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Falkenstrasse 1 8630 Rüti

Predigt vom 09. Dezember 2007

„durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe“ (Luk 1,78)

Ein kleiner Junge war dabei, seinen Part für die jährliche Weihnachtsfeier in seiner Gemeinde auswendig zu lernen. Als seine Mutter ihm dabei half, sich seinen Text einzuprägen, unterbrach er sie plötzlich und meinte: „Mami, können wir die Geschichte dieses Jahr nicht ändern? Sie ist jedes Jahr die gleiche!“ Gewohnheit stumpft ab Das ist sie tatsächlich! Darum müssen wir uns davor hüten, uns von der Vertrautheit mit dem Text den Blick für seine Einzigartigkeit nehmen zu lassen. Ein junges Missionarspaar war auf der Ausreise auf sein Feld, wo es den Dienst von versierten Veteranen übernehmen sollte, die aus Altersgründen ausschieden. Die altgedienten Arbeiter gaben ihren jungen Nachfolgern u.a. folgenden Rat mit auf den Weg: „Was Ihr auch immer an Fotos machen wollt für Eure Freunde zu Hause—macht sie in den ersten sechs Monaten! Denn anschliessend werdet Ihr den Blick für das, was die anderen zu Hause gerne sehen wollen, verlieren, weil Ihr euch schon viel zu sehr an all die neuen Eindrücke gewöhnt habt!“ Manche sagen, aus Vertrautheit würde Verachtung erwachsen—aber das ist zu stark. Man könnte eher sagen: Gewohnheit macht blind. Was man zu lange gesehen hat, nimmt man

nicht mehr so bewusst wahr. Jeder, der verheiratet ist, wird früher oder später einmal daran erinnert: Nimm Deinen Ehepartner nicht als selbstverständlich hin. Sei dankbar, dass Du ihn hast, er ist wirklich ein Geschenk! Jeder, der Kinder hat und den ganzen Tag mit ihnen zusammen ist, muss sich einmal wieder bewusst daran erinnern: Kinder sind ein riesiges Geschenk, über das man sich jeden Tag neu wieder freuen kann—auch wenn sie einem manchmal auf den Nerv gehen und man es vielleicht gerne leiser hätte! :-) Jeder, der eine Arbeitsstelle hat, oder zur Schule geht, muss sich (wahrscheinlich ziemlich bald) wieder daran erinnern: Das ist an sich kein Grund zum Stöhnen, sondern man kann dankbar sein dafür, dass man sie hat! Schulbildung ist ein kostbares Gut, dass längst nicht jedem auf der Welt zuteil wird, und Arbeit wird von vielen heiss ersehnt! Ihr seht, die Liste könnte man endlos weiterführen. Gewohnheit stumpft ab. Innerlich „übersehen“ wir Dinge leicht, die wir schon zu lange gesehen haben. Und wenn das schon für körperliche, offenkundig sichtbare Dinge gilt (Ehepartner, Kinder, Beruf, Schule), um wieviel mehr gilt es dann für geistliche Dinge, für die wir erst die „Augen des Herzens“ bemühen müssen, um sie überhaupt zu sehen!

Unser Ehepartner, unsere Kinder werden sich ganz sicher bemerkbar machen, wenn wir sie eine Weile nicht oder nicht genügend anschauen! Gott tut das in aller Regel nicht in dieser Form—er ist ein Gentleman, der nicht protestiert, wenn ihm nicht die gebührende Aufmerksamkeit zuteil wird. Gewohnheit stumpft ab—und genau das war das Problem des Mannes, dem wir heute begegnen werden. Wollt Ihr einen Mann sehen, der ultimativ bibelfest ist? Hier ist er. Wollt Ihr einen Mann treffen, der sein Leben lang unverrückbar, in Treuen fest, seinem Gott im Tempel gedient hat? Hier steht er vor Euch. Er ist einer der felsenfesten im Lande. Nicht jemand, der sein Mäntelchen nach dem Wind hängt, der heute so und morgen anders sagt. Nein, unverrückbar fest wie die Schweizer Berge steht er zu seinem Gott. Ein Mann wie ein Fels in der Brandung. Da ist kein Wort in der Bibel, zu dem er nicht Amen sagen würde. Möchtet Ihr einem Mann begegnen, den Gott bestraft für seinen Unglauben? Seht ihn Euch genau an—es ist derselbe Mann. „5 Zu der Zeit des Herodes, des Königs von Judäa, lebte ein Priester von der Ordnung Abija, mit Namen Zacharias, und seine Frau war aus dem Geschlecht Aaron und hieß Elisabeth. 6 Sie waren aber alle beide fromm vor Gott und lebten in allen Geboten und Satzungen des Herrn untadelig. 7 Und sie hatten kein Kind; denn Elisabeth war unfruchtbar, und beide waren hochbetagt. 8 Und es begab sich, als Zacharias den Priesterdienst vor Gott versah, da seine Ordnung an der Reihe war, 9 daß ihn nach dem Brauch der Priesterschaft das Los traf, das Räucheropfer darzubringen; und er ging in den Tempel des Herrn. 10 Und die ganze Menge des Volkes stand draußen und betete zur Stunde des Räucheropfers. 11 Da erschien ihm der Engel des Herrn und stand an der rechten Seite des Räucheraltars. 12 Und als Zacharias ihn sah, erschrak er, und es kam Furcht über ihn. 13 Aber der Engel sprach zu ihm: Fürchte dich nicht, Zacharias, denn dein Gebet ist erhört,

und deine Frau Elisabeth wird dir einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Johannes geben. […] 18 Und Zacharias sprach zu dem Engel: Woran soll ich das erkennen? Denn ich bin alt, und meine Frau ist betagt. 19 Der Engel antwortete und sprach zu ihm: Ich bin Gabriel, der vor Gott steht, und bin gesandt, mit dir zu reden und dir dies zu verkündigen. 20 Und siehe, du wirst stumm werden und nicht reden können bis zu dem Tag, an dem dies geschehen wird, weil du meinen Worten nicht geglaubt hast, die erfüllt werden sollen zu ihrer Zeit.“ Lukas 1,5—20 Wie schade, dass Zacharias gestolpert ist über die überraschende Verheissung des Sohnes. Denn dadurch ist ihm das Wesentliche an den Worten des Engels entgangen, nämlich die wundervolle Bedeutung dieses Sohnes:

„14 Und du wirst Freude und Wonne haben, und viele werden sich über seine Geburt freuen. 15 Denn er wird groß sein vor dem Herrn; Wein und starkes Getränk wird er nicht trinken und wird schon von Mutterleib an erfüllt werden mit dem heiligen Geist. 16 Und er wird vom Volk Israel viele zu dem Herrn, ihrem Gott, bekehren. 17 Und er wird vor ihm hergehen im Geist und in der Kraft Elias, zu bekehren die Herzen der Väter zu den Kindern und die Ungehorsamen zu der Klugheit der Gerechten, zuzurichten dem Herrn ein Volk, das wohl vorbereitet ist.“

Zacharias: Frommer Unglauben par excellence Man könnte sich an dieser Stelle natürlich fragen, warum Lukas uns eigentlich so viele Details gibt über die Begegnung von Zacharias und dem Engel. Die Bibel ist sonst eigentlich bekannt dafür, dass sie die grössten Ereignisse in grösster Kürze berichten kann und das sich Vorstellen der Einzelheiten im wesentlichen uns überlässt. Das Leben ganzer Könige wird im Alten Testament z.T. mehr oder weniger mit „er tat, was dem Herrn wohlgefiel“ (oder tat es eben nicht) abgehandelt. Zacharias, bzw. die Worte Gabriels an ihn, bekommen hier mehr Platz als mancher König. Warum der Aufwand schon für den Vorläufer Jesu? Vielleicht deswegen, weil Zacharias Unglauben symptomatisch ist. Er fasst genau alles das zusammen, was dem Glauben an Gottes Verheissungen entgegensteht und bezeichnet das Milieu, in dem dieser Unglaube am schmerzhaftesten ist. Da ist zunächst mal seine Entgegnung an den Engel: „ich bin alt, und meine Frau ist betagt.“ (Luk 1,18) Autsch! Das sind fast genau die Worte Abrahams und Saras, nachdem Gott Abraham einen Sohn verheissen hat. (Gen 17,17; 18,12f.) Speziell Sara wird sofort drauf von Gott getadelt dafür. Der Unglaube Saras und Abrahams an den verheissenen Sohn ist mehr als die Geschichte von einzelnen—er gehört zum Urtypus der jüdischen Geschichte überhaupt! Das ganze Motiv hat so weitreichende, tragende Bedeutung, dass es die ganze Geschichte des Volkes Israel beeinflusst hat! Abraham und Saras Unglauben war es nämlich, der dazu führte, dass es statt dem verheissenen Sohn noch einen weiteren, aus der Linie von Gottes Verheissung her betrachtet eigentlich illegitimen, Sohn gab, Ismael, den Sohn, der mit der Magd Hagar gezeugt wurde. Auch er wurde zum Stammvater für ein „grosses Volk“ (Gen 17,20) und für Fürsten, aber weil er ein „wilder Mensch … [war]; seine Hand wider jedermann und jedermanns Hand wider ihn“ (Gen 16,12), wurden das eben Fürsten und Völker, die sich später feindlich zum Volk Gottes stellten! Wahrhaftig kann man also sagen: Der Unglaube Abrahams und Sarais hatte in seiner Bedeu-

