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Rubrique: Manifestation Austausch Noel Kingsbury: Ein Garten ist nie natürlich!

Organisiert durch die Sektion Westschweiz der Gesellschaft schweizerischer Staudenfreunde (GSS) hatten wir die Chance Noel Kingsbury im Februar zu einer Tagung in der Aula der Schule im freiburgischen Grangeneuve einzuladen. Die mehr als 140 anwesenden Fachleute und Staudenfreunde konnten dem englischen Gärtner Fragen stellen. Text: Xavier Allemann, lautrejardin, Cormérod Photos: Piet Oudolf, Jean-Luc Pasquier Wer mit Stauden arbeitet, der wird früher oder später auf Noel Kingsbury mit seinem lebhaften, neugierigen und ganz anderen Blick auf diese Pflanzen aufmerksam: Der Gärtner aus England hat eine grosse Vision. Er liebt es zu reisen. Er ist mit Gärtnern zusammen und diskutiert mit ihnen ihre Gartenprojekte. Und glücklicherweise hat er auch ein schriftstellerisches Talent. Er ist einer der besten Botschafter für naturnahe Gärten, Gärten, die aus ästhetischer Sicht einiges abverlangen, die aber Mensch und Natur versöhnen. Mit einem Schuss Humor, bemerkte er zu Beginn der Tagung, die mit 10 Minuten Verzögerung begann: „Wie kann das sein? Sind wir hier nicht in der Schweiz?“ oder nicht ohne Pathos: „Einige Pflanzen sind programmiert, nicht länger als drei bis vier Jahre im Garten zu leben, wie die meisten Echinaceen, und natürlich ist es so: Wir müssen damit leben“. Ein Dialog zweier begeisterter Staudenliebhaber: Noël Kingsbury et Xavier Allemann für g’plus.

Xavier Allemann für Horticulture Romande: Noel, in welchem Garten sind Sie aufgewachsen? Noël Kingsbury: Meine Mutter, eine Kinderbuch-Autorin, kaufte einen in sich geschlossenen Gemüsegarten, welcher zu einem Herrschaftshaus gehörte. Sie baute darin ein Haus. Mein Vater liess sich frühzeitig pensionieren und hat sich stets um den Garten gekümmert. Ich war viel mit ihm zusammen. XA: Wer hat Sie den Pflanzen näher gebracht? NK: Es war mein Vater. Meine Mutter arbeitete nie im Garten, aber sie kannte die Namen aller Wildblumen XA: Sie begannen ihre Karriere als Gärtner mit Pflanzen, die vor der der Winterkälte geschützt werden musste, jenes Sortiment, welches auch in den viktorianischen Gärten verwendet wurde.

NK: Ich startet mit meiner Gärtnerei 1986 und gab sie 1992 auf. In den 90er-Jahren waren die Gärten in England voll im Auftrieb. Die Pflanzen, die es dazu brauchte, überwinterten in Folientunnels. Die Royal Horticultural Society hat mein Sortiment überaus geschätzt. Es hat auch einem breite Publikum gefallen, was mir zu einer guten Publizität verhalf. Das war der Anfang einer Periode von milden Wintern, wie sie diesem Sortiment zusagen. XA: War der Beruf des Gärtners ihr erster Beruf? NK: Nein, ich unterrichtet Englisch als Zweitsprache, vor allem für Immigranten. Ich wollte einen beruflichen Wechsel und mit den Kenntnissen, die ich hatte, startete ich mit meiner Gärtnerei. XA: Welche Gärtnerei hat sie inspiriert? NK: Keine spezieller Typ. Sicher gehört Beth Chatto mit ihrer Gärtnerei, ihrem Garten und ihren aussergewöhnlichen Pflanzen dazu. In den 80er-Jahren sind viele Fachleute nach Colchester gepilgert. Die Engländer waren eher bereit, ein neues Ideen aufzunehmen, als die übrigen Europäer. XA: Nach der Lektüre des Buches über die Farben von Sandra und Nori Pope, musste ich feststellen, dass der ganz spezielle Garten von Hadspen nicht mehr exisitierte. Sie suchten Fotos von diesem Garten. Können Sie uns etwas darüber erzählen? NK: Das ist eine lange Geschichte. Die Popes hatten einen Garten nach ihre Wünschen gestaltet und sind dann nach Kanada zurückgekehrt. Der Erbe des Gartens, Neil Hobhouse, der Sohn von Penelope war nicht Gärtner von Beruf. Er bat die Frauen aus der Region, sich von den Pflanzen zu bedienen. Der Garten wurde vollständig geräumt. Dann startete er einen Wettbewerb zur Neugestaltung des Gartens und erhielt 120 Eingaben. Ich war eines der Mitglieder der Jury und wir haben uns für zwei Projekte entschieden: Ein Nachtgarten und eine Schul-Gemüsegarten. Leider wurde keines der Projekte realisiert und gingen verloren. XA: In unserem Beruf spricht man vor „Naturgarten“ und gelangte dann zum Begriff „naturnaher Garten“ Die Gärtner machen keinen Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen. Wie sehen Sie es? NK: Das Wort «natürlich» ist in Mode. Man missbraucht es. Alles was natürlich ist, ist „gut“, Lebensmittel, Shampoo….. . Es handelt sich um ein Marketingkonzept nebst anderen. Ein Garten ist nie natürlich. Das Adjektiv naturnah ist vorzuziehen, es gibt den Eindruck, von der Natur inspiriert zu sein. In England gibt es die "wildlife gardens" (Wildgärten) in welchen sich das Leben der Wildflora und –Fauma entwickeln kann oder die "naturalistic gardens" (naturalistische Gärten) mit Pflanzengemeinschaften, die eher ästhetischen Aspekten Rechnung tragen. In der EU spricht man vom "New romantic garden" und in Deutschland vom "neuen deutschen Stil". XA: Die Natur ist unter Druck und zieht sich mehr und mehr zurück. Kann der Garten sie erstetzen? NK: All die Gärten zusammen genommen, nehmen eine grosse Fläche ein. Die Fauna siedelt sich in diesen Gärten an. Margrit Owen, eine Entomologin, hat um das Jahr 2000 eine Studie über die Biodiversität in ihrem Garten, die sie über 20 Jahre studierte, veröffentlicht.

Ein Garten in Leicestershire, nicht unbedingt ein biologischer, zeigte eine aussergewöhnliche biologische Vielfalt. XA: Ein Artikel über einen alten Garten mit einer Vielzahl von Pflanzen aus verschiedenen Kontinenten, die eine Vielzahl Insekten – Adulte wie Larven – anlockte, hat meine Aufmerksamkeit geweckt. Die Biodiversität schien grösser zu sein, als auf einheimischen Pflanzen. NK: Die Amerikaner haben dieses Thema viel diskutiert. Gelegentlich führten sie zu extremen Positionen. In den USA sind Insekten, deren Larven monophag sind, viel zahlreicher. In Europa ist die Situation als Folge der Eiszeiten anders. Die Larven sind oft polyphag. Das ist sehr wesentlich, denn gemäss den Studien der Universität Sheffield ist die Verschiedenartigkeit der Lebensräume und die Stetigkeit zwischen diesen und den darin gedeihenden Bäume ausschlaggebend. XA: Kann man zwischen den Schweizern und den Amerikaner Parallelen ziehen. was den Umgang mit den invasiven Neophyten betrifft? NK: Ich habe von den extremen Positionen in dieser Frage in der Schweiz gehört. In Deutschland gestaltete man während des zweiten Weltkrieges die Gärten nur mit einheimischen Pflanzen. In England bedienen sich heute einige Magazine einer Sprache aus den 20er-Jarhren des letzten Jahrhunderts, wenn sie von invasiven Pflanzen sprechen. XA: Gibt es in England eine schwarze Liste der invasiven Pflanzen? NK: `Ja, aber im Vergleich zu anderen Ländern sind die Probleme nicht so gravierend. Es gibt Diskussionen wegen Fallopia japonica. Wir haben ein Insekt eingeführt, welches die Pflanze befällt und uns hilft, diese Populationen unter Kontrolle zu halten. Der Knöterich wird nicht ausgerottet, aber es besteht die Chance, ihn unter Kontrolle zu halten. Diese Pflanzen kommen zu uns, ohne ihre Feinde, doch würden Krankheiten und Insekten sie in Schach halten. Kommt hinzu, dass der Knöterich einen sehr interessanten Lebensraum für den Fischotter bietet und verschieden einheimische Pflanzen mit ihm koexistieren. Was soll man zu Rhododendron ponticum sagen, der in vor den Eiszeiten in England einheimisch war, und sich über die Gärten hinaus verbreitet, um jetzt auf der schwarzen Liste zu stehen?

