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WOCHENENDE
eine ganz besondere Heilkraft, und vierblättriger Klee, vor Sonnenaufgang gefunden, bannt

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Nr. 82

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diesjährigen Gründonnerstagsmesse an 12 Gläubigen die FusswaWenn Papst Johannes Paul II. während der schung vornimmt, entspricht dies einem allen kirchlichen Brauch. Wie diese Illustration David Herrlibergers aus zeigt, wurden dafür meist 12 arme Gemeindemilglieder ausgewählt. (Original: der I. Hälfte des IS. Jahrhunderts

Zauber. Ein «Antlasskrünzchen», aus Frühjahrsblumen gewunden, wird samt einem Antlassei in die erste Erntegarbe gesteckt. Ein solches Ei. unter der Hausschwelle vergraben, soll im Solothurnischen vor Unkeuschheit bewahren; im Emmental heisst es, Hühner aus Gründonnerstagseiern wechselten ihre Farbe jedes Jahr. Ganz bestimmte Gericht gehören seit alters e Gründonnerstag auf den Tisch. Der Brauch, etwas Grünes zu essen, ist auch heute noch weit verbreitet und bekommt seine besondere Bedeutung, wenn es sich dabei um «primeurs» oder. «Heuerseligs» handelt, das erste grüne Gemüse des Jahres. Je nach Gegend findet man da Salat, Grünkohl, Spinat, die Neun- oder Siebenkräutersuppe, die aus Kresse, Lauch, Nessel, Sauerklee, Zichorie, Löwenzahn, Bibernelle, Bachbunge und Fetthenne bereitet wird, oder grünes Gebäck, den Berner Kraut- und den flanderschen Grünkuchen, das Lünebruger Krautbrot, grüne Pfannkuchen in Berlin, grüne Krapfen in Böhmen oder die schwäbischen, mit Spinat gefüllten Maultaschen. Andere Gerichte, die nach altem Volksglauben die Lebenskraft erhöhen, kommen hinzu: ungesalzene Butter, Honig, Hirse, Linsen und Aepfel, und ganz besondere Kräfte werden den auf Gründonnerstag gelegten Eiern zugeschrieben.
Vom Gründonnerstagsei zum Osterei

genfliegen können zur Auferstehung der Toten.» So machte die Kirche aus dem üründonnerstagsei das Osterei, nicht zuletzt weil nach streng kirchlicher Vorschrift während der Fastenzeit keine Eier gegessen werden dürfen.

che Gründonnerstag als Tag der Versöhnung und des Abendmahls feiert. Nichtsdestoweniger wird aber auch der andern Ereignisse dieses Tages gedacht, indem diese in Passionsspielen oder -prozessionen dargestellt oder in Passionskrippen, ähnlich den uns vertrauteren Weih-

Mandelbrote und Osterglocken Wir haben eingangs erwähnt, dass die Kir-

nachtskrippen, aufgebaut werden. Das Ritual der Fusswaschung aufnehmend, bestimmte die Kirche schon früh den Gründon-

Zentralbibliothek Zürich)

Gründonnerstag

der vergessene Feiertag
Von Moia Schnyder

Als Tag, an dem Judas Christus verriet, gilt her. Diese Bedeutung geriet bald in Vergessender Donnerstag namentlich im katholischen heit, und die Volksetymologie bemächtigte sich Süddeutschland als Unglückstag. Gründonners- des Namens: Christus habe nach der Vorschrift tag selbst aber wird im allgemeinen nicht im des Gesetzes zum Passahlamm grüne, bittere Kräuter gegessen. Glaubhafter schiene da allerGedenken an dieses Ereignis begangen, sondern zur Erinnerung an die Einsetzung des Abend- dings jene andere Deutung: die Feier stamme mahls seit dem 4. Jahrhundert als Freudentag. aus vorchristlichem, germanischem Glauben Als solcher hebt er sich ab von den übrigen und gelte dem ersten Grün der wiedererwachenTagen der Karwoche (chora: Klage, Trauer). Bis den Natur . Vielfältiges Brauchtum zu Beginn des 13. Jahrhunderts hiess er «Antlasstag», Tag der Versöhnung, an dem sowohl Während an einigen Orten Ackerarbeiten am die jungen Täuflinge aus der Kirchenbusse Heiligkeit der Erde «entlassen» als auch die aus der Kirche ausge- Gründonnerstag wegen der gelten andernorts Aussaat schlossenen Sünder wieder in die Gemeinschaft strikte verboten sind, aufgenommen wurden, nachdem sie von und Düngen, das Säen von Blumen, Kohl und Aschermittwoch an vieFzig Tage Busse getan Leinsamen nebst andern Feld- und Ackerarbeifruchtbringend. Im Kanton hatten. Die heute übliche Bezeichnung «Grün- ten als besonders donnerstag» hat den gleichen Ursprung und lei- Bern wird dem eine reiche Ernte beschert, der grünen, greinen. mit Samen in der Tasche zur Predigt geht. Allertet sich vom althochdeutschen dem Heulen und Weinen der reuigen Sünder, lei Kräuter, an diesem Tag gesammelt, besitzen

Im Gründonnerstagsei, unserm Osterei mithin, sind germanisches, kirchliches und profanes Brauchtum beinahe unentwirrbar vereint: In der Feudalwirtschaft war der letzte Zehnten im Jahreslauf zu Ostern, genauer an Gründonnerstag, fällig. Da ein grosser Teil dieser Frühjahrssteuer aus Eiern bestand, war eben das letzte Ei, das die Schuld tilgte, das «Antlassei» (Antlass: Erlass, Entlassung). Es wurde meist in feierlicher Form überreicht, denn darauf hatte der Grundherr die Tilgung der Steuerschuld zu bestätigen. Gelegentlich spendierte er dabei ein Essen, oder die Bauern wurden beschenkt, etwa mit einem Ei für die Kinder. Es wurde dann Sitte, dass alle Hausgenossen mitsamt den Knechten Gründonnerstag ein Ei bekamen (reichte der Vorrat nicht aus, erhielten die Mädchen nur ein halbes!). Diese Eier wurden meist mit der Schale gegessen, was vor mancherlei Schaden während des Jahres schützen sollte. Schöne Eier fanden dann Verbreitung als Geschenk der Paten an ihre Patenkinder, und noch lange war «Gründonnerstagholen Gebrauch von eltlichen Orten, da die kleinen Kinder, ab-

Mit einer im Kirchturm installierten Gross-Rätsche wird in Kirchzarten bei Freiburg i. Br., wie in manchen andern katholischen Gegenden, während der glockenlosen Zeit zum Gottesdienst gerufen.
nerstag zum Tag des praktischen Liebesdienstes, an dem der Armen gedacht und ihnen Gaben gespendet werden sollten. Im sachsischen Herrnhut zum Beispiel wurde bis in unsere Zeit
den Armen ein «Liebesmahl» bereitet, bei dem sie das «Liebesmahlbrötchen» erhielten. In Westfalen und am Niederrhein verteilte die Kirche seit dem U.Jahrhundert nach dem Gottesdienst das Mandelbrot an die Armen, ein wekkenförmiges, mit ganzen Mandeln verziertes Gebäck, mit dem es seine Bewandtnis hatte: Vor der Austeilung wurde jeweils das Liebesgebot verlesen, das Jesus seinen Jüngern nach der Einsetzung des Abendmahls gegeben hatte:

«Mandatum novum do vobis, ut diligatis invi-

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Details aus der Gmünder Passionskrippe: die Verspottung Christi /links) und Christus vor Herodes (rechts).

sonderlich von bedürftigen Eltern, zu ihren PaEi" nebst ten gehen und das sogenannte andern Geschenken holen», wie in einem Frauenlexikon von 1715 zu lesen ist. Seit dem 17. Jahrhundert nahm das Verschenken von bunten Eiern allgemein zu, und diese wurden immer kunstvoller verziert. Zurück zum Antlassei: Um es aus den andern herauszuheben, wurde es meist rot gefärbt, was gleichzeitig ein Hinweis war auf das Blut Christi, das uns von Schuld und Sünde frei macht. Rot ist aber auch eine uralte nordische Kult- und Opferfarbe; den Wettergott Donar stellte man sich rothaarig vor, und auch die Sonne als Lebensspenderin war rot. So war denn Rot die Farbe des Lebens schlechthin, die ohnedies lebensvolle Kraft des Eies wurde also durch die rote Bemalung noch gesteigert. Das Ei als Lebensquell und Sinnbild werdenden Lebens begegnet uns in vielen Kulturen, und weithin in der vorchristlichen Welt bedeutet das mit bunten Ringen geschmückte Ei die Welt im Morgenrot, die Schöpfung von Himmel und Erde. Wenn auch nicht mit Sicherheit bezeugt, ist es doch naheliegend, dass bei germanischen Frühjahrsfeiern Eier eine Rolle spielten als Fruchtbarkeitssymbole und Opfergaben. Es war dann ein kleiner Schritt vom Ei als Sinnbild der Schöpfung zum Ei als Symbol der Auferstehung: die Eierschale als Grab, welches durch die Auferstehung gesprengt wird. Noch bildhafter führte dies ein Strassburger Prediger seiner Gemeinde 1640 vor Augen: «Die Ostereier sind ein Zeichen unserer Auferstehung, welche die gluxende Gluckhenne am Kreuz, Christus, ausDie Passionskrippe des Dominikanerinnenklosters Golteszell bei Schwäbisch Gmünd ist ein besonders schönes gebrütet und in dem Nest der Kirche aufgehalBeispiel einer Kastenkrippe des frühen 18. Jahrhunderts. In den Räumen eines zweigeschossigen Palastes und auf ten, bis wir flügge werden und Christo entgedem sich darüber erhebenden Kalvarienberg sind 16 Szenen aus Christi Leidensgeschichte dargestellt.

cem sicut dilexi vos, ut et vos diligatis invicem.» («Ein neu Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebet . . .») So war denn das Mandatum das Zeichen der Liebe und das Gebäck das Mandatumbrot, das Mandelbrot!

In katholischen Gegenden verstummen nach alter Vorschrift die Kirchenglocken am Gründonnerstag (meist nach dem Gloria), aus Trauer über Christi Tod. Es heisst auch, sie fliegen nach Rom, um dort die Osterbotschaft und den Segen des Heiligen Vaters zu holen. Am Niederrhein, in den Vogesen und in Belgien wird gar erzählt, die Glocken brächten die Ostereier mit und liessen diese bei ihrem Flug durch Hie Laft auf Wiesen und Gärten herunterfallen. Während die Glocken «zugebunden» sind, rufen Klappern, Rutschen und Chlefele zum Gottesdienst. Sie sind entweder auf dem Kirchturm angebracht, oder sie werden von der Dorfjugend durch die Strassen geführt, zusammen mit allerlei anderen Lärminstrumenten. Zwar zeigen die Kinder damit die Stunden des Gottesdienstes an, wofür sie mit Eiern, Wecken. Speck und Batzen entschädigt werden, doch kommen hierin auch verschiedene LSrmbrSuche zum Ausdruck. Einerseits, so etwa im Bündnerland, hiess es einst, es werde geraffelt, um die Juden, die Christus kreuzigten, zu vertreiben; anderseits soll durch den oft ohrenbetäubenden Lürm der Winter verscheucht und böse Geister ferngehalten werden. Solche Lärm- und Heischumzüge (Ostersingen) kennt man auch in protestantischen Gegenden. Weil auch die Orgeln schweigen in der Zeit, haben einstmals die Ministranten während der Messe geklappert. In der Schweiz haben sich solche Rumpelmetten am längsten im Wallis gehalten.?

Neue Zürcher Zeitung vom 07.04.1979

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