Coop Himmelb(l)au

Dachausbau in Wien, Falkestraße

Die Wiener Rechtsanwaltskanzlei Schuppich, Sporn, Winischhofer, Schuppich wollte ihre im Mezzanin und im ersten Stock des Hauses Falke- / Biberstraße bestehenden Büroräume durch einen Dachausbau erweitern. Hauptaugenmerk sollte auf einen großen Sitzungssaal gelegt werden. Daneben war an kleinere Büroeinheiten gedacht. Man wandte sich an an das 1968 gegründete Architektenteam Coop Himmelb(l)au, in dem zu diesem Zeitpunkt Wolf D. Prix (geb. 1942) und Helmut Swiczinsky (geb. 1944) arbeiteten.

„Komisch...wenn man in der Falkestraße oder der Biberstaße steht sieht man den Dachausbau überhaupt nicht.“

„Wir sind also in das Haus eingedrungen und mit dem Fahrstuhl ganz nach oben gefahren. Als wir ausstiegen, sahen wir in die Gewehrläufe der Security – nein, hieß es, der Sitzungssaal ist nicht zu besichtigen!“

Bei der Entscheidung, den Auftrag an Coop Himmelb(l)au zu vergeben, war den Auftraggebern klar, dass sie alles andere als eine traditionelle Lösung erhalten würden. Es war hinreichend bekannt, dass „Himmelb(l)au“ gegen herkömmliche Architekturvorstellungen anging und die Fachwelt nicht nur schockierte, sondern auch begeisterte.

Wir haben keine Lust, Biedermeier zu bauen. Wir wollen Architektur, die blutet, die erschöpft, die dreht und meinetwegen bricht. Architektur, die leuchtet, die sticht, die fetzt und unter Dehnung reißt. Architektur muss schluchtig, feurig, glatt, hart, eckig, brutal, rund, zärtlich, farbig, obszön, geil, träumend, vernähend, nass trocken und herzschlagend sein. Lebend oder tot. Wenn sie kalt ist, dann kalt wie ein Eisblock. Wennsie heiß ist, dann so heiß wie ein Flammflügel. Architektur muss brennen!!

Manifest des Coop-Duo, 1980

Coop Himmelb(l)au: UFAcinemacenter Dresden 1998

Die Eck-Lösung ... wenn es überhaupt so etwas wie eine „Lösung“ in der Architektur gibt, besitzt keine Erker, Türmchen oder Akroter, keine „stimmiger“ Kontext von Proportionen, Material oder Farben, sondern eine visualisierte „Energielinie“, die, von der Straße kommend, das Projekt überspannt, das bestehende Dach aufbricht, zerbricht und damit öffnet. Dach: Die „Überdeckung“, der oberste Abschluss eines Gebäudes zum Schutz vor Niederschlägen und Unwettern.