XA: Gille Clément hat einen anderen Ansatz zu den invasiven Pflanzen: Warum soll man sie entfernen? NK: Ich bin mit ihm einverstanden. Wir können sie unter Kontrolle halten, aber nicht ausrotten. Apropos: Ich habe sehr gute Knöterichrezepte. XA: Es gibt Leute, die den Garten als weiteres Zimmer ihres Hauses sehen. Verlieren die Pflanzen dabei ihre Bedeutung? NK: Es ist alles eine Frage des Marktes zwischen den Verkäufern und Käufern! Es war der Fehler von Thomas Church, einem kalifornischen Architekten, der in den 60er-Jahre Swimming-Pools schuf, die eine organische Form hatten (lacht). Im Garten zu leben ist der Traum der amerikanischen Mittelschicht, die Welt soll diesem kalifornischen Modell folgen. Es stimmt mich traurig, wenn gewisse Leute den Garten nicht mehr zuerst als Ort sehen, wo

Pflanzen hingehören. In England dagegen ist heute der Gemüsegarten sehr in Mode. Die Pflanze hat eine grosse Zukunft vor sich. XA: Erzählen Sie mir von der Bewegung "Perennials Perspective", bei welcher sie selbst dabei waren. NK: Das ist lange her! In den 90er-Jahren trafen sich deutsche Gartengestalter wie Richard Hansen, Holländer wie Piet Ouldolf und die OASE-Bewegung, die viel für die Naturgärten getan haben (Die Holländer sind übrigens sehr stark in der Kombination des Künstlichen mit dem Natürlichen), zu sechs internationalen Konferenzen. Es war noch die Zeit ohne Internet, in welcher diese Treffen entscheidend waren. Wir waren alle sehr stark mit unseren Projekten beschäftigt. Die USA hätten die 7. Konferenz organisieren sollen, die dann nie statt fand. XA: Kennen Sie andere Gärten, die sich mit jenem des Hermannshof vergleichen lassen? NK: Dies ist ein einzigartiger Ort. Das Konzept eines Schulgartens ist sehr deutsch. Sie finden natürlich noch weitere spannende Gärten in Deutschland. In England ist es Whisley, oder in den USA der botanische Garten Chicago. Cassian Schmidt spielt eine entscheidende Rolle am Hermannshof. Der Verantwortliche eines Gartens ist entscheidend für dessen Entwicklung. XA: Der vertikale Garten? NK: Meinen Sie die vertikalen Gärten von Patrick Blanc? Es sind sehr teure Projekte. Ich ziehe die Verwendung von Kletterpflanzen wie im MFO-Park in Zürich vor. XA: Was ist ihrer Meinung nach entscheidend für einen Garten? Warum ist ein Garten genial? NK: Schwierig zu sagen – die Persönlichkeit des Gärtner? Ein Garten der nicht eine Klischee folgt, ist nicht mit der Zeit. XA: Welche Pflanze schätzen Sie ganz besonders? NK: Es gibt so viele Pflanzen ….. vielleicht Phlomis russeliana. Diese Pflanze ist das ganz Jahr über schön.

Webseite: www.noelkingsbury.com

Legende: Sesleria autumnalis, ein schöner Rahmen für andere Pflanzen. PHOTO Piet Oudolf Photo von Noël Kingsbury: Jean-Luc Pasquier