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badische zeitung

don ne r s ta g, 5. j u l i 2012

Rebeccas Haut
Vor drei Jahren bekam die 23-jährige Rebecca eine Nachricht, die ihr Leben veränderte: Sie hat schwarzen Hautkrebs
Vo n u n s e r e r M i t a r b e i t e r i n Fa b i e n n e H u r s t

STILFRAGE

„Derbe und rockige Sachen mag ich gern“
„Was ist dein Stil?“, fragt Lilia Staiger regelmäßig junge Menschen aus der Region. Diesmal Sarah Maier, 21, die Erziehung und Bildung an der PH Freiburg studiert. Fudder: Was hat deinen Stil geprägt? Sarah: Ich bin vor einem Jahr drei Monate lang in den USA und Kanada herumgereist und habe viel gesehen, dass mich inspiriert hat, auch in Sachen Stil. Die Leute kleiden sich dort locker und unverkrampft, aber gleichzeitig stylisher. Mein Stil ist ein wenig speziell, gleichzeitig modern und alternativ, manchmal auch verspielt und lässig. Ich überlege mir immer genau, wie ich ein Outfit cool kombinieren kann. Schicke Kleidung ist gar nicht mein Fall, das bin einfach nicht ich. Fudder: Was hast du dir in den USA gekauft? Sarah: Diese derben Boots im UsedLook habe ich in Kanada gekauft, sie sind meine Lieblingsschuhe. In Kanada sind die Leute hipper, man trägt immer die neusten Trends, vor allem im rockigen Stil. Dazu trage ich am liebsten

Der Leberfleck an der linken Seite juckt. Die Zettelchen mit der Waschanleitung, die immer in den Pullis eingenäht sind, scheuern daran. Rebecca geht zum Arzt, sie ist 15 Jahre alt. Rebecca hat sehr helle Haut, Porzellanhaut, blonde Haare, viele Leberflecke. Ein „Risikotyp“ laut der deutschen Krebshilfe. Doch der Arzt schüttelt den Kopf, alles in Ordnung, der Fleck kann bleiben, eine Operation wäre übertrieben. Fünf Jahre später lässt sich Rebecca noch einmal untersuchen, besteht darauf, den Fleck entfernen zu lassen. Sie wird trotz der Beschwichtigungen der Mediziner operiert. Ein paar Tage vor dem schriftlichen Abi bekommt sie das Ergebnis der Untersuchungen: „Sie haben ein malignes Melanom“, eröffnet ihr die Ärztin. „Zuerst war mir gar nicht klar, was das überhaupt für mich bedeutet“, erinnert sich die 23-Jährige heute. „Ich dachte nur: Wie, ich muss ins Krankenhaus? Das geht nicht, ich schreib’ doch Abi!“ Erst auf dem Weg in die Hautklinik wird ihr bewusst, was die Diagnose Krebs überhaupt bedeutet. „Plötzlich dachte ich: Du könntest ja vielleicht sterben“, erzählt Rebecca. „Und was habe ich gemacht? Mein Testament geschrieben! Ich wollte festlegen, wer welche Videospiele und Klamotten vererbt bekommt. Völlig bescheuert.“ Rebecca lacht. Es ist ein fröhliches Lachen, hell und freundlich. Ein Lächeln, das sagt: Ich habe den Krebs besiegt.

„Cremt euch ein!“, warnt Rebecca ihre Freunde vor jedem Schritt in die Sonne. ein paar Bewerbungen. Sie will Hebamme werden, macht sich aber keine großen Hoffnungen auf eine Zusage. Zur Überbrückung der Wartezeit reist sie an die Ostsee, arbeitet in einem Freizeitheim und beginnt dort mit der Interferon-Therapie zum Aufbau des Immunsystems. Dreimal pro Woche muss sie sich das Protein unter die Haut spritzen, die Nebenwirkungen belasten sie stark. Rebecca hat 18 Monate lang Kopfschmerzen, die Haare fallen ihr büschelweise aus. Damit es nicht so auffällt, schneidet sie sich die blonden Haare streichholzkurz. Am schlimmsten aber empfindet sie die Stimmungsschwankungen. „Ich war plötzlich ein ganz anderer Mensch, von einem Moment auf den anderen wurde ich meist grundlos wütend.“ Aus Angst, Freunde und Familie mit ihrer aggressiven Art zu verletzten, zieht sie sich immer mehr zurück. Im September 2010 beginnt Rebecca eine Ausbildung zur Krankenschwester, sagt aber niemandem, dass sie krank ist. „Ich wollte behandelt werden wie ein gesunder Mensch.“ Sobald jemand erfährt, dass Rebecca Hautkrebs hat, kann er nur schwer damit umgehen. „Entweder die Leute denken: Ja, dann wird eben der Leberfleck entfernt und gut ist. Oder sie denken, ich muss auf der Stelle sterben und behandeln mich auch so. Das ist richtig unangenehm.“ Alle drei Monate muss Rebecca zur Untersuchung. Auch wenn der Tumor entfernt und die Interferon-Therapie abgeschlossen ist, bedeuten die Besuche in der Freiburger Hautklinik Stress. „Man fragt sich jedes Mal: Finden sie etwas?“ Mittlerweile darf Rebecca wieder in die Sonne gehen, gut eingecremt und nicht in der „Brutzelzeit“ von 11 bis 15 Uhr. „Vorher war die Sonne mein Feind, wie eine Katze im Regen bin ich von Schattenplatz zu Schattenplatz gehuscht.“

FOTO: FABIENNE HURST

– Jeden Sonnenbrand packt der
Körper aufs „Krebskonto“

Die eigentliche Todesursache bei Melanompatienten ist nicht der Primärtumor, der entfernt werden kann, sondern dessen Metastasen in anderen Organen. Da der Tumor zum Zeitpunkt der Diagnose bereits einzelne Tochterzellen über die Lymphbahnen abgesiedelt haben kann, entfernen die Ärzte die vom Krebs befallenen Lymphknoten in der Nähe des Tumors. „Lymphknoten sind quasi die Abfalleimer des Körpers. Die waren in meinem Fall voll – und mussten raus“, erklärt Rebecca. Bei ihr werden alle Lymphknoten unter dem linken Arm entfernt. Auf ihrer Krankenakte liest sie, dass das Melanom circa fünf Jahre alt ist. Ein kleiner Stich für die 20-Jährige – damals, als sie zum ersten Mal zum Arzt gegangen ist, war das Melanom also schon da.Die Operation überstanden, schreibt Rebecca auf gut Glück

INFO
SCHWARZER HAUTKREBS Das maligne Melanom (schwarzer Hautkrebs) entsteht aus den Pigmentzellen der Haut. Demnach ist die Farbe meist schwarz, es gibt jedoch auch helle Varianten, die besonders schwierig zu erkennen sind. Betroffene sind häufig zwischen 50 und 60 Jahre alt, der schwarze Hautkrebs kommt jedoch auch bei jungen Menschen ab 16 Jahren vor. Ein heller Hauttyp mit hoher Sonnenempfindlichkeit ist der wichtigste Risikofaktor für die Entstehung von Hautkrebs. Für das maligne Melanom stellt die Zahl der Leberflecken einen wichtigen Risikofaktor dar. Wenn mehr als 50 Leberflecken vorliegen, besteht eine besondere Gefährdung. fah

Seit vergangenem Herbst besucht sie die Hautkrebs-Selbsthilfegruppe in Freiburg, gegründet von dem Hautkrebspatienten Volker Hodel aus Teningen. Einmal im Monat treffen sich Betroffene, manchmal referieren Experten zu Themen wie Ernährung oder Therapiemöglichkeiten. „Es geht hauptsächlich darum, Erfahrungen auszutauschen,“ sagt Volker Hodel. „Man hat so viele Fragen, die man nicht unbedingt einem Arzt, sondern jemandem stellen will, der die gleiche Leidensgeschichte hat.“ In dieser Gruppe sieht Rebecca auch zum ersten Mal Statistiken und erfährt Fakten über ihre Krankheit, die sie zuvor verdrängt hat: Jedes Jahr erkranken in Deutschland 224 000 Menschen neu an Hautkrebs, davon 198 000 an weißem Basalzell- oder Stachelzellkrebs. Bei 26 000 Menschen wird wie bei Rebecca schwarzer Hautkrebs diagnostiziert, rund 3 000 sterben daran. Der Grund für diesen alarmierenden Anstieg liegt nach Angaben der Deutschen Krebshilfe in dem verbreiteten Wunsch nach Bräune um jeden Preis. Vor allem in jungen Jahren registriert der Körper jeden Sonnenbrand auf seinem „Krebskonto“. Vor jedem Schritt in die Sonne erinnert Rebecca ihre Freunde: „Cremt euch ein! “ Eine Sache macht sie besonders wütend: „Wenn ich jemanden aus einem Solarium gehen sehe, habe ich immer Lust ihn zu schütteln und zu schreien: Sag mal, weißt du eigentlich, dass du dich gerade umbringst?“

Sarah

FOTO: JONAS OSWALD

Melancholisch verhangen, dennoch treibend
Der Freiburger Jungproduzent Borrowed Identity feiert mit seiner ersten Vinylschallplatte Erfolge in der Elektro-Szene
Stojan Prokop streicht sich die schwarzen Haare aus dem Gesicht. Er blickt in die Ferne, in die Sonne, die am Kaiserstuhl untergeht, und atmet tief durch. Sein Teint ist nachtfahl, sein Bart zauselig, die Stimme leicht brüchig, aber warm. Trüge er ein hellblaues Jeanshemd zu knallroten Röhrenjeans, könnte er sich als Folksänger ausgeben. Stojan Prokop, gebürtiger Freiburger, lacht über diese Vorstellung. „Vielleicht kommt das noch, wenn ich älter bin, so ab vierzig“, sagt er. Außerdem lebe er für diese weiße Mittelschichtsmusik im falschen Stadtteil, ergänzt er. Die Abendsonne taucht die Wohnhäuser Weingartens in ein purpurnes Licht und löst die harten Konturen der Hochhäuser auf. Prokop blickt auf die Uhr. Heute wolle er versuchen, ein wenig früher zu Bett zu gehen, meint der 21-Jährige und gähnt lange, wie zum Beweis seiner Müdigkeit. Diese rührt daher, dass der junge Freiburger seit etwa einem Jahr dazu beiträgt, dass der weiße Fleck Freiburg im Atlas der elektronischen Musik etwas Farbe annimmt. In einem karg eingerichteten Schlafzimmerstudio arbeitet er sich in kräftezehrender Nachtarbeit an Beat Pattern, Basslines und Harmonien ab und erschafft sich damit seine eigene musikalische Welt, die man am besten in die Schublade Deep House einsortiert. Anfang Juni ist mit „Stimulation“ Prokops erste Vinylschallplatte erschienen, unter dem Pseudonym „Borrowed Identity“, auf dem Label Foul & Sunk, das die einstigen Freiburger Mark Burow und Sebastian Stang ins Leben gerufen haben. Seine drei Stücke, melancholisch-verhangene, aber dennoch treibende HouseSkizzen, finden sofort Anklang bei DJ-Größen wie Tiefschwarz, Will Saul oder Jimpster. Die amerikanische Trendzeitschrift für elektronische Musik XLR8R widmet ihm ein Feature auf ihrem Blog. Das Dresdner Label Uncanny Valley, eine der aktuell innovativsten Plattformen für elektronische Clubmusik, ist bei ihm vorstellig geworden. Ganz schön viel Wirbel um einen Jungproduzenten, der seine wahre Identität am liebsten verborgen hält und mit einer Vielzahl von Aliasnamen arbeitet. Auch draußen“ lässt sich so zusammenfassen: Eine wohlbehütete Kindheit wird durch Schicksalsschläge erschüttert, Angst und Traurigkeit, aber auch Verbitterung und Wut legen sich wie ein Schatten über sein Leben. Er habe sich immer stärker zurückgezogen und nur noch Musik gehört. Klassische Musik, Jazz, Punkrock, aber auch elektronische Musik von Daft Punk oder Justice. Zudem habe er Bücher zu Rhythmus- und Harmonielehre, aber auch musikphilosophische Werke ausgeliehen, erzählt er. Das macht er heute noch. Die Nacht ist über Weingarten hereingebrochen. Stojan Prokop blickt erneut auf die Uhr. Zeit, ins Bett zu gehen? Der Jungproduzent nickt. „Wahre innere Ruhe kann ich ja doch nur in der Musik finden“, sagt er. Gerade habe er sich Klaviernoten ausgeliehen, Beethoven und Schumann, und eine Tabelle für Gitarrenakkorde. Vielleicht doch der Anfang eines Folk-Albums? Bernhard Amelung
Borrowed Identity ist auf Facebook: facebook.com/Borrowed.Identity Hörprobe: fudr.fr/borrowedidentity

meine Lederjacke und kombiniere dazu verspielte Accessoires wie diese Mütze und den Schal. Derbere und rockige Sachen mag ich ganz gern. Fudder: Trägst du viel Schmuck? Sarah: Ich trage viele Ringe, Ketten und vor allem Lederschmuck. Die Ringe haben meistens große Klunkersteine, aber Funkeln und Glitzern ist nicht meins. Fudder: Stehst du auf bunte Fingernägel? Sarah: Ja, ich lackiere sie mir immer in bunten, fröhlichen Farben, das macht gute Laune und peppt Outfits auf. Meine Favoriten sind Blau, Türkis, Altrosa und Pink.

PREISDIELE
Z MF - DO P PEL P ACK Fudder verlost dreimal je zwei Tickets für das Doppelkonzert von Jupiter Jones und Young Rebel Set am Samstag, 7. Juli, im Zirkuszelt auf dem Zelt-Musik-Festival Freiburg.
Mitmachen und gewinnen unter fudder.de/gewinnen

DU BIST GEFRAGT!
D ER GRA F ALS P UPP E „Was macht man mit so einer Graf-Unheilig-Puppe außer mit Nadeln reinstechen?“ Fudder-User Andrés zum Souvenir-Angebot beim Benefizkonzert von Unheilig und Peter Maffay in einem Freiburger Möbelhaus.

Bleibt lieber unerkannt: Borrowed Identity FOTO: PRIVAT Stojan Prokop ist nicht sein richtiger Name. Warum diese sprachliche Maskerade? Der junge Musiker blickt zu Boden. „Musik war schon immer mein Zufluchtsort. Sobald ich ihn aufsuche, lasse ich mein Alltagsleben ganz bewusst hinter mir und vergesse, was da draußen ist“, sagt er mit leiser Stimme. Prokops „da