tung so epische Proportionen, dass man von einem „Geburtsunglück“ des jüdischen Volkes sprechen kann. Weil zwei Menschen Gott nicht glaubten, dass er ihnen im hohen Alter einen Sohn geben könnte, mussten letztlich Generationen ihrer Nachfahren über Jahrhunderte unter feindlichen Völkern leiden. Als frommer Priester hätte Zacharias das wissen müssen! Moment! Hat er das denn nicht? Hier kommt eben genau das Brisante! Wissen und Wissen ist nicht dasselbe! Natürlich hat Zacharias das alles gewusst! Und er hätte die Texte wahrscheinlich auswendig zitieren können und aus dem FF die Stellen nennen können! Er war Tag um Tag seines Lebens umgeben von den Dingen des Tempels, von all‘ den Hinweisen auf Gottes Güte und seinen unverbrüchlichen Bund. Seine Welt bestand aus Erinnerungen daran. Das Problem ist nur: Es hat ihm in diesem Moment überhaupt nichts genützt! Das Problem war nicht mal, dass er das alles irgendwie nicht geglaubt hätte. Keine Spur davon! (Damit bildet er einen angenehmen Gegensatz zu vielen heutigen Auslegern.) Nein, das Problem ist ein anderes—dass er nämlich keinen persönlichen Bezug zu seiner Situation hergestellt hat! Wir können ihm, meine ich, keinen Vorwurf machen—schliesslich erging es Abraham selbst in diesem Punkt auch nicht besser als ihm (wobei man aber sagen muss, dass Abraham natürlich an anderen Stellen makellos richtig reagierte und darum völlig berechtigt als Glaubensvorbild bezeichnet wird (Röm 4,11f.; Heb 11,8ff.)). Und warum fehlte Zacharias der persönliche Bezug? Deswegen, weil vorher etwas geschehen war, was für das Volk Israel nämlich sehr schwierig war: Das sogenannte „Schweigen Gottes“. Etwas mehr als 400 Jahre vorher war nämlich das grosse „Schweigen“ Gottes eingetreten—ungefähr so viel liegt nämlich an Zeit zwischen dem letzten Propheten des Alten Testaments, Maleachi und dem Anfang des Neuen Testaments. Maleachi hatte zugleich die letzte Verheissung über den Vorboten, der vor der Geburt des