Dekonstruktivismus (Architektur), Stilrichtung der jüngeren Architektur, die mit ihrem Formenvokabular den Anspruch einer Ablösung der Postmoderne erhebt. Charakteristisch für diese Bauten sind Überlagerungen von Formen und gesplitterte oder fragmentarische Bauelemente. Die zeitlich aufeinander folgenden Planungsstadien werden im dekonstruktivistisch verstandenen Bauwerk gleichzeitig und sich räumlich überlagernd gezeigt. Der Planungsprozess eines Gebäudes wird nicht nur gezeigt, sondern er wird zum eigentlichen Entwurfsinhalt. Im Gegensatz zur konstruktivistischen Architektur will der Dekonstruktivismus die innere Logik aufbrechen, jedoch nicht durch äußerliche Zerstückelung oder Zerstörung der Formen. Den Einfluss der klassischen europäischen Moderne (siehe Bauhaus) verrät Gehrys dekonstruktivistisches Stuhlmuseum der Firma Vitra in Weil am Rhein (1989). Auch Zaha Hadids Feuerwehrhaus auf dem gleichen Gelände (1992) zeichnet sich durch einen konzentrierten, massiven Baukörper aus. Quelle: <www.f-rg.de/website/faecher/kunst Gegentheorie zum Konstruktivismus und zum Funktionalismus. Die realisierten Projekte des Dekonstruktivismus stören die gewohnten visuellen Raumerfahrungen und zeigen statt statischkonstruktiv verständliche, scheinbar destabilisierte Strukturen. Wichtige Vertreter z.B. Frank O. Gehry, COOP Himmelblau, Günther Behnisch. Quelle: www.bauwerk-verlag.de/baulexikon Die zunehmende Globalisierung in den beiden letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts führt nicht nur zu neuen weltumspannenden Allianzen, sondern hat auch gleichzeitig eine fortschreitende Zersplitterung der Gesellschaft und die Auflösung traditioneller Bindungen zur Folge. Der bis dahin nie in Frage gestellte Versuch, in der Baukunst durch wissenschaftlich-rationale Lösungen und die Suche nach Urelementen und -typen einen ganzheitlichen Sinnzusammenhang herzustellen, lässt sich mit der allgemeinen Lebenserfahrung immer weniger in Einklang bringen. Deshalb war es nicht verwunderlich, dass sich in den achtziger Jahren Künstler und Architekten gegen die "Ganzheitsmisere" auflehnten. Zersplittern, zerstückeln, fragmentieren und wieder neu zusammensetzen, ohne die Brüche und Risse zu vertuschen - das wurde als neuer Weg angesehen, um zu tiefer liegenden Sinnzusammenhängen zu gelangen. Für die Architektur bedeutete dies den Ausbruch aus dem ehernen Gesetz der Tektonik, das stets den Zusammenhang von Tragen und Lasten respektiert. Schräg gestellte Wände, Stützen, die ins Leere gehen, wahllos über eine Fassade verteilte Öffnungen und scheinbar zertrümmerte Volumina, dysharmonische Farb- und Materialkompositionen und extrem dynamisch wirkende Räume sind die Kennzeichen des Dekonstruktivismus in der Baukunst. Der von dem französischen Philosophen und Literaturwissenschaftler Jacques Derrida 1967 eingeführte Begriff "Dekonstruktivismus" wurde auf die Architektur übertragen durch eine Ausstellung im Museum of modern Art in New York (1988) ; sie trug den Titel "Deconstructivist Architecture". 1988 beschrieb Phillip Johnson den Dekonstruktivismus wie folgt: "Dekon-struktivistische Arbeit ist kein neuer Stil ... In ihr fließt das Schaffen einiger bedeutender Architekten zusammen, die ähnlich vorgehen und zu äußerst ähnlichen Formen kommen..“ Die Ausstellung zeigte Arbeiten von Frank O. Gehry, Daniel Libeskind,

Dieser raumerzeugende, gespannte Bogen - ein seit 1980 immer wichtiger werdendes Element der Architektur der Gruppe - ist das stählerne Rückgrat des Projekts. Die offenen verglasten und die geschlossenen, gefalteten oder ebenen Flächen der Hülle kontrollieren das Licht und geben oder nehmen Ausblick. Sicher ist es nicht unzutreffend, wenn man den Dachausbau in der Falkestraße als bewohnbare Plastik bezeichnet, die ihre visuelle Konsistenz durch Dynamik und Auflösung zugleich erhält. Der Dachausbau scheint sich den Kräften der Schwerkraft zu entziehen, er öffnet den Blick (nach oben) ... ins Himmelblau. Beide Blickrichtungen, von außen und von innen nach außen, festgehalten in einer frühen Zeichnung (s.o.), definieren die Komplexität der gebauten räumlichen Beziehungen. Und das differenzierte und differenzierende Konstruktionssystem, eine Mischung aus Brücke und Flugzeug, übersetzt die räumliche Energie in die gebaute Realität. Die Kanzlei ist nicht nur über das Treppen-haus, sondern auch über einen eigenen Lift zu erreichen. Das Objekt ist zweigeschossig und 7,80 m hoch. Die Gesamtfläche beträgt 400 m2, zum Raumprogramm gehören ein 90 m2 großer Konferenz- oder Sitzungssaal, drei Büroeinhei-ten mit Sekretariat, Empfangsbereich, Neben-räumen. Vom Konferenzraum, dem „Allerhei-ligsten"', kann man auf einen schmalen Eckbal-kon treten. Die Möblierung ist sparsam, als Sitzgelegenheit entschied man sich für den „klassischen" Aluminium Chair von Charles Eames. Eine schwebende Sperrholzkonstrukti-on enthält die integrierte Tischbeleuchtung. Im oberen Teil befindet sich eine kleine Dachter-rasse mit einem innen liegenden Balkon, über den sich der Hauptträger spannt. Von dort aus kann man bis auf die Straße sehen. Konkret geplant wurde ein Jahr. Gebaut wurde ein Jahr. Die Fertigstellung war am 23. Dezember 1988.

Statik und Konstruktion Das Tragwerk der Wiener Anwaltskanzlei hat - wie alle „dekonstruktivistischen" Bauten -keine starre geometrische Ordnung. Das Ordnungsprinzip ist die Architektur, nicht Recht-winkligkeit oder Symmetrie: Die von den Sta-tikern oft gewünschte Regelmäßigkeit fehlt. Die Struktur folgt dem architektonischen An-spruch, und wenn sie gut ist, unterstützt sie die „Aussage". Der Dachausbau bedient sich der Tragelemente als wesentlichem Gestaltungs-faktor. Tragende Dachbinder, die sich gegen-seitig in Querrichtung aussteifen, liefern die Belastung für die neuen (und vorhandenen alten) Auflagerpunkte aus Mauerwerk oder Stahlbeton. Durch diffizile Stahlrahmen wurde die Belastung der Kamin- und Außenmauern vermieden: „Der strukturelle Aufbau dieser scheinbar chaotischen, symbolischen „Zahnbrücke" [be­steht] aus vier durchaus rational kalkulierten strukturellen Ebenen. Die erste umfasst das Verankerungssystem. Eine ausgeklügelte Struk­tur aus Stahlbeton und Stahl leitet Lasten m das bestehende Gebäude ab, wodurch die Übertragung zentraler Lasten und Querlasten auf nicht armierte Partien, wie Kamin und Außenwände, umgangen wurde. Die zweite Ebene ist die primäre Stahlkonstruktion. Der Hauptträger bildet das visuelle und strukturelle Rückgrat der Konstruktion. Der räumlich ge­bogene und seitlich unterstützte, vorgespannte Gerber­Träger übergreift und überspannt die bestehenden Dachkanten, woraus die Umhül­lung des Konferenzraumes resultiert. Die seit­lichen Träger definieren und differenzieren die verformte gläserne Kanzel in räumlicher und struktureller Hinsicht. Die dritte Ebene wird von einem System sekundärer Tragstrukturen gebildet. Diese sind mit der Gestalt skulpturierter Flächen und Volumen identisch, welche das Licht und den Raum modulieren. Die vierte und letzte Ebene umfasst das Belichtungssys­tem. Tageslicht wird durch komplexe Systeme fest installierter und mobiler Membranen do­siert. Daraus resultiert die eigentümliche Cha-raktermischung aus Höhle und Freisitz." (Frank Werner)

Damit das (Sonnen-)Licht nicht unkontrolliert in die Räume fallt, sorgen Schattierungs- und Lamellenrahmen für eine entsprechende Filte-rung. Klapp- und Schiebefenster regeln die Belüftung. Die künstlichen Lichtquellen - Halogen-Punktstrahler, Neonlinien und gestreute Lichtstrahlen - sind räumlich angeordnet und erzeugen am Abend die Wirkung eines räumlich differenzierten Objektes, sodass die „bewohnbare Plastik" (s.o.) eine zusätzliche Qualität als Lichtskulptur erhält. Der Dachausbau ist eine „Architektur des Ortes", die über der Traufe eines Wiener Ringstraßenhauses zur Wirkung kommt. Es ist nicht nur ein Innenraumerlebnis, sondern zugleich ein neues Stadtraumerlebnis. Entwicklung und Entstehung Architektur wie der Dachausbau von Coop Himmelb(l)au wird heute üblicherweise mit dem Begriff Dekonstruktivismus bezeichnet. Diese Stilrichtung hat ihre „Gründung" wohl mit der 1988 von Philip Johnson und Mark Wigley inszenierten Ausstellung „Deconstructivist Architecture" im Museum of Modern Art in New York gehabt, bei der sieben Architekten ausstellten. (Frank Gehry, Daniel Libeskind, Rem Koolhaas, Peter Eisenman, Zaha Hadid, Coop Himmelb(l)au und Bernard Tschumi.) Interessant und für das Verständnis dieser Stilrichtung wichtig, ist weniger der Moment der Ausstellung, als mehr die Entwicklung hin zu dieser Stilrichtung. Das erste, als dekonstruktivistisch bezeichnete Bauwerk, ist das Wohnhaus von Frank Gehry in Santa Monica. In der Architektur ging es (und geht es noch immer) um reine Formen; es geht darum, Gebäude im Rückgriff auf einfache geometrische Körper (Kubus, Zylinder, Kugel, Pyramide, Kegel, usw.) zu konstruieren und ihnen einen wohlgeordneten, stabilen Charakter zu geben. Abweichungen von den Werten der Harmonie, Einheit und Stabilität wurden von der Struktur abgelöst und als Ornament behandelt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts brach die russische Avantgarde mit den klassischen Regeln der Komposition und benutzte reine Formen um schiefe geometrische Kompositionen zu schaffen. Wladimir Tatlin und die Brüder Wesnin versuchten dies auch auf die Architektur zu übertragen, kehrten aber im endgültigen Entwurfsstadium immer wieder auf stabile Formen zurück. An dieser Stelle setzt dekonstruktive Architektur an. Sie möchte in die Struktur hineingehen und dort die Instabilität aufsparen und sichtbar machen.

Der Zusammenhang zwischen dekonstruktivistischer Architektur und dem Dekonstruktivismus der Philosophie wird im obigen Text als oberflächlich bezeichnet. Dennoch wird in der Literatur immer wieder auf diesen Zusammenhang hingewiesen. Dekonstruktion Dekonstruktion (auch Dekonstruktivismus) ist ein philosophischer Begriff, der zuerst im Zusammenhang mit dem Werk von Jacques Derrida gebraucht wurde. Nach Derrida ist sie keine Methode, d.h. nach einer bestimmten Vorgehensweise geprägte Philosophie, sondern eine Praxis, die sich immer auf bestimmte, aktuelle Themen bezieht. Dekonstruktion nimmt das Behauptete zur Kenntnis, um sich dann sogleich darauf zu konzentrieren, was dieses Behauptete alles nicht behauptet, auslöst und verneint. Sie rich­tet den Fokus demnach auf das Nichtgesagte. Dieses soll herausgestellt und konzentriert werden, sodass der Fußabdruck der Aussage deutlich wird. Dekonstruktion muss demnach je nach dem betrachteten Gegenstand unterschiedlich verfahren. Sie ist nicht immer auf die gleiche Art anwendbar. Dennoch kann man zwei Bewegungen ausma­chen: Die erste umfasst die Umkehrung, z. B. von binären Unterscheidungen; die zweite um­fasst die Verschiebung der gesamten Logik. Würde man bei der ersten Bewegung stehen bleiben, wurde wieder eine neue Hierarchie aufgebaut. Daher sei, so betont Derrida, die zweite Bewegung der Verschiebung unbedingt notwendig. Hinzu kommt, dass eine Dekonstruktion eigentlich nie abgeschlossen ist, da sich immer wieder binäre Logiken herstellen, Die binären Gegensätze kann man sich dabei etwa als dialektische Anschauung vorstellen: Ein Text, der vielleicht aus gewohnter (binärer) These und Antithese besteht, enthüllt, wenn er dekonstruiert wird, beispielsweise eine Vielzahl weiterer Perspektiven, die gleichzeitig vorhanden sind und häufig in Konflikt zueinander stehen. Dieser Konflikt wird durch die Dekonstruktion erst sichtbar. Vielfach wird der Dekonstruktion auch eine ethische Komponente zugesprochen, da sie die Beziehung zum Anderen eröffne, zu einem bis­lang Ungedachten oder Ausgeschlossenen. Die Ethik der Dekonstruktion bezieht sich auf den Ethikhegriff in der Philosophie Emmanuel Levinas. (vgl. a. J. Derrida, „ Unterwegs zu einer Ethik der Diskussion", in: J. D.: Limited Inc. Wien, Passagen Verlag, 200 l, S. 171­241) aus: http://de.wikipedia.org

Literatur und Netzquetlen Bauwelt 26/89, Der Himmel über Wien Eisenman, Peter: Aura und Exzess. Zur Über-windung der Metaphysik in der Architektur. Wien: Passagen 1995. El Croquis Ed., Nr. 40, Junio Septiembre 1989 (eine spanische Architekturzeitschrift mit guten Abbildungen, die diesem Text beigefügt sind) Johnson, Philip; Wigley Mark: Dekonstrukti-vistische Architektur. Stuttgart: Hatje 1988. Libeskind, Daniel; u.a. hrsg. von Stefanie Carp: Alles Kunst? Wie arbeitet der Mensch im neuen Jahrtausend, und was tut er in der übri-gen Zeit? Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2001. Müller, Alois M. (Hg.): Daniel Libeskind. Ra-dix - Matrix. Architekturen und Schriften. München: Prestel 1994. Noever, Peter: Architektur im Aurbruch, neun Positionen zum Dekonstruktivismus, Prestel 1991 Papadakis, Andreas C.: Dekonstruktivismus -eine Anthologie. Stuttgart: Klett-Cotta 1989. Prix, Wolf D.: Coop Himmelblau, 6 projects for4,Häusserl990 Werner, Frank: Covering + Exposing. Die Architektur von Coop Himmelblau, Basel, Berlin, Boston: Birkhäuser 2000 Wigley, Mark: Architektur und Dekonstruktion. Derridas Phantom. Basel: Birkhäuser 1994. Weblinks Peter Eisenman: http://prelectur.stanford.edu/lecturers/ei senman Zaha Hadid: http://www.zahahadid.com/ Dekonstruktivismus bei archINFORM: http://www.archinforin.net/stich/232.htm

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