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DER TAGESSPIEGEL

REPORT

NR. 21 337 / SONNTAG, 20. MAI 2012

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Das dunkle

des Josef Ackermann

E

Anshu Jain tritt nun Ackermanns Nachfolge an. Seine Mitarbeiter verkauften Wertpapiere mit fragwürdigen Methoden.

Betroffene protestieren in den USA seit Monaten gegen drohende Zwangsräumungen und die Rolle der Banken in der Krise.

Greg Lippmann, früher leitender Händler der Deutschen Bank, wettete gegen Papiere, die seine Kollegen an Investoren verkauften.

16 Millionen US-Bürger verloren bisher ihr Haus. Viele von ihnen bekamen es dabei plötzlich mit der Deutschen Bank zu tun.

* „Verzockt und Verklagt“, von Markus Schmidt, Andreas Orth und Kim Otto, ARD, Montag, 21.5., 22.45 Uhr

s war die letzte Frage zur letzten Jahresbilanz, die Josef Ackermann als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank zu verantworten hatte. Und sie betraf das dunkelste Kapitel seiner Ära. „In den USA gibt es diverse anhängige Klagen, in denen der Deutschen Bank Betrugan ihren Kunden vorgeworfen wird. Haben Sie, hat die Deutsche Bank Anlass, sich dafür zu entschuldigen?“, fragte der WDR-Reporter Markus Schmidtzum Schluss der Pressekonferenz zum Geschäftsbericht 2011 Ende Februar in Frankfurt. Mehr als eine sarkastische Antwort war Ackermann das Thema nicht wert. „Alle, die Geld verloren haben, versuchen, einen Teil des Geldes zurückzubekommen“, erklärte er, gerade so, als gehöre der Vorwurf des Betrugs zum Geschäftsalltag. Ja, die Bank habe „in den USA viel Geld verdient“. Da seien die Klagen nun „der Preis, den wir zum Teil bezahlen müssen“. Im Übrigen setze sich die Bank zur Wehr, „wo wir das Gefühl haben, dass wir zu Unrecht beschuldigt werden, schauen wir mal, wie das weitergeht“, verkündete er gelassen. Doch zu solcher Gelassenheit haben seine Aktionäre keinen Anlass. Nicht nur hat sich der Börsenwert der Bank seit 2006 fast halbiert. Wenn Ackermann Ende Mai seinen Posten abgibt, hinterlässt er auch ein juristisches Schlachtfeld: In Dutzenden von Prozessen sind die Bank und ihre Manager in den USAund Europa schwersten Vorwürfen ausgesetzt,sie müssen Entschädigungs- oder Vergleichszahlungen in Milliardenhöhe fürchten. Vier volle Seiten füllt die Aufzählung der Prozessrisiken im jüngsten Geschäftsbericht. So rächt sich jetzt, dass Ackermann in den zehn Jahren an der Bankspitze radikal auf den Ausbau des Investmentbankings nach angelsächsischem Vorbild setzte und dabei moralische Kriterien für das Geschäft auf der Strecke blieben. Sein engster Partner war der indischstämmige Investmentbanker Anshu Jain, der nun die Nachfolge antritt. Dabei war es gerade Jain, der das Geschäft mit jenen komplexen Wertpapieren leitete, wegen der nun eine Flut von Klagen gegen die Bank läuft. Mit welch fragwürdigen Geschäftspraktiken Jains Leute dabei arbeiteten und wie zigtausend US-Bürger sowie die deutschen Steuerzahler dafür bluten müssen, dokumentiert nun ein Film des WDR, der am Montagabend in der ARD gesendet wird und dem Tagesspiegel vorab zur Verfügung stand.* „Kein Geschäft ist es wert, den guten Ruf der Deutschen Bank aufs Spiel zu setzen“, lautete Ackermanns Mantra, das er allen Kritikern entgegenhielt. Aber schon die lange Liste der Kläger und ihrer Vorwürfe illustriert, dass vom ehedem guten Ruf des Konzerns wenig geblieben ist: Sie reicht vom US-Justizministerium und zwei amerikanischen Aufsichtsbehörden über zahlreiche Versicherungen und Pensionsfonds sowie mehrere deutsche Landesbanken bis hin zum Magistrat und der Staatsanwaltschaft von Mailand (siehe Kasten). „Und es werden noch viele weitere folgen“, erwartet ein Gutachter, der an verschiedenen Klagen beteiligt ist und bei dem die Kunden Schlange stehen, um der Deutschen Bank Verfehlungen nachzuweisen. Darüber hinaus steht die Bank als Treuhänder für zigtausend Häuser in den USA im Kreuzfeuer der Kritik (siehe Artikel nächste Seite). In sämtlichen Fällen weisen die Deutschbanker alleerhobenen Vorwürfe zurück. Aber wenn mögliche Niederlagen vor Gericht drohen, sucht die Bank stets den Vergleich, so wie vorletzte Woche mit dem US-Justizministerium, das eine Deutsche-Bank-Tochter wegen falscher Angaben bei der VergabevonHypotheken mit Regierungsgarantienverklagthatte.Darumgibt esbislang nurein Urteil gegen die Bank (siehe Artikel „Unfaire Wetten“). Dafür wachsen die Vergleichszahlungen stetig an. „Der Preis“ des Erfolgs, von dem Ackermann sprach, kann noch hoch werden, sehr hoch. Das größte Risiko erwächst aus der tiefen Verstrickung des Frankfurter Bankriesen in den Billionen-Markt für komplexe Wertpapiere auf Basis US-amerikanischer Hypotheken, deren falsche Bewertung und windige Konstruktion eine der wesentlichen Ursachen für die Finanzkrise war. Das Geschäft beruhte auf einer regelrechten Massenvergabe von Immobilienkrediten, die alsdann von den großen Investmentbanken in riesigen Einheiten (Trusts) zusammengefasst wurden. Diese wurden als Wertpapiere verbrieft und in alle Welt weiterverkauft, womit die Käufer Anteile an den Hypothekenpools erwarben. Viele dieser Papiere wurden sogar zu noch größeren Einheiten zusammengefasst und als „Collateralized Debt Obligations“ (CDO), besicherte Schuldverschreibungen,

Zehn Jahre führte er das mächtigste Geldhaus der Republik – nun geht er. Unter Ackermann stieg die Deutsche Bank in die Weltliga auf. Doch ihr Ruf ist ruiniert, und viele Kunden klagen wegen Betrugs auf Milliarden von Dollar
von Harald Schumann

Ohne Investmentbanking wären Gewinne – und Verluste – der Bank weit geringer ausgefallen.

in großen Tranchen von bis zu dreistelligen Millionenbeträgen an Investoren verkauft (siehe Grafik). Alleininden Jahren 2006 und 2007 brachten die Investmentbanken, darunter die Deutsche Bank, CDOs für mehr als 1000 Milliarden Dollar auf den Markt. Am Beginn dieser Kette standen zahlreiche Hypothekenbanken und -makler. Weil sie die ausgereichten Kredite an Investmentbanken wie die Deutsche weiterreichen konnten, während sie selbst die Gebühren kassierten, vergaben sie die Hypotheken mit den Jahren zusehends wahllos auch an solche Hausbesitzer, deren Einkommen für Zins und Tilgung eigentlich gar nicht reichte. Weil aber mit den Billigkrediten die Nachfrage wuchs, stiegen die Häuser im Wert, sodass es scheinbar nicht an Sicherheiten für den möglichen Ausfall der Schuldner mangelte. In der so genährten Preisblase verloren alle Beteiligten schließlich jedes Maß. Die Hypothekenvermarkter mogelten bei den Angaben über die Bonität ihrer Kreditnehmer. Die Banken wiederum prüften die Angaben der Vermittler über die Qualität der Schuldner nicht, bevor sie die Kredite zu Tausenden in riesigen Paketen zusammenführten. Die für diese Trusts benannten Treuhänder (Trustees), denen die Sammlung der einzelnen Zahlungen und die Überweisung an die Investoren obliegt, prüften ihrerseits die Dokumente für die übertragenen Hypotheken häufig nicht. Und die Käufer der doppelt und dreifach weiter verbrieften Hypotheken glaubten blind den Versicherungen der Banken und der von ihnen bezahlten Ratingagenturen, dass mit den zu Grunde liegenden Krediten schon alles in Ordnung sei. Als aber ab 2007 immer mehr Schuldner nicht zahlen konnten, stürzten die Häuserpreise und mit ihnen die scheinbaren Sicherheiten. Die Blase platzte, und die Hypothekenpakete verloren mehr als eine Billion Dollar an Wert. Kein Wunder daher, dass die Verlierer nun vor Gericht auf Rücknahme der Papiere oder Schadensersatz klagen. Das trifft sämtliche beteiligten Banken, doch keine so drastisch wie die Deutsche Bank. Denn sie war an allen Stationen der Verbriefungskette führend beteiligt. Und die Kläger haben starke Argumente. DenStoffdafür lieferte eineder gewichtigsten Institutionen der USA: der Senat. Rund zwei Jahre

lang arbeitete dessen Untersuchungsausschuss die Krise auf. Ergebnis war ein 640 Seiten langer Bericht, ein Kapitel darin ist eine „Fallstudie“ über das Verhalten der Deutschen Bank. Zum Kronzeugen für die Senatsermittler wurde kein geringerer als Greg Lippmann, früherer Chefhändler der Deutschen Bank für eben diese Papiere. Seine Befragung und die Auswertung von Millionen Dokumenten und Mails offenbaren einen raren Einblick in eine aberwitzige „Maschine“ (Lippmann), die sich erst gegen die Kunden und am Ende sogar gegen die Bank selbst richtete. Lippmann, heute 42 Jahre alt, galt an der Wall Street als schillernde Figur, aber er beherrschte sein Fach. Daher sah er die Krise rechtzeitig kommen. Schon ab 2005 warnte er seine Kollegen, dass viele der Hypothekenpakete bald wegen ausbleibender Zahlungen der Schuldner abstürzen würden. Mit Billigung seiner Vorgesetzten begann er deshalb, im Namen der Deutschen Bank systematisch auf deren Wertverfall zu wetten. Dafür zeichnete er bei anderen Investoren im großen Stil Ausfallversicherungen – „Credit Default Swaps“ genannt – auf die Titel, die wegen des hohen Anteils schlechter Schuldner als besonders gefährdet galten.Bei diesenDeals zahlt der Käufer eine Versicherungsprämie an den Verkäufer und bekommt von diesem alle Verluste erstattet, falls die zugehörigen Darlehen oder Wertpapiere ausfallen, und zwar auch dann, wenn er diese gar nicht besitzt. Gleichzeitig empfahl Lippmann seinen Kunden die gleiche Strategie. Zum großen Teil liefen auch diese Wetten wieder über eigens konstruierte, milliardenschwere Pakete, in denen Hunderte solcher Ausfallversicherungen zusammengefasst und Anteile daran an Investoren verkauftwurden. So übernahmen diese de facto das Ausfallrisiko für zahllose Kreditpakete, bei denen Lippmann voraussah, dass sie faul werden. Bei einem seiner Verkaufsgespräche, so berichtete später der US-Journalist Michael Lewis, fragte ein Hedgefondsmanager skeptisch, ob diese Deals nicht „ein Nullsummenspiel“ seien und wer denn als sicherer Verlierer auf der anderen Seite stehe. Nach Erzählung des Fondsmanagers war Lippmanns Antwort ebenso ehrlich wie zynisch: „Düsseldorf, dumme Deutsche, die glauben noch an die Regeln.“ Gemeint waren vermutlich die Einkäufer der in Düsseldorf ansässigen IKB oder der Westdeutschen Landesbank. Binnen zwei Jahren kaufte Lippmann für die Deutsche Bank eine Absicherungsposition zusammen, die sich auf Papiere im Wert von insgesamt fünf Milliarden Dollar belief, mit deren Verfall er fest rechnete. Doch parallel dazu lief die „CDO-Maschine“ der Bank weiter auf vollen Touren. Obwohl schon ab Herbst 2006 viele Werte verfielen, sammelte die Bank noch immer Hypothekenpakete im Milliardenmaßstab, um sie neu verpackt als CDO weiterzuverkaufen. Eines davon, genannt „Gemstone VII“, Edelstein, und das siebte in einer Serie gleichen Namens nahmen die Senatsermittler genau unter die Lupe. Dabei fanden sie heraus, dass große Teile desPakets aus Hypothekenanleihen zu-

PROZESSWELLE

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Viel Schaden, viele Kläger
Seit 2007 klagten unter anderem diese Institutionen gegen die Deutsche Bank: – das US-Justizministerium, – die US-Bankaufsichtsbehörde FDIC, – die US-Aufsichtsbehörde FHFA für die beiden Staatsbanken Fannie Mae und Freddy Mac, – die Federal Home Loan Banks von Boston, San Francisco und Seattle, – die Städte Los Angeles und Cleveland, – der US-Hausversicherer Allstate und weitere fünf Versicherungsunternehmen, – der US-Pensionsfonds TIAA im Namen von 3,7 Millionen Mitgliedern – der große niederländische Pensionsfonds ABP , – die belgisch-französische Bank Dexia – die Westdeutsche Landesbank, – die Bayerische Landesbank, – die Nachlassverwalter der SachsenLB (Sealink) – die elf Zweckgesellschaften der Pleitebank IKB im Auftrag der bundeseigenen Kreditanstalt für Wiederaufbau. – die Staatsanwaltschaft in Mailand

sammengesetzt waren, die Lippmann gegenüber Kunden und Kollegen als „Mist“ und „Schweinkram“ bezeichnet hatte. Das ging so weit, dass für den vermeintlichen „Edelstein“ auch Anleihen aus dem Eigenbestand der Bank verwendet wurden, für die Lippmann und einer seiner Mitarbeiter sagten, sie würden bereits „platzen“, und Wertverluste bis zu 40 Prozent seien zu erwarten. Auf diese Art, so konstatiert der Senatsbericht, „verschob die Deutsche Bank das finanzielle Risiko dieser Anlagen aus ihrem eigenen Bestand auf ihre Kunden“. Viele „Investoren hätten wahrscheinlich die Meinung des Tophändlers der Deutschen Bank als wichtig für ihre Entscheidung zum Kauf von Gemstone VII angesehen“, heißt es weiter. „Aber diese Informationen wurden ihnen nichtgegeben.“ Stattdessen sei „aggressiv“ vermarktet worden. Der Mailverkehr zeige, „dass sie Angst hatten, Risiken wie das von Gemstone auf ihren Büchern zu halten“, berichtet im Film des WDR der Senatsermittler David Katz, der die Fallstudie schrieb. Unter den Käufern waren auch die Fondsgesellschaften der IKB, für deren Rettung Deutschlands Steuerzahler später acht Milliarden Euro aufbringen mussten. Schon acht Monate nach Auflegung stuften die Ratingagenturen Gemstone VII schließlich auf„Junk“-Status zurück, es wurde„für die Investoren praktisch wertlos“, stellten die Ermittler fest. Zwischen Dezember 2006 und Februar 2007 habe er auch dreimal mit seinem obersten Chef Anshu Jain aus London über diese Risiken gesprochen, sagte Lippmann dem Senatsausschuss. Doch seine New Yorker Kollegen, die ihre Einnahmen mit der Konstruktion und dem Verkauf der CDOs erzielten, fürchtetenum ihre Jobs und Boni undhätten dagegengehalten. Und obwohl der Verfall der Hypothekenkonstrukte zu diesem Zeitpunkt schon begonnen und Lippmanns Gegenwetten darum erheblich im Wert gestiegen waren, ließ Jain das Geschäft weiterlaufen, darunter auch die Vermarktung von Gemstone VII – ein Umstand, der nun zum Einfallstor für die Kläger wird. Der eigene „Die Deutsche Bank hatte alle Chefhändler kritischen Informationen über den Markt“, sagt etwa nannte die Gerald Silk, Anwalt bei der Anleihen NewYorker GroßkanzleiLitowitz, Berger & Grossmann, „Mist“ – der unter anderem für den ohne Folgen Pensionsfonds TIAA Klage wegen „Betrugs“ gegen die Deutsche Bank eingereicht hat. Doch sie habe diese Informationen „den Investoren vorenthalten“, während seine „Klienten darauf vertrauen mussten, dass die Bank ehrlich mit ihnen umgeht“. Und wer „nicht nach den Regeln spielt, der muss dafür zur Verantwortung gezogen werden“, fordert Silk. Noch weiter geht die Klage der Nachlassverwalter für die Pleitefonds der IKB. Die Deutsche Bank habe sie „betrügerisch zur Investition von fast 440 Millionen Dollar in CDOs verleitet, die dazu bestimmt waren, zu scheitern“, heißt esin deren Klageschrift. Ähnlich argumentieren auch die meisten anderen Kläger. Alle diese Vorwürfe wollen die Verantwortlichen der Deutschen Bank offiziell nicht gelten lassen. „Die Einschätzung des Marktes durch die Bank“ sei „durch Analystenberichte und andere Veröffentlichungen breit kommuniziert worden“, erklärte ein Sprecher gegenüber dem WDR. Zudem habe die Bank selbst „per saldo größere Positionen an Wertpapieren auf Immobilienfinanzierungen“ gehalten und „bedeutende Verluste“ erlitten. Tatsächlich blieb die Bank am Ende auf vielen Immobilienpapieren sitzen und verlor viel Geld dabei. Dafür aber brachten Lippmanns Gegenwetten gut 1,5 Milliarden Dollar Gewinn, ihm selbst einen Bonus von 50 Millionen Dollar und milderten die Verluste erheblich – nur eben nicht für die Kunden. Wenn die nun klagen, „sollen sie uns beweisen, dass da Betrug im Spiel war. Ich bin sicher, das ist nicht ganz einfach“, sagte Ackermann noch im vergangenen September. Doch so sicher kann die rechtliche Positionder Bank nicht sein. Denndie offene Schlacht vor Gericht haben ihre Anwälte bisher peinlich vermieden. Mit den IKB-Fondsgesellschaften etwa, die indirekt für die bundeseigene KfW und damit den deutschen Fiskus klagten, habensie daher schonim Februar einen Vergleich vereinbart, dessen Zahlungsvolumen sie lieber geheim hielten. „Wenn wir Fehler gemacht haben, dann vergleichen wir uns“, räumte Ackermann denn auch ein. Bleibt es bei dieser Einsicht, wird auch sein Nachfolger Anshu Jain noch einige Milliarden Dollar für Vergleiche ausgeben müssen.

Gefälschte Dokumente, verzweifelte Schuldner
Eine Tochterfirma der Deutschen Bank in den USA verwaltet treuhänderisch zahllose Hypothekenpakete aus der Boomzeit. Nun werden in deren Namen Millionen von Häusern zwangsversteigert. Doch Grundlage sind oft dubiose Papiere
enn Lynn Szymoniak, Juristin in Palm Beach, Florida, auf die Deutsche Bank zu sprechen kommt, dann ist ihre Empörung nicht zu überhören. „Ich werfe der Deutschen Bank vor, mit gefälschten Dokumenten zu arbeiten“, sagt sie und weiß dabei viele tausend Mitstreiter auf ihrer Seite. Dabei hatte sie niemals erwartet, mit dem deutschen Geldriesen etwas zu tun zu haben. Doch an einem Montagmorgen im Dezember 2009 trat die Deutsche Bank mit aller Macht in ihr Leben. Damals klingelte ein Mitarbeiter des örtlichen Sheriffs an der Tür und überreichte ihr Unterlagen für die bei Gericht beantragte „foreclosure“, die Zwangsräumung und -versteigerung ihres Hauses. Wie zig Millionen andere Amerikaner hatte auch sie eine hohe Hypothek zu variablen Zinsen bei einem örtlichen Finanzinstitut namens „Option One“ aufgenommen und war – nach einem unerwarteten Zinsanstieg – mit den Raten in Rückstand geraten. Doch wer da nun gegen sie klagte, war nicht „Option One“, sondern die Deutsche Bank. Denn ihre Hypothek war Teil einer jener Sammelanleihen geworden, einer Art Pfandbrief. Und für diesen, genauso wie hunderte weiterer solcher Massenverbriefungen von Hypotheken, fungiert die in Kalifornien ansässige „Deutsche Bank National Trust Company“ als Treuhänder. Das ist eigentlich eine harmlose Dienstleistung. Dabei übernimmt die Bank die Verwaltung der in „Trusts“ zusammengefassten Hypotheken und die Auszahlung der Zins- und Tilgungsleistungen an die Inhaber der zugehörigen Wertpapiere. In diesem Segment der großen US-amerikanischen Immobilien-Geldmaschine war die Deutsche Bank über Jahre der führende Anbieter auch im Auftrag vieler anderer Finanzkonzerne. Doch seitdem die Hauspreisblase platzte und Millionen Amerikaner ihre Hypotheken nicht mehr zahlen konnten oder wollten, werden die zugehörigen Häuser im großen Stil zwangsversteigert, um den Besitzern der Trust-Papiere wenigstens diese Erlöse zu sichern. Schon 16 Millionen US-Bürger haben dabei ihre Häuser verloren. Und millionenfach begegnete den Betroffenen dabei plötzlich die Deutsche Bank als Eigentümer jener einst von ihnen gezeichneten Hypotheken, der sie nun um ihr Haus bringen will. Denn laut der bei den Gerichten eingereichten Unterlagen agieren die Anwälte der sogenannten „Loan Servicer“, der vor Ort beauftragten Kreditverwaltungsgesellschaften, häufig auch im Namen des Treuhänders Deutsche Bank. Genauso war es auch im Fall von Lynn Szymoniak. Allein in ihrem Bezirk Palm Beach wurden in den vergangenen drei Jahren rund 100 000 Häu-

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ser zur Zwangsversteigerung angemeldet, zehn Prozent davon im Namen des Treuhänders Deutsche Bank. Pech nur für den deutschen Finanzriesen, dass es beim wilden Weiterverkauf der vielen Hypotheken offenbar drunter und drüber gegangen war und die Übertragung der Grundschulden häufig nicht sauber dokumentiert wurde. Und so machte Szymoniak eine erstaunliche Entdeckung. Als Beweis für den Rechtsanspruch auf ihr Haus diente eine eidesstattliche Erklärung, mit der eine Vizepräsidentin der Firma „American Home Mortgage Service“ namens Linda Green die Übertragung ihrer Hypothek auf einen von der Deutschen Bank verwalteten Trust bescheinigte. Als gelernte Anwältin ging Szymoniak daher beim örtlichen Grundbuchamt der Frage nach, ob das Dokument rechtsgültig war. Dabei erfuhr sie, dass jene Linda Green auch hunderte ähnlicher Erklärungen in anderen Fällen unterzeichnet hatte. Und das gleich als Vizepräsidentin von vielen verschiedenen Banken, auch der „Deutschen Bank National Trust“. Tatsächlich gab es aber weder dort noch bei den anderen Banken je eine Vizepräsidentin mit diesem Namen. Vielmehr hatte eine Firma aus Georgia namens „DocX“ die Dokumente erstellt und dabei Angestellte mit erfundenen IdenEine titäten im Namen aller mögliBetroffene chen Finanzinstitute entsprechende Erklärungen unterforschte schreiben lassen. „Die Unternach und schriften waren gefälscht, die notarielle Beglaubigung war deckte den gefälscht, die Trust-InformaSkandal auf tion war falsch, es gab überhaupt wenig, was an dem Dokument richtig war“, empört sich Szymoniak. Und das galt nicht nur in ihrem Fall. Angeregt durch Szymoniaks Recherchen begannen auch einige Grundbuchämter mit Prüfungen. So stieß etwa John O’Brien, Amtschef in Essex County bei Boston, allein in seinem kleinen Bezirk auf 32 000 bei Zwangsversteigerungen eingereichte Dokumente, die er für gefälscht hält. Die Unterschrift von „Linda Green“ fand er in 22 verschiedenen Handschriften. So kam heraus, dass die Methode des alsbald „Robosigning“, Roboterzeichnung, genannten Verfahrens quer durch die USA genutzt wurde, um Dokumente als Legitimation für die Zwangsvollstreckungen zu erstellen. Ein Reporter des US-Senders CBS fand gleich drei frühere Angestellte von DocX, die als „Linda Green“ für zehn Dollar pro Stunde massenhaft Dokumente gezeichnet hatten – ein nach Meinung von Amtsleiter O’Brien untragbarer Vorgang. Dabei habe „die Deutsche Bank das Gleiche

Auch diese drei Mitarbeiter der Firma „DocX“ unterschrieben mit dem Namen Linda Green und fälschten so wichtige Schreiben.

gemacht wie alle großen Banken. Die trafen eine bewusste Entscheidung, ein kriminelles Unternehmen zu werden.“ Es sei „schrecklich“ zu sehen, wie „die Leute aus wirtschaftlichen oder gesundheitlichen Gründen ihre Raten nicht zahlen können, und diese Banken ziehen mit gefälschten Dokumenten vor die Gerichte, um ihnen die Häuser wegzunehmen“, sagte er dem WDR. Das sei etwas, „das wir in den Vereinigten Staaten eigentlich nicht tun, aber es geschieht traurigerweise jeden Tag.“ Die Deutsche Bank weist die Vorwürfe jedoch zurück. Sie habe „Zwangsvollstreckungen weder veranlasst noch wickelt sie solche ab“, erklärte ein Banksprecher. Gemäß den Verträgen zu den Verbriefungen würden „Loan Servicer“, also Kreditverwaltungsfirmen, und der „Trustee“, der Treuhänder, voneinander Die Deutsche getrennt eingesetzt, die von der Bank urBank weist sprünglich die zugehörigen Hypothekenanleihen ausgeauch hier geben habe. Daher sei nur sämtliche der jeweilige „Loan Servicer zuständig für die Eintreibung Vorwürfe säumiger Zahlungen bis hin zurück zur Beantragung von Zwangsvollstreckungen“. Auch die Gesellschaften, „die in Verbindung mit Robosigning genannt wurden“, seien „ausschließlich von Loan Servicern engagiert und bezahlt worden, nicht vom Trustee“, also der Deutschen Bank. Und „keiner der beiden“ sei „gegenüber dem jeweils anderen weisungsberechtigt“. Ob diese Argumentation der Bank vor den Gerichten Bestand hat, ist jedoch offen. Immerhin, so stellt die Deutsche Bank selbst in einem Memo vom Oktober 2010 an alle „Loan Servicer“ der von ihr verwalteten Hypotheken-Trusts fest, arbeiten diese mit „anwaltlicher Vollmacht“ der Bank. Und bis heute, so berichtet Szymoniak, würden Anwälte offiziell im Namen der Trustgesellschaft der Deutschen Bank Zwangsvollstreckungen auf Basis falscher Dokumente betreiben. So sei die Behauptung, die Deutsche Bank trage keine Verantwortung, etwa so, „als ob die Regierung sagt, sie sei nicht verantwortlich für die Taten ihrer Armee“. Auch der von Präsident Obama eingesetzte Sonderermittler, der New Yorker Generalstaatsanwalt Eric Schneidermann, ermittelt gegen die Verantwortlichen für die fehlende oder falsche Dokumentation bei Auflage der Hypothekenanleihen. In Gerichtsvorlagen nannte er dabei ausdrücklich auch die Treuhänder. Der juristische Fallout der Hypothekenblase ist für die Deutsche Bank wohl noch lange nicht zu Ende.

RISIKOEXPORT IN ALLE WELT

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Die CDO-Maschine
Im Vorlauf zur Finanzkrise nährten die Investmentbanken in den USA einen gigantischen Immobilienboom. Dabei fassten sie Millionen von Hypothekendarlehen in großen Einheiten, sogenannten Trusts, zusammen, die sie „verbrieften“. Das heißt, sie gaben Wertpapiere heraus, die „Mortgage Backed Securities“ (MBS), mit denen Investoren Anteile an den Kreditpools erwarben. Einen Teil dieser MBS-Papiere verbrieften die Banken noch einmal und verkauften sie als „Collateral Debt Obligations“ (CDO) an Anleger rund um den Globus. Insgesamt brachten sie auf diesem Weg von 2004 bis 2008 MBS im Wert von 2,5 Billionen Dollar und CDOs im Volumen von 1,5 Billionen Dollar auf den internationalen Kapitalmarkt. Als die Hauspreise ab 2007 abstürzten, konnten oder wollten viele Hypothekenschuldner ihre Raten nicht mehr zahlen, und die Inhaber der Immobilienpapiere verloren mehr als eine Billion Dollar.

Fotos: pa/dpa, AFP(2), Frank Darchinger, Bloomberg via Getty Images, Screenshots CBS(3)

Erbe

Unfaire Wetten mit der Deutschen Bank
Zinsgeschäfte brachten Städten Millionenverluste
Das Urteil hätte kaum härter ausfallen können. Die Deutsche Bank habe „die Risikostruktur des Geschäfts bewusst zu Lasten des Kunden und zu ihrem Vorteil gestaltet“, stellte der Richter fest. Dabei habe die Bank ihre Beratungspflicht verletzt und dem Kunden ein Produkt verkauft, „das bis zum finanziellen Ruin“ hätte führen können. Der Kläger habe darum Anspruch auf Ersatz des Schadens von mehr als einer halben Million Euro, der ihm durch den Kauf des Produkts bei der Deutschen Bank entstanden sei. So urteilte der Bundesgerichtshof im März 2011 in letzter Instanz über ein Geschäft mit Wetten auf Zinsdifferenzen, das der Hygieneartikel-Hersteller Ille bei der Deutschen Bank gezeichnet hatte. Das war nicht nur ein weiterer Schlag für den von Josef Ackermann beschworenen „guten Ruf“ der Deutschen Bank, sondern auch politisch brisant. Denn ähnliche Deals hatte der Geldkonzern auch mit rund 200 deutschen Kommunen oder deren Betrieben geschlossen. Diedabei erlittenen Verluste belaufen sich nach Schätzung des in zahlreichen Verfahren engagierten Münchner Anwalts Jochen Weck auf bis zu eine Milliarde Euro. In Pforzheim etwa hatte sich die frühere Kämmerin Susanne Weishaar auf das Geschäft eingelassen, weil sie hoffte, damit die Zinslasten senken zu können. Stattdessen bescherte es der Stadt einen zweistelligen Millionenverlust und ihr ein Ermittlungsverfahren wegen Untreue. Doch Weishaar, die darüber ihren Job verlor, klagt, auch sie sei falsch beraten worden. „Wir dachten, wir wenden uns an ein seriöses Institut“, erinnert sie sich. Dann aber habe die Bank ihnen etwas verkauft, „was vollkommen daneben für die Stadt war“. Den Vorwurf, einfach nur naiv gewesen zu sein, will sie nicht gelten lassen. „Ich war genauso Pforzheim, naiv wie ein Architekt, der sich auf seinen Sta- Ulm und tiker verlässt“, sagt sie. Mailand Dass das Geschäft unfair angelegt war, fühlen sich meint auch der Finanz- mies beraten experte Jan Hartlieb vom Leipziger Beratungsunternehmen SAM, der in mehreren Verfahren als Gutachter über die umstrittenen Zinswetten herangezogen wurde. Diese hätten „ein völlig ungleiches Verhältnis der Chancen und Risiken zwischen Bank und Kommune“ enthalten. Um das richtig einzuschätzen, bedürfe es „finanzmathematischer Spezialkenntnisse“. Das sei „mit Sicherheit keinem Kämmerer, keinem kommunalen Kunden möglich“. Die Deutsche Bank dagegen antwortet auf die Frage nach ihrer Rolle bei den Zinsswap-Geschäften, sie „berate ihre Kunden umfassend“ und richte diese „an den Kundenwünschen sowie den gesetzlichen Vorgaben aus“. Gleichwohl hat Ackermanns Bank viele Kommunen oder deren Betriebe wie etwa in Würzburg, Ulm oder Pforzheim lieber mit hohen Millionenbeträgen entschädigt, als es noch einmal auf eine Niederlage vor Gericht ankommen zu lassen. Und das nicht nur in Deutschland. Auch in Italien ließen sich zahlreiche Kommunen auf entsprechende Geschäfte ein. Die Stadt Mailand etwa hatte gleich mit vier Geldhäusern, darunter auch der Deutschen und der Pleitebank Depfa, einen Zinstausch-Deal abgeschlossen und damit einen dreistelligen Millionenbetrag verloren. Als das vor drei Jahren herauskam, erhob die Staatsanwaltschaft Anklage wegen Betrugs und ließ bei den vier Banken Vermögenswerte von mehr als 400 Millionen Euro beschlagnahmen. Seitdem müssen sich die verantwortlichen Manager der vier Banken vor Gericht verantworten. Im vergangenen März verglichen sich nun die Deutsche Bank und die anderen drei Institute mit der Stadt und zahlten 455 Millionen Euro. Das Strafverfahren dauert aber noch an.

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