Messias kommen sollte. Er wird „das Herz der Väter bekehren zu den Söhnen und das Herz der Söhne zu ihren Vätern“ (Mal 3,24), um das Gericht Gottes abzuwenden und den Weg für den Messias vorzubereiten. Der Vorläufer würde das Volk darauf vorbereiten, dass „die Herrlichkeit des HERRN offenbart werden“ wird, hatte schon Jesaja geschrieben (Jes 40,5). Aber es gab eben ein Problem dabei: Zwischen der letzten Verheissung im Alten und dem Beginn der Erfüllung im Neuen Testament lagen über 400 Jahre. 400 lange Jahre. Sicherlich eine dunkle Periode der Geschichte des Gottesvolks für die, die doch so sehr auf seine Erlösung und die Erfüllung von Gottes Verheissungen warteten! Was ist genau im Herzen Zacharias‘ vorgegangen, als er den Engel traf? Wir wissen es nicht—aber die lange Pause, die Gottes Reden eingelegt hatte, wird sicherlich ein Problem für seinen Glauben und den des Volks gewesen sein. Warten macht das Herz müde. Wie ist das denn bei uns? Wie lange ist es in Deinem Leben her, dass Du von Gott Wegweisung bekommen, seine Stimme gehört hast? Das braucht nicht eine Erscheinung zu sein wie bei Zacharias– aber ganz gewiss das sichere Fühlen von Gottes Nähe. Wenn das schon lange her ist—nicht 400 Jahre, aber vielleicht viele Jahre in Deinem Leben! — hat es Dich müde gemacht? Wenn ja, bist Du in guter Gesellschaft—aber Weihnachten ist die Zeit, in der Gott uns ganz besonders an seine Bundestreue erinnert: Er kann eingreifen und sogar die Umstände der Natur, der Schöpfung ändern, und hochbetagten Menschen Kinder geben. Er kann eingreifen, und Deinen hartherzigen Verwandten, der ein Leben lang ein Spötter war und nichts, aber auch gar nichts, von Gott wissen wollte, zu sich ziehen und bekehren. Er kann eingreifen und das Leiden, dass Dich schon so lange beschwert, mildern. Er kann die Herzen der Menschen lenken wie Wasserbäche—auch Versöhnung schenken mit Deinem Freund/Deiner Freundin, mit der Du Dich schon vor Jahren verkracht hast und von dem oder der Dich seitdem ein Graben trennt. Der ständige Aufenthalt im Tempel hatte Zacharias nicht geschützt—selbst sein (völlig richtiges!) frommes Tun hat ihn nicht

für die entscheidende Begegnung mit Gott vorbereitet. Offensichlich hatten er und seine Frau ja sogar für einen Kind gebetet, denn Kinderlosigkeit wurde damals oft als Schande angesehen. Und ebenso offenkundig müssen sie wohl schon längere Zeit vor dem Erscheinen des Engels wieder enttäuscht damit aufgehört haben, als sie langsam „hochbetagt“ wurden. Wie schade—ist das nicht etwas, das uns nachdenklich machen sollte? Wir können „fromm vor Gott“ sein und lebten „in allen Geboten und Satzungen des Herrn untadelig [leben]“ (Luk 1,6), und doch fehlt uns das Entscheidende, Gottes Verheissung im Glauben anzunehmen. Das Entscheidende ist die Bereitschaft, zu glauben, dass Gott nicht nur irgendwo in der Weltgeschichte, sondern an uns Unmögliches tun kann! Es ist die alte Frage, die sich kristallisiert am Unterschied zwischen: „Gott kann alles tun, was er will“ und „Gott kann durch mich bzw. an mir alles tun, was er will“. Formell sind die beiden Sätze gleichwertig, man kann logischerweise nicht den zweiten verneinen, wenn man an den ersten glaubt. Aber doch—fällt uns der erste nicht so viel leichter? Und Hand auf‘s Herz—stocken wir nicht beim zweiten? Zacharias konnte, nachdem ihm die Strafe durch den Engel auferlegt worden war, nicht mehr den Segen über das Volk sprechen, das draussen wartete. Ebenso kann es uns gehen: Wenn sich Unglaube in unserem Inneren breitmacht, verlieren wir die Kraft, zu segnen. Gott möchte, dass unser Inneres wieder in Ordnung kommt, dadurch, dass wir wieder an seine Kraft glauben können. Dann können wir andere wieder vollmächtiger segnen —denn dazu sind wir alle berufen, weil wir in Christus alle Priester sind (1. Pet 2,9). Und uns wenn bei all‘ unserem frommen Tun das persönliche Ergriffensein von Gottes Nähe abhanden gekommen ist und wir seine persönliche Ansprache schon lange nicht mehr gehört haben—dann ist Weihnachten und die Adventszeit die Verheissung dafür, dass sich das ganz plötzlich ändern kann!   Wolfgang v. Ungern-Sternberg 055 241 16 35 wolfgang.vonungern@chrischona.ch