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MAGAZIN

Dienstag, 29. November 2011 Nr. 277

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GARTEN

Die neue Ästhetik
Naturnahes Gärtnern liegt im Trend – Ein Besuch im „Wildgarten“ von Noel Kingsbury
VON INA SPERL

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kann das bezeichnet werden, was im Trend zu liegen scheint, und doch eigentlich gar nicht neu ist. Der Ire William Robinson schrieb schon 1870 sein Buch „The Wild Garden“, ein Standardwerk für alle diejenigen, für die Gärtnern etwas anderes bedeutet als akkurate Rasenflächen und Beete voller bunter Einjähriger. In Deutschland war es Karl Foerster, der seit dem frühen 20. Jahrhundert in Potsdam Wildstauden und Gräser züchtete und sie somit verfügbar machte für Gärten. Richard Hansen erforschte seit den 1950er Jahren Stauden in Weihenstephan und stellte 1972 eine Übersicht über die Lebensbereiche von Stauden zusammen: Pflanzen sollten nicht nur nach Aussehen, sondern nach Eignung für den Standort ausgewählt werden. Wie solche Prinzipien im Garten umgesetzt werden können, ist in den Schau- und Sichtungsgärten Weihenstephan und Hermannshof in Weinheim zu sehen und im Westpark München. „New German Garden Style“ wurde diese Bewegung, die pflegeleicht, ökologisch und obendrein ästhetisch ansprechend ist, von verblüfften Gärtnern in England getauft. Noel Kingsbury, der traditionellen britischen Cottage-Gärten überdrüssig, schaute sich in den 1990er Jahren in Europa um und war von dieser Art des Gärtnerns fasziniert. Seitdem erforscht er, ähnlich wie Cassian Schmidt am Hermannshof, Pflanzengemein-

Buchtipps
Noel Kingsbury: „Natural Garden Style: Gardening inspired by Nature“. Merrell Publishers, 191 Sei-

E

Spinnennetz an einer stacheligen Karde in Noel Kingsburys Garten BILDER: SPERL

Voraussetzungen für Gärtnern im „natürlichen Stil“
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Das Auge schulen: Die Schönheit von Wildpflanzen liegt oft nicht in einer auffälligen Blüte, sondern im Ganzen: in Textur und Form der Blätter, in der Anordnung der Stängel und in ihrer Erscheinung während der verschiedenen Jahreszeiten. Überlegt handeln: Nachhaltigkeit spielt für die meisten Gärtner eine entscheidende Rolle. Größere Pflanzen und Materialien sollten keine

langen Transportwege benötigen, um in den Garten zu gelangen. Mitunter stellen sich schwierige Fragen, etwa bei der Entfernung von nicht gewünschtem „Unkraut“ bei der Vorbereitung des Beetes: Ist es ökologischer, die Fläche mit Plastikfolie, die hinterher weggeworfen wird, abzudecken oder einmalig Chemie einzusetzen? Sich informieren: Was die Beschaffenheit des Gartens und die Anfor-

derungen der Pflanzen angeht, ist es ganz entscheidend, die Pflanzen wirklich nur an die Stellen zu setzen, an die sie auch gehören – dazu muss genau geklärt werden, welches Kleinklima im Garten vorherrscht und wie der Boden beschaffen ist. Für fast alle Szenarien gibt es geeignete Pflanzenkombinationen, lediglich trockener Schatten unter Nadelgehölzen wirft bisweilen Probleme auf.

Prärien Prärien bestimmten einst die Landschaft im Mittleren Westen der USA, im Garten kann dies nur bedingt nachgeahmt werden. Eine Präriebepflanzung setzt sich etwa im Verhältnis 3:1 aus Gräsern und Stauden zusammen, es gibt sogar Noel Kingsbu- fertige Saatmischungen. Wichtig ry will die idea- ist, dass sich die Stauden selber ausle Zusammensamen – etwa Arten der Königskerstellung von ze (Verbascum sinuatum), FingerPflanzen finden. hut (Digitalis) und Akelei. Lavendel, Zistrosen oder Riesenehrenpreis (Veronicastrum virginicum) bilden Akzente. Die ersten Jahre sollte Unkraut gejätet werden, nach etwa drei Jahren sollte sich ein ökologisches Gleichgewicht einstellen. Die Zahl der blühenden Pflanzen wird mit der Zeit zugunsten der Gräser abnehmen. Wichtig: Eine „Prärie“ muss anders angelegt werden als ein klassisches Staudenbeet, gibt

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ine Spinne hat ihr feines Netz zwischen den stacheligen Köpfen der distelähnlichen Karde gezogen. Sonnenlicht bricht sich in Wedeln von Gräsern. Astern und Eisenkraut setzen letzte Farbakzente im Dickicht aus schon braunen Stauden. Ein geschwungener Pfad führt vorbei an zwei Teichen, die während des trockenen Sommers verlandet sind, dann öffnet sich das Dickicht zu einer Wiese. Ein schmaler Weg windet sich durch ein Meer trockener Blütenstände, die auf eine reiche Flora schließen lassen. Bald steht die jährliche Mahd an. „Wildgarten“ nennt Noel Noel Kingsbury Kingsbury diesen Teil seines Grundstücks. Der britische Pflanzenexperte und Gartenautor lebt in Herefordshire an der walisischen Grenze. „Wild“ ist hier nicht nur ästhetisch gemeint – etwa in dem Sinne, dass hier mehr Wildformen von Pflanzen als hochgezüchtete Hybriden zu finden sind. Vielmehr bilden die Pflanzen tatsächlich ein dynamisches Gleichgewicht, in das der Gärtner nur minimal lenkend eingreift. Akelei etwa samt sich selber aus, auf der Wiese darf und soll sich an Wildpflanzen ansiedeln, was sich wohlfühlt. So entsteht Bewegung, der Garten befindet sich in einem Prozess und sieht nie gleich aus. Karden und Gräser, Schafgarbe und Wiesenkerbel: Noch vor wenigen Jahrzehnten

Die Natur ist Inspiration

wären sie als „Unkraut“ aus dem Beet verbannt worden. Heute setzen viele Gärtner lieber die „natürlich“ aussehenden Pflanzen, ziehen einfache Wildformen den pompösen Neuzüchtungen vor. Ausgeblühtes darf stehenbleiben, Stauden werden erst im Frühjahr zurückgeschnitten. Eine neue Ästhetik bestimmt die Gärten, doch ist es mehr als das: Meist steckt ein neuer Anspruch hinter dieser Art der Gestaltung. Ein Blumenbeet soll nicht nur schön aussehen, es soll auch ökologisch nachhaltig sein und Tiere anlocken. Bienen können in einfachen Blüten besser Nektar finden. Andere kleine Lebewesen finden im Winter Unterschlupf in trockenem Blattwerk und Laubhaufen. Chemie kommt selten zum Einsatz, eher Nützlinge. „Naturnahes“ oder gar „natürliches“ Gärtnern wird dies gerne genannt. Es entstammt meist dem Wunsch, sich ein Stück „Natur“ ans Haus zu holen – das, was außerhalb der Gärten in der Landschaft zu finden ist: Büschel von Gräsern, scheinbar willkürliche Pflanzenkombinationen, Hagebutten, trockene Samenstände, sanfte Übergänge statt scharfer Beetkanten. Diese „Natur“ ist allerdings in der Regel menschengemacht. Ackerränder, Hecken, Wälder – alles entstand durch menschliches Wirken. Auch das Gärtnern selbst ist nicht „natürlich“, ist es doch an sich eine kulturelle Handlung.

„Was wir von einem Fleckchen Erde wollen und was die Natur damit machen würde, wenn wir sie ließen, liegt weit auseinander“, sagt Noel Kingsbury. „Stilisierte Natur“ nennt Kingsbury das, was im Garten geschieht. Als „Gärtnern im natürlichen Stil“

ten, ca. 38 Euro. Vom gleichen Autor ist kürzlich erschienen: „Gärten! Gartengestalter aus aller Welt zeigen ihre privaten Paradiese“. Deutsche Verlags-Anstalt, 224 S., 39,95 Euro. Außerdem: „Traumgärten: Internationale Gartenarchitekten präsentieren ihre Meisterwerke“. Deutsche Verlags-Anstalt, 2005, 224 Seiten, 39,90 Euro.

Ein Hingucker: trockene Mohnkapseln in winterlichem Sonnenschein

schaften. So finden sich in direkter Nachbarschaft zu seinem Wildgarten Versuchsfelder mit Staudenkombinationen – Ziel ist es, ideale Zusammenstellungen von Pflanzen zu finden, die ohne großen Aufwand, Düngung und Pflege ein

möglichst stabiles Gleichgewicht bilden. Im Buch „Natural Garden Style“ fasst er alles Wichtige über das „Gärtnern im natürlichen Stil“ zusammen. „Die Natur ist Inspiration“, sagt Kingsbury und rät allen,

die sich für diese Art des Gärtnerns interessieren, sich draußen umzuschauen. Etwa auf sich selbst überlassene Wiesen, auf denen sich Wildpflanzen ansiedeln konnten. Oder in Gärten wie dem Hermannshof in Weinheim.

Ein Präriebeet anlegen
Kingsbury zu bedenken: Gräser brauchen zum Beispiel Licht von hinten. Am besten erschließt sich eine „Prärie“ durch schmale gewundene Pfade, die durch das Beet führen. Was tun im schattigen Garten? Ein Waldspaziergang kann Anregungen geben für den Entwurf eines Schattengartens unter hohen Bäumen, rät Kingsbury. Hier wächst die Vegetation in verschiedenen Lagen: Bodendecker, Sträucher, Bäume. Ist der Boden nicht zu trocken, fühlen sich hier Farne, Prachtspieren (Astilbe), Funkien (Hosta) oder Christophskräuter (Actaea) wohl. Seggen (Carex) tragen zum naturähnlichen Bild bei. Zwiebelpflanzen wie Schneeglöckchen (Galanthus), unter Laubbäume gesetzt, bereichern den Garten im Frühling. Doch nicht nur Bäume, auch Nachbarhäu-

Helle Gräser und dunkle Blütenstände im Hermannshof, Weinheim ser können ein Grundstück bewie in solchen mit hohen Bäumen. schatten. So sind die Bedingungen Ein Tipp: Mauern hinter Kletterin engen städtischen Gärten ähnlich pflanzen verstecken.