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neuwal im Gespräch mit Erhard Busek

“Parteien haben den Kontakt zu Bürgerinnen und Bürger verloren”
Originalversion Dieter Zirnig (neuwal.com), 13. Dezember 2011

Artikel mit Podcast auf neuwal.com http://neuwal.com/index.php/2011/12/13/neuwal-erhard-busek-meinoe/

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Dieter Zirnig (neuwal.com): Sie möchten ein Volksbegehren “Mein Österreich” für mehr direkte Demokratie und Transparenz starten…
Erhard Busek: …durch Zufall hat sich eine Gruppe ehemaliger Politiker zusammengeschlossen, die über die Situation unseres Landes beunruhigt ist. Das Ergebnis unserer Analyse war, dass der eigentliche Ansatzpunkt in der Qualität der Politiker liegt. und dabei wiederum im Auswahlverfahren. Es geht uns darum, dem Parlament die Rechte und Rolle wieder zu geben, die es eigentlich in einer Demokratie haben muß. Und das hängt wieder von den Fähigkeiten derer, die dort sitzen ab. Wir sind keine Engelsstürmer und wollen nicht eine neue Verfassung oder ein total anderes Wahlrecht. Wir wollen eine Kombination vorhandener Lösungen. Also für die Hälfte der Abgeordneten das Verhältniswahlrecht und für die andere Hälfte Einerwahlkreise, bei denen mit der Mehrheit der Stimmen jeweils auch in einem zweiten Durchgang gewählt werden müßte. Dadurch kann eine gewisse Unabhängigkeit von Parteilisten erziehlt werden.

Wir glauben, dass die Parteien selber den Kontakt zu Bürgerinnen und Bürgern verloren haben.
Was wäre dabei die größe Veränderung?
Die große Veränderungen sind die Einerwahlkreise und die Tatsache, dass zumindestens 50 % der Parteigremien nicht mehr das Sagen haben. Wir sind hier ein offener Prozess und ich kann nicht garantieren, dass wir ein Volksbegehren landen. Wir möchten ein Beunruhigungsfaktor für die etablierte Politik zu sein. Und sie zwingen, darüber nachzudenken. Ich sage ganz offen: Wir sind in einer gewissen Weise Systemerhalter. Wir wollen das prinzipielle System, das wir haben, durchaus erhalten. Wir glauben, dass es allerdings nur zu halten ist, wenn es sich selber verbessert. Und daher der Ansatz beim Wahlrecht und bei der Personenauswahl. Bei der Direkten Demokratie sind wir dafür, dass Volksbegehren, die 400.000 Unterschriften bekommen, einer Volksabstimmung unterzogen werden.

Was verstehen Sie unter Systemerhalter?
Es ist ein bisschen wie Koketerie. Wir haben Chaos. Und daher brauchen wir eine starke Hand. Das wäre ein anderes System. Vom Prinzip her bin ich mit der Art von Demokratie, die wir prinzipiell haben, zufrieden. Nur mit der Durchführung nicht. Das verstehe ich unter Systemerhaltung.

Für meinen Geschmack wird das Wort “Leadership” zu oft verwendet. In

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Übersetzung ist mir klar, dass damit “Führer” gemeint sind. Und dafür habe ich gar nichts im Sinn.
Es gibt noch eine andere Lösung, die vielleicht allerdings noch etwas zu früh ist: Das Internet und die moderne Technologie hat zu einer starken Individualisierung geführt. Möglicherweise bekommen wir neue Ebenen der Demokratie dazu. Welche Grenzen sie haben, erleben wir gegenwärtig beim arabischen Frühling: Hier hat Facebook und Mobiltelefon, etc. unendlich viel bewirkt. Wie das dann letztlich organisiert und institutionalisiert wird, ist noch offen. Ich möchte ich dem nicht verschließen. Ich halte es nur für zu früh, wenn wir nicht zu diesen Veränderungen kommen, dann geht das eher in die andere von mir ganz und gar abgelehnte Richtung.

Sie starten die Initiative MeinOE: Was läuft gerade jetzt falsch in Österreich?
Ganz sicherlich die Personenauswahl und die Qualität derer, die uns in der Politik repräsentieren. Ich kann fast täglich feststellen, wo eigentlich notwendige Politik nicht existiert, nicht reagiert oder keine Beschlüsse fasst. Die Themen sind hinreichend bekannt. Es nervt mich, über den Euro und die Finanz- und Wirtschaftskrise zu reden. Ich verweise etwa auf die Bildungspolitik: Wir haben eine breite bildungspolitische Diskussion. Wir haben die ewige Feststellung, dass nicht nur mehr Geld sondern auch Entscheidungen notwendig sind – aber es entscheidet niemand.

Was läuft in Europa richtig?
Der Weg zu einem gemeinsamen Europa läuft richtig. Weil ich glaube, dass wir in einer globalisierten Welt nur gemeinsam Chancen haben und auch Europa einen Beitrag zu leisten hat.

Wenn sich Europa in Stücke aufteilt, dann werden Indien, China, Russland, Südamerika hier das sagen haben. Und die Europäer sind sozusagen in der Rolle von Denksklaven, die hier bestenfalls behilflich sein können.
Diese Art ist richtig. Falsch ist, wie es instrumentiert wird. Auch hier haben Sie wieder das Problem der Personenauswahl und die Unfähigkeit, Entscheidungen zu treffen.

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Ich halte die gegenwärtige Entwicklung, dass etwa Angela Merkel und Nicolas Sarkozy hinter die Büsche gehen, sich auf irgendetwas einigen und dann strahlend Ergebnisse verkünden, für eine falsche Strategie. Es braucht eine Demokratisierung von Europa, denn die 27 Präsidenten oder Ministerpräsidenten sind nicht Demokratie.
Das ist eine völlige Fehleinschätzung. Ein europäisches Parlament, das an sich nicht schlecht ist, wie es handelt, gehört direkt gewählt, mit Listen und Mandataren auf europäischer Ebene und nicht über nationale Listen. Es gehört auch die Auswahl der Kommission und diverser Präsidenten oder Außenbeauftragten auf eine andere Weise durchgeführt. Gegenwärtig ist das ein Kuhhandel, wobei wir schon froh wären, wenn es Kühe wären, die dabei herauskommen.

Haben sie immer schon so gedacht?
Da habe ich immer schon so gedacht. Ich war immer ein Anhänger für Qualität der Politik und für die Schärfe der Diskussion. Das hat mir auch hinreichend Schwierigkeiten in der Politik gemacht.

Verstehen Sie den Unmut der Regierung derzeit, wenn solche Volksbegehren das derzeitige politische System anstoßen?
Den Unmut verstehe ich nicht und ich billige ihn auch nicht. Ganz im Gegenteil. Ich registriere dumme Feststellungen. Etwa die, wenn der Bundeskanzler sagt, dass ohne Parteipolitik – und die Unterrichtsministerin erklärt, sie unterschreiben das Bildungsvolksbegehren.

Sie sollen Entscheidungen treffen. Kommen nicht raus, dass das Volksbegehren eigentlich ein Korrektiv ihnen gegenüber ist.
Dann sollen sie sich besser lieber abschaffen. Oder etwa die Bemerkung beider Parteispitzen, in der Regierung: Wir sind für eine europäische Wirtschaftsregierung, sie darf uns aber nichts dreinreden. Ja was soll denn eine Regierung anderes als dreinreden, also etwas tun.

Wenn frühere Politiker für Veränderung werben und aktiv werden. Was wurde in

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den Jahren zuvor verabsäumt?
Diese Kritik ist durchaus berechtigt. Die Frage habe ich gestellt. Dazu habe ich auch mit einer Reihen von Autoren ein Buch herausgegeben: “Was haben wir falsch gemacht.” In den verschiedenen Sektoren ist beschrieben, wo wir aggresiver hätten sein sollen. Das ist aber kein Grund, etwa den Alt-Politikern zu sagen, sie sollen den Mund halten. Denn auch Alt-Politiker sind schlicht und einfach Bürger eines Landes mit den Rechten eines Bürgers.

Wo bleibt Platz für neue Ideen, neue Köpfe. Wo sehen wir in diesem Prozess Jugendliche, Studenten, Schüler um in dieser Welt, wo gewählte, abgewählte oder ältere Politiker für Meinungsbildung sorgen und Volksabstimmungen ins Leben rufen. Wie kann man einen Art Schulterschluss garantieren?
Als Alter sehe ich die Möglichkeit – und daran halte ich mich auch daran – hier Gespräche zu führen. Ich folge allen Einladungen, insbesondere mit Freude von jungen Menschen das zu diskutieren. Das ist der Aktivbeitrag, den ich leisten kann. Den Beitrag, den ich nicht leisten kann und den die Jungen leisten müssen, ist sich besser zu formulieren.

Das aus Uni brennt nichts herausgekommen ist, kann man sagen, gut, da hat die Politik versagt, aber hier hat auch das Follow-Up versagt. Es geht nicht nur ein Gefühl in die Welt zu setzen, es geht auch um konkrete Vorschläge, die gesamthaft zusammenpassen müssen. Es ist eigentlich davon nichts geblieben. Und das ist traurig.
Uni brennt hatte eine emotionale und eine Protestkomponente. Ein Protest, der von einem ehemaligen Vizekanzler und Industriellen geleitet wird ist damit nicht vergleichbar. Das ist keine Kritik, ich habe Respekt, das Androsch das von sich aus unternommen hat. Mir ist allerdings das, was im Volksbegehren gestanden ist eine Sammlung einer Fülle von Vorschlägen, die in sich nicht konsistent sind. Hier ist ein bisschen mit dem Staubsauger gesammelt worden wer aller eine Idee hat. Ich habe mit Androsch und Schilcher darüber Dialoge geführt. Mir wäre lieber gewesen, wenn man sich auf wenige Punkte konzentriert hätte. Zum Beispiel einen fixierten Anteil für die Bildungspolitik am Budget oder am Bruttonationalprodukt. Oder etwas im Schulbauprogramm für Ganztagsschulen. Wir können die Ganztagsschulen nicht durchführen, weil wir die Schulbauten dazu nicht haben. Oder aber eine inhaltliche Klärung der Lehrerausbildung, die gegenwärtig auch im Argen liegt. Wenige Punkte wären mehr gewesen.

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Sie haben vorhin gesagt, Jugendliche sollen sich besser formulieren…
…ich glaube, dass hier ganz konkrete Vorschläge gemacht werden müssen. Und dass sie in sich konsistent sein müssen. Das war hier nicht der Fall und es muß auch irgendwohin hineinpassen. Gestaltung erfolgt immer in Schritten. Wir haben nie eine Situation, dass alles neu erfunden wird.

Selbst wenn sie in Revolutionen gehen, sind es immer Veränderungen vom Vorhandenen.
Es muß also die Machbarkeit betrachtet werden.

Wie definieren sie Veränderung.
Veränderung ist ein abstrakter Begriff. Es gibt Veränderung zum Guten und Veränderung zum Schlechten. Das kommt auf die Richtung an. In der heutigen Zeit würde ich Veränderung vorwegig verstehen, mit der Entwicklung Schritt halten, in der wir uns gerade befinden. Ich glaube, dass die verfasste Politik und auch unsere Einrichtungen gegenüber unseren Wirklichkeiten weit zurückliegen.

Sehen sie Volksbegehren als eine Art “Startup”, um das derzeitige politische System anzustoßen?
Die Tatsache, dass sehr viele Vorschläge in die Richtung gehen, zeigt, dass hier Notwendigkeiten zur Veränderung sind. Es hat eine kritische Masse erreicht. Ich war bei der Mutbürgerveranstaltung von Fr. Dr. Anneliese Rohrer. Hier waren eine Menge von Initiativen vertreten. Gut, dass es das gibt. Tiefen Respekt für viele die sich engagieren und ganz selbsterständlich ihre Arbeitskraft und ihre Ideen einbringen. Aber: Es muß eine nächste Qualität erreichen, dass die sich organisieren, Prioritäten setzen, damit sie wissen, was sie erreichen wollen.

Wie können diese nächsten Schritte gesetzt werden?
Das ist eine Frage der Selbstorganisation. Man kann den Initiativen nur zurufen – und da bin ich wirklich ein Alt-Politiker – hier selber die Organisationsformen zu suchen.

Es ist sicherlich nicht mehr die Zeit für Parteigründungen, das ist abgelaufen. Sondern, hier geht es um inhaltiche Bewegungen, die sich so

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artikulieren, dass die Veränderungen auch im Wege der verfassungsrechtlichen Institutionen gemacht werden.
Christoph Bösch ist Publizist und auch bei einer Demokratiebewegung dabei. Sie sagen, die Zeit für neue Parteien und Parteigründungen sind vorbei. Bösch schlägt vor eine gemeinsame Kandidatur aller Demokratiebewegungen bei der Nationalratswahl 2013. Eine Gruppe soll sich um Reformen kümmern und danach wieder die Politik verlassen… Wäre das ein Szenario?
Ich bin sehr dafür, dass sie es probieren. Da ich natürlich mein Leben lang mit diesen Dingen zu tun gehabt habe, weiß ich auch, wie schwierig das ist. Es ist aber möglicherweise ein notwendiger Lernprozess um dabei auch draufzukommen, was man falsch gemacht hat.

Internet und neue Möglichkeiten… Wie sehen sie das in Bezug auf MeinOE – welche neuen Chancen bietet ihnen das Netz?
Zunächste im Bereich der jungen und jüngeren ganz andere Wege er Artiklation. Gegenwärtig glaube ich immer noch, dass es immer noch eine Spaltung der Gesellschaft hinsichtlich der Internetnutzung und Nicht-Internetnutzung gibt. Das muß man überbrücken. Man muß sozusagen mit beiden Wirklichkeiten leben. Das ist dann nicht eine einfache Situation. Wie das zu Handhaben ist, kann ich nicht sagen, da ich eher der alten Generation angehöre als der Internetgeneration.

Heinrich Neisser ist beim Mutbürgerstammtisch dabeigewesen (Initiative Mehrheitswahlrecht). Er sieht diese Initiative als “Weckruf” für die Zivilgeselschaft. Ist das Volksbegehren ein solcher Weckruf und ist es nicht ein passiver Weckruf? Gehört hier nicht mehr dazu um Bürger, Menschen, die Zivilgesellschaft wirklich “aktiv” zu motivieren?
Die Analyse ist sicherlich richtig. Es ist quasi nur ein erster Schritt. Und die Unzufriedenheit muß schon so einen Pegel erreicht haben, dass es überhaupt dazu kommt. Der nächste Schritt wäre zweifelslos der, entweder wie sie vorgeschlagen haben eine Plattform zu bilden die kandidiert, oder in die vorhandenen Parteien einzudringen und sie zu verändern. Jedenfalls wirksam zu werden, die Artikulation allein, im Wege der Medien oder des Internets genügt mit Sicherheit nicht.

Sie haben auch öfter die Unzufriedenheit angesprochen. Wo sind Österreicher unzufrieden, wo sind sie auch zufrieden?
Traditionell sind die Österreicher unzufrieden. Das ist ihre Art der Zufriedenheit. Das Raunzen

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(vorallem für die Wiener) gehört dazu. Ich habe allerdings den Eindruck, dass es langsam eine Qualität oder kritische Größe gewinnt, mit der man sich Ernst auseinandersetzen muß.

Letztlich, zufrieden sind die Österreicher noch mit der wirtschaftlichen und partiell mit der sozialen Situation. Sonst würde es dramatischere Bewegungen geben. Wir sind noch nicht so weit, dass auf einem Platz sich die Leute Tag und Nacht hinsetzen, Autos angezündet werden, o.ä.
Das ist noch kein Zeichen von Zufriedenheit, dass das nicht passiert. Aber es gibt ja unterschiedliche Stadien.

Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute!