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TU-Professor kritisiert EU-Beschlüsse

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TU-Professor kritisiert EU-Beschlüsse Von Jens Rospek am 17.07.

12 Bankenkrise, Eurokrise, Finanzkrise: Begriffe, die so häufig fallen, dass man bei vermeintlichen Neuigkeiten höchstens noch mit einem Ohr hinhört. Seit einigen Tagen ist die Diskussion jedoch wieder voll im Gange. Der Grund: Ei n von Angela Merkel und den weiteren EU-Regierungschefs unterzeichnetes Papier. Kritiker protestieren seit Wochen gegen dieses Papier, allen voran der TU-Statis tikprofessor Walter Krämer. Die neuen Beschlüsse aus Brüssel sehen unter anderem vor, dass in Finanznöte geratene Banken direkte Geldspritzen aus dem EU-Krisenfonds ESM bekommen können. Während die Finanzspritzen bisher an die jeweiligen Landesregierungen gehen, soll dieser Umw eg bald nicht mehr nötig sein. Nach der Staaten- und Währungsunion soll es jetzt auc h noch eine Bankenunion geben, bei der alle Staaten gemeinsam das finanzielle Ri siko der angeschlagenen europäischen Banken tragen. