - zwischen Kirche und Muslimen sowie unter den
verschiedenen muslimischen Gruppen. "Man hat dort praktische Erfahrungen im Umgang
miteinander, darum herrscht gegenseitiges Vertrauen."

Eine weitere Besonderheit sehen Eichholz und Raunig in der Rolle, die die Frauen spielen:
"Entgegen allen Vorurteilen über den Islam waren es vor allem Frauen, die dieses Projekt
vorangebracht haben", so Pfarrer Raunig. Eichholz berichtet etwa von einer Skulptur des
Dialogs, die muslimische und christliche Frauen gemeinsam gebaut hätten. "Solche Vorhaben
haben den Weg geebnet", sagt er.

Züfiye Kaykin ist eine dieser Frauen. Die Leiterin der Begegnungsstätte erhielt für ihr
Engagement das Bundesverdienstkreuz. Auch sie lobt die gute Kooperation: "Es gab ein
Dreiergespann von Muslimen, Stadt und Beirat. Der hat die gesamte Entwicklung begleitet,
wodurch viele integriert wurden: Die Stadt genießt bei den Bürgern hohes Vertrauen, wie
auch die Kirche und die übrigen Beiratsmitglieder."

Der Beirat wurde gleich zu Beginn der Planungen gegründet. Er versammele "alle relevanten
Gruppen, von der Kirche bis zu den Nachbarn", sagt Eichholz. "Natürlich bleiben auch
welche fern, zum Teil andere große Moschee-Gemeinden, aber auch kleinere Gruppen,
christlich und muslimisch, die nicht so sehr in das Gemeindeleben integriert sind." In Marxloh
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sind neben der Ditib noch die Milli Görüs und kleine, überwiegend afghanische Vereine aktiv.
Auch Pfarrer Raunig sieht im Vorgehen der muslimischen Gemeinde mit der Gründung des
Beirats einen der Hauptgründe für die hohe Akzeptanz der Moschee: "Das hat man in
Marxloh anders gemacht als anderswo." Doch man lernt mittlerweile von den Duisburger
Erfahrungen: In Köln hat die Ditib kürzlich einen Beirat nach Duisburger Beispiel vorgestellt.

Im nächsten Frühjahr wird sich zeigen, ob die hohen Erwartungen erfüllt werden: Dann
nämlich soll die Moschee in Duisburg-Marxloh eröffnet werden.

DIE DEBATTE
Köln: Noch vor Baubeginn im Jahr 2008 sorgt die Zentralmoschee im Stadtteil Ehrenfeld für
Aufsehen. Ein Bürgerbegehren gegen den Bau scheitert an Verfahrensmängeln. Publizist
Ralph Giordano rügt das Projekt ("Es gibt kein Grundrecht auf den Bau einer
Großmoschee."). Seither erregt die Debatte bundesweit Aufmerksamkeit.

Berlin-Heinersdorf: Die Ahmadiyya-Gemeinde erklärt im Jahr 2006, auf einem


brachliegenden Grundstück im Berliner Norden eine Moschee bauen zu wollen. Die Moschee
steht kurz vor ihrer Fertigstellung. Zwischenzeitlich haben sich zwei Bürgerinitiativen
gegründet: eine für den Bau und eine dagegen.

Frankfurt am Main: Auch Hessen hat nun seine Moschee-Diskussion. Im Frankfurter


Stadtteil Hausen will eine türkisch-pakistanische Gemeinde ein Gotteshaus errichten, drei
Moscheen gibt es bereits in dem Kiez. Jetzt regt sich Anwohnerprotest.

ISLAMFORSCHERIN

"Die Debatten bieten auch Chancen"


Riem Spielhaus ist Expertin für Islamwissenschaft des nichtarabischen Raums am Institut für
Asien- und Afrikawissenschaften an der Humboldt-Universität Berlin. Mit einer Kollegin
erstellte sie die Studie "Islamisches Gemeindeleben in Berlin".

Frau Spielhaus, werden derzeit mehr Moscheen gebaut oder täuscht der Eindruck?

Auch wenn es manchmal so wirkt: Moscheen sind in Deutschland nichts Neues, in Berlin
wurde die erste schon 1927 eröffnet. In den Neunzigern gab es einen Bauboom bei Moscheen.
Auch damals gab es Konflikte, weil aber die meisten Moscheen in kleineren Städten
erstanden, blieben sie ein Thema der Lokalseiten - sowie andere umstrittene lokale
Neubauten. Insgesamt wurden in den 90er-Jahren in Deutschland rund 70 Moscheen gebaut,
damals gab es die meisten Neubauten.

Warum wird dann derzeit um die Neubauten so heftig gerungen?

Die Konflikte erregen aus zwei Gründen soviel Aufmerksamkeit: Einerseits werden jetzt in
Großstädten Moscheen gebaut. Dort ist es viel einfacher, mit den Konflikten Politik zu
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machen. Zudem sind die Medien und die Öffentlichkeit seit dem 11. September 2001 für
solche Themen sensibilisiert.

Dabei könnten Moschee-Neubauten einen Beitrag zum Dialog sein?

Diese Diskussionen sind eine große Chance, Versäumtes nachzuholen. In Köln-Ehrenfeld


etwa hat sich die Nachbarschaft schon seit langem verändert. Der Streit um die Moschee
bringt diese Veränderungen jetzt ins Gespräch. Oder in Berlin-Heinersdorf, wo man die
Veränderung selbst fürchtet; auch dort kann der Moscheebau Anlass für notwendige
Gespräche und Diskussionen sein. Die Debatten bieten also die Chance, endlich zueinander
zu finden. Dazu müssen sie aber konstruktiv begleitet werden.

Gibt es nationale oder regionale Unterschiede in den Herangehensweisen, was Moschee-


Projekte betrifft?

In Berlin gibt es sogar Unterschiede zwischen den Bezirken: Während in Neukölln nicht nur
Moschee-Neubauten, sondern sogar Umbauten schwierig sind und Genehmigungen dafür oft
abgelehnt werden, sieht es in Kreuzberg ganz anders aus. Dort hat es zwar gut 20 Jahre
gedauert, den Moscheebau auszuhandeln, aber schließlich wurde gebaut.

Könnte das Duisburger Dialogmodell nicht Schule machen. Oder was läuft in Köln falsch?

Das ist schwer zu sagen. In Köln wurde viel richtig gemacht. Man hat früh mit allen geredet,
Nachbarn und Medien informiert. Insofern ist das Scheitern dort fatal. Möglicherweise liegt
es daran, dass die Diskussion über den Moscheebau über die Nachbarschaft hinaus gewachsen
ist und plötzlich ein Thema für die ganze Stadt wurde und ganz andere Themen und
Interessen damit verknüpft werden konnten.

Das Gespräch führte Carsten Kaefert.