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Aber das sind unsere Gebete ja (meist) nicht.

Da stehen manchmal Gesundheit, oder gar das Leben auf dem Spiel. Billy Graham sagte einmal: „Gott antwortet auf jedes Gebet. Er sagt entweder ‘Ja‘, ‘Nein‘, oder ‘Warte‘.“ Das mag sein—aber es überfordert uns manchmal nervlich. Speziell dann, wenn die Heilung (bei Gläubigen) vielleicht tatsächlich erst im Jenseits erfolgt. Darauf kann man dann nur noch sagen: Dinge, die man absolut nicht verstehen kann, können aber immer noch heilen. Gefühle von Enttäuschtsein beim Beten können Tränen verursachen—aber die werden eines Tages abgewischt (Offb. 7,17). Übrigens eine Aufgabe, die Gott sich nicht nehmen lässt, persönlich auszuführen—er hat sie keinem Engel delegiert. Die Bibel versichert uns, dass jedes Gebet mit Sicherheit gehört wird, auch wenn es vielleicht nicht in unserem Sinne erhört wird. Widersprüche? Andere Stellen in der Bibel erscheinen übertrieben: „Wahrlich, ich sage euch auch: Wenn zwei unter euch eins werden auf Erden, worum sie bitten wollen, so soll es ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel.“ Mt 18,19 Was heisst das? Hier steht keine Einschränkung (und in einer ganzen Reihe von weiteren Versen auch nicht)! Wirklich alles? Es hilft uns an dieser Stelle, wenn wir uns vergegenwärtigen, was Paulus uns im Briefwechsel mit den Korinthern erklärt. „Ich habe euch in dem Brief geschrieben, dass ihr nichts zu schaffen haben sollt mit den Un-

züchtigen.“ 1. Kor. 5, 9 Eine klare Anweisung, oder? Also mit allen Unzüchtigen darf man nichts zu schaffen haben—so hatten die Korinther sie verstanden. Das war ein Zitat aus einem früheren Brief, wird uns erklärt. Jetzt aber fährt er fort: „Damit meine ich nicht allgemein die Unzüchtigen in dieser Welt oder die Geizigen oder Räuber oder Götzendiener; sonst müßtet ihr ja die Welt räumen. Vielmehr habe ich euch geschrieben: Ihr sollt nichts mit einem zu schaffen haben, der sich Bruder nennen lässt und ist ein Unzüchtiger oder ein Geiziger oder ein Götzendiener oder ein Lästerer oder ein Trunkenbold oder ein Räuber; mit so einem sollt ihr auch nicht essen.“ 1. Kor. 5, 10f. Oha, jetzt kommt die Wendung: Paulus erklärt uns, dass wir uns die Einschränkung „nur, wenn er sich Bruder nennen lässt“ hätten mit dazu denken müssen, auch wenn er sie nicht ausdrücklich geschrieben hat! Wörtlich, aber nicht mechanisch! Das heisst, wir sollen Bibeltexte wörtlich, aber nicht mechanisch verstehen—mit anderen Worten: Wir müssen von selbst alle Verse zum Thema sammeln und zusammenfügen, erst dann erhalten wir die komplette Gesamtaussage. Bibelverse widersprechen sich nicht, sie ergänzen sich. Oder noch anders gesagt: Wer sich über einzelne biblische Verse lustig macht, weil sie „so ja wohl nicht stimmen könnten“, hat in Wirklichkeit nur sehr oberflächlich gelesen. Je tiefer wir sie lesen, desto mehr haben wir die Chance, zu spüren: Gott will uns mehr als erhörte Gebete geben (die auch!) - nämlich etwas von sich selbst. Amen. Wolfgang v. Ungern-Sternberg 055 241 16 35 wolfgang.vonungern@chrischona.ch

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Predigt vom 11. November 2007

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„Oh Gott—warum antwortest Du mir nicht?“ Wer von uns hat nicht schon einmal diesen Stossseufzer Richtung Himmel geschickt? Nur gar zu gerne würden wir wissen, warum Gott dieses Gebet erhört—und jenes nicht. Es kommt uns unfair vor, hat er vielleicht Lieblingskinder? Müsste er denn nicht einsehen, dass dieses und jenes Gebet sinnvoll und dringend ist? Wir würden Gott so gerne zur Rede stellen, ihm unsere Logik aufzwingen und ihm seinen Irrtum nachweisen. Das Problem ist nur—es funktioniert nicht. Wenn wir mit Gott argumentieren wollen, stossen wir genauso schnell an Grenzen wie der Held in den Kinofilm „Bruce allmächtig“. In der Leinwand-Parodie vor „Gott“ zitiert, versucht er, ihn reinzulegen, indem er mit ihm ein Kinderspiel anfängt. Er streckt alle Finger einer Hand hinter dem Rücken aus, fragt Gott: „Wieviel Finger zeige ich?“ und Gott sagt: „Sieben.“ Seines Siegs gewiss reisst Bruce triumphierend die Hand nach vorne, um die fünf Finger zu zeigen— zählen sie mal nach! Im Film hat er sich dann ziemlich erschrocken und das Spiel verloren. Wenn wir uns enttäuscht davon fühlen, dass Gott auf unsere Bitten nicht antwortet, ist das natürlich kein Spiel—aber es illustriert, wie unmöglich es für uns ist, unseren Schöpfer vor Gericht zu ziehen. „Meine Wege sind höher als Eure Wege“ (Jes. 55,9) sagt Gott von sich—und das weist uns darauf hin, dass es hier für uns viel leichter ist, immer neue Fragen aufzuwerfen statt Antworten zu finden. Nachdem wir uns mit verschiedenen praktischen Aspekten schon in anderen Pre-

digten beschäftigt hatten, folgt nun noch das „dicke Ende“, wir müssen auch noch einen Blick auf die schwieriger zu verstehenden Seiten werfen. Das ist auch deswegen notwendig, weil hinter jedem „Warum erhört er mein Gebet nicht?“ meistens doch auch die Frage „Habe ich denn richtig gebetet?“ und „Was kann ich denn eigentlich erwarten?“ mitschwingt. Darum müssen diese beiden Aspekte miterörtert werden.

Gegensatzdenkens in der berühmten Aussage in Phil 2,12f: „12 [S]chaffet, daß ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern. 13 Denn Gott ist's, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.“ Äh, wo ist denn da der Zusammenhang bitte? Bis zum heutigen Tag entzieht es sich völlig meinem Verständnis, wieso V. 13 eine Begründung für V. 12 sein soll! Eigentlich sind das doch Gegensätze: Entweder ist es Gott, der sowohl den Willen als auch die Durchführung schafft, oder es ist meine eigene Anstrengung, oder? Wenn wir aber einmal genauer in die Bibel schauen, entdecken wir diese Art von Gegensatzdenken öfter, fast ständig, sobald es um wichtigere geistliche Zusammenhänge geht. Zählen wir mal nach: 1. Jesus ist ganz Gott und ganz Mensch (das hat noch niemand auf eine Reihe gebraucht, auch die vielen frühkirchlichen und späteren Definitionen nicht) 2. Gott ist einer und trotzdem drei (gleiches Problem wie bei 1.) 3. Wir sind schon heilig und müssen es ständig noch mehr werden 4. Die Bibel ist ganz Gottes– und ganz Menschenwort 5. Wir sind schon in den „himmlischen Örtern“, führen aber auch noch ein ganz quicklebendiges Leben hier unten Etc., etc.—man könnte die Liste noch lange fortsetzen. Merken wir etwas? Hier wird nicht „Logik“ aus der beschränkten Perspektive unseres menschlichen Verstandes betrieben. Aus Gottes Sicht sicher, gewiss ist es von dort aus logisch. Aber für uns klingt es eher verwirrend. Es ist, wie wenn man ins Museum geht

und um eine komplizierte Skulptur herumläuft. Aus der einen Richtung sieht sie aus wie ein Pfeil, der nach oben zeigt. 90° mehr von rechts ähnelt sie mehr einem Durchgang durch eine geborstene Metallplatte. Wie sie wirklich aussieht? Die Bibel hält manches Ärgernis für den Bereit, der versucht, ihre Aussagen alle „in eine Richtung zu bürsten“. Wir können nur demütig um das Kunstwerk von Gottes Plan herumlaufen, ihn aus verschiedenen Richtungen beschreiben— und müssen dabei in Kauf nehmen, dass die einzelnen Seiten ganz unterschiedlich aussehen können, und es unserem Verstand schwer fällt, die Bilder zusammenzusetzen. Fassen wir es so zusammen: Auf der einen Seite werden wir ermahnt, nicht dem Bild eines „Automatengottes“ zu verfallen, nicht zu meinen, dass wenn wir die richtigen „Knöpfe drücken“ und „richtig beten“, die Reaktion mechanisch erfolgen müsste—auf der andern Seite wird uns aber (wie gesagt) deutlich erklärt, wie wir beten sollen, und das auch eingefordert. Luther erklärte einmal: „Man soll beten, als ob alles arbeiten nichts nützen würde, und arbeiten, als ob alles beten nichts nützen würde.“ Jedes an seinem Ort. Erst beten wir— dann arbeiten wir. Erst bollern wir Gott wie

verrückt gegen die Tür und machen richtig ernsthaft Druck bei ihm—und dann bekennen wir im Lobgottesdienst, dass er unsere Anliegen schon vor uns kennt. Kriegt man davon einen Knoten im Hirn? Nur, wenn man zu sehr drüber nachdenkt. Nicht beim Tun, wenn man beides an seinem Ort tut. „Ein Taschenrechner kann seinen Erbauer nicht verstehen“, sagt man—und wir sollten uns nicht wundern, wenn wir nicht alle Seiten von Gottes Plan verstehen. Gegenteilig scheinende Dinge zu tun bzw. zu bekennen ist normal in der Bibel— leider. Wir hätten es gern anders, aber es ist eine Grenze, die unsere Geschöpflichkeit leider mit sich bringt. Heilen und Verstehen Andere Dinge sind leicht zu verstehen. Wir sollen „nach seinem Willen“ bitten“ und nicht aus Verschwendungssucht (Jak 4,3), als gestandene Christen sind wir uns darüber im Klaren, dass wir nicht mit einer Erhörung rechnen können, wenn wir bewusst Sünde in unserem Leben dulden bzw. unlautere Motive verfolgen (Ps 66,18). Weniger bekannt ist da schon, dass die „Erfolgsquote“ von Gebeten auch von der Qualität der Ehe abhängen kann (1. Petr. 3,7). Gerade bei Konflikten untereinander kann das schwierig sein. (Manche sagen: Man sollte seinen Ehepartner nicht Umbeten, sondern umbeten.) Und trotzdem: Auch wenn wir uns noch so sehr bemühen, manchmal fühlen wir uns trotzdem ratlos. Uns allen ist klar, dass es „dumme“ Gebete gibt, die, obwohl gut gemeint, nur Schwierigkeiten verursachen müssen. Im Film versucht Bruce, der für eine Woche „Gott spielen“ darf, sich der Last der vielen Gebete, die er nun plötzlich hört, auf sehr summarische Weise zu entledigen: Er antwortet einfach auf alle „Ja!“ - mit verheerenden Folgen. (Es gibt anschliessend Hunderttausende von Lottogewinnern, die logischerweise aber als Einzelne dann nur noch ganz wenig Geld erhalten, was zu heftigen Unruhen führt.)

Wenn dem nicht so wäre, hätte Petrus bei Paulus wohl nicht monieren müssen, seine Briefe wären z.T. „schwer zu verstehen.“ (2. Petr. 3,16) Paradoxe sind biblisch—leider Wir stehen als Christen in punkto Gebet vor einem ganz merkwürdigen Paradox: Auf der einen Seite, wird uns heftig und nachdrücklich ans Herz gelegt, dass wir „ernsthaft“ (Jak, 5,16) „immer beten und nicht nachlassen“ sollen (Luk 18,1), bis dahin, dass wir bei Gott wie bei einem ungerechten Richter gegen die Tür bollern, um uns Gehör zu verschaffen (Luk 18). Eigentlich ist das skanalös— wenn das irgendjemand anderes als Jesus gesagt hätte, würden wir ihn steinigen! Auf der anderen Seite wird uns entgegengehalten, dass wir Gottes Wege und Pläne nicht verstehen können (wie schon in Jes. 55,9 genannt) und wir werden ermahnt, beim Beten nicht „plappern“ bzw. „viele Worte machen“ sollen, denn euer Vater weiss, was ihr braucht, bevor ihr ihn bittet.“ (Mat 6,7f.) Ja, was denn nun? Wie gehen wir mit diesen scheinbaren Widersprüchen um? Zum Gipfel kommt diese Art biblischen