Nachhaltig wachsen. Besser leben.

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Europa steckt in der Schuldenkrise. Viele EU-Staaten reißen den Maastricht-Grenzwert, wonach die
Schulden 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) nicht übersteigen dürfen. Einige Euro-Länder
haben dadurch das Vertrauen der Finanzmärkte verloren. Die Zinslasten für ihre Staatsanleihen sind
gestiegen, manchen Euro-Ländern drohte oder droht die Zahlungsunfähigkeit. Mit Milliardenkrediten,
vor allem durch andere Euro-Länder, wurden diese Staaten vor der Zahlungsunfähigkeit bewahrt.
Selbst Deutschland, ein auf den Märkten vertrauengenießender Staat, hat eine drückende Schuldenlast.
Verteilt man die Staatsschulden auf seine Einwohner, dann ist jeder Bundesbürger mit rund 25.000
Euro verschuldet. In der Summe beträgt die deutsche Staatsschuld rund 80 Prozent des BIPs. Allein der
Schuldendienst für die Begleichung der Zinslasten ist der zweitgrößte Posten im Bundeshaushalt. Hinzu
kommt eine versteckte Verschuldung aus Leistungsversprechen der Sozialversicherungen und Pensions-
lasten, die erst in der Zukunft anfallen. Sie stellen gleichermaßen einen Anspruch an den Staat dar, den
die künftigen Steuer- und Beitragszahler finanzieren müssen. Laut Berechnungen des Forschungszent-
rums Generationenverträge beläuft sich diese sogenannte „implizite Verschuldung“ auf 147 Prozent des
BIPs. Somit ergibt sich eine Gesamtverschuldung von 230 Prozent der Wirtschaftsleistung.
Um die Schuldenkrise zu überwinden und den Wohlstand in Europa auch für künftige Generationen zu
sichern, müssen die Staatsschulden deutlich reduziert werden. Deutschland hat dafür 2009 die Schul-
denbremse für Bund und Länder eingeführt, die seit 2011 verbindliche Vorgaben zur Reduzierung des
Haushaltsdefizits macht. Ab 2016 darf auf Bundesebene die strukturelle, also nicht konjunkturbedingte,
jährliche Nettokreditaufnahme des Bundes maximal 0,35 Prozent des Bruttoinlandsprodukts betragen.
Den Bundesländern wird ab 2020 die Nettokreditaufnahme gänzlich verboten. Ausnahmen sind bei
Naturkatastrophen oder schweren Rezessionen gestattet. Auf europäischer Ebene ist eine Schuldenbrem-
se im geplanten Fiskalpakt vorgeschrieben.
Euro-Staaten, die bereits heute Kredite von anderen Euro-Ländern erhalten, etwa im Rahmen des
European Financial Stability Facility (EFSF), müssen im Gegenzug für die Kreditvergabe Reform- und
Sparvorhaben umsetzen. Diese Reform- und Sparanstrengungen stehen in der Kritik. Weil die beson-
ders hart von der Schuldenkrise betroffenen Staaten unter einer abnehmenden Wirtschaftsleistung
leiden, wird gefordert, die Reformvorhaben abzuschwächen und die Pläne der Schuldenreduzierung zu
strecken. Zugleich soll mit Konjunkturprogrammen die Wirtschaft angekurbelt werden.
Die INSM lehnt solche Konjunkturprogramme ab. Aus folgenden Gründen:
1. Ganz grundsätzlich gilt der ökonomische Zusammenhang, dass eine Volkswirtschaft nur wachsen
kann, wenn sie spart. Sparen ist das Gegenteil von Konsumieren und stellt die Finanzmittel für
Investitionen bereit, aus denen Wachstum entsteht. Investitionen vergrößern den Kapitalstock einer
Volkswirtschaft und insofern deren Produktionskapazität.
Sparen und Wachsen
Grundlage dieser INSM-Position:
t Sinn, Hans-Werner/Potrafke, Niklas (2012), Zur Debatte „Sparen oder
Wachstum“, ifo Schnelldienst 10/2012, hier bitte klicken.
t Reinhart, Carmen M./Reinhart, Vincent R./Rogoff, Kenneth S.
(2012), „Debt overhangs: Past and present”, NBER Working Papers no.
18015, Cambridge.
t Reinhart, Carmen M./Rogoff, Kenneth S. (2009), „is time is diffe-
rent”, Princeton University Press, Princeton.
Grundlage dieser INSM-Position:
2. Die Erfahrung lehrt, dass eine antizyklische Konjunkturpolitik in der Regel die Verschuldung
der Länder erhöht, statt sie über vermehrtes Wachstum zu senken. In Krisenzeiten wird meist, um
die Konjunktur anzukurbeln, eine hohe Verschuldung in Kauf genommen, in Phasen des stärkeren
Wachstums ist aber meist die politische Willenskraft zu schwach, um die Defizite abzubauen.
3. Eine Krise, die durch zu hohe Verschuldung entstanden ist, wird nicht dadurch gelöst werden
können, indem man den Abbau der Verschuldung vernachlässigt oder sogar mehr Schulden macht.
Empirische Studien zeigen, dass sich hohe Staatsschulden negativ auf das Wirtschaftswachstum
auswirken: In Perioden, in denen die Staatsverschuldungsquote 90 Prozent des BIPs überstieg, war
die durchschnittliche BIP-Wachstumsrate ungefähr einen Prozentpunkt geringer als in Perioden
mit niedrigerer Verschuldungsquote. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Wer eine glaubwürdige
Entschuldungspolitik verfolgt, der löst Unsicherheiten auf und gibt den Menschen eine hoff-
nungsvolle Zukunft. Die Folge: Investitionen steigen, die Zinslasten für Kreditaufnahmen sinken.
4. Wirtschaftswachstum durch vermehrte Staatsausgaben zu finanzieren, ist ein Strohfeuer mit nega-
tiver Langzeitwirkung. Anhänger der keynesianischen Denkschule hoffen, dass durch zusätzliche
Staatsausgaben auch die privaten Haushalte mehr Geld ausgeben und somit ein BIP-Wachstum
einsetzt, welches das Wachstum der Staatsausgaben übertrifft. Ökonomen berechnen deshalb
sogenannte Multiplikator-Effekte, um zu untersuchen, ob Konjunkturprogramme in der Tat zu
einem überproportionalen BIP-Wachstum führen (der Ausgabenmultiplikator wäre dann größer als
eins). Die Empirie zeigt aber, dass die von den europäischen Regierungen im Zuge der Finanzkrise
geschnürten Konjunkturpakete in den Jahren 2008 und 2009 nicht zu einem überproportionalen
BIP-Wachstum geführt haben. Auch in früheren Finanzkrisen haben Konjunkturprogramme kei-
nen Multiplikator-Effekt größer eins bewirkt. Was aber bleibt, sind höhere Zinslasten.
5. Eine zu starke Erhöhung der Staatsausgaben hat langfristig sogar negative Wachstumseffekte.
Empirische Studien zeigen, dass die jährliche BIP-Wachstumsrate in OECD-Ländern um 0,5 bis 1
Prozentpunkt sinkt, wenn die Staatsquote um 10 Prozentpunkte steigt.
Statt schuldenfinanzierter Konjunkturpolitik müssen die Staaten langfristige Wachstumsmöglichkeiten
nutzen. Dauerhaft hohes Wachstum erleichtert – infolge höherer Steuereinnahmen – den Schuldenabbau.
Mehr Wachstum entsteht durch...
· ... die Deregulierung von Märkten.
· ... die Privatisierung von Staatsbetrieben und Branchen.
· ... den Abbau von Subventionen und Investitionen in die Zukunft. Derzeit wird in den Staats-
haushalten viel Geld für überfüssige Subventionen ausgegeben, während Geld für produktive ö¿entliche
Investitionen, wie zum Beispiel in Bildung, fehlt. Beispiel EU-Haushalt: Der größere Teil wird noch
immer für Agrarsubventionen ausgegeben.
· ... eine stabilitätsorientierte Geldpolitik. Eine verlässliche Preisentwicklung fördert Investitionen und
sorgt damit für Wachstum.
Nachhaltig wachsen. Besser leben.
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t Bergh, Andreas/Henrekson, Magnus (2011), „Government size and growth: A
survery and interpretation of the evidence”, Journal of Economic Surveys 25 (5),
S. 872–897.
t Fuest, Clemens (2012), Mehr Wachstum – ohne Schulden, hier bitte klicken.
t Stiftung Marktwirtschaft, Forschungszentrum Generationenverträge, „Ehrba-
rer Staat? Die deutsche Generationenbilanz“, Update 2012, Freiburg.
Stand: 26. Juni 2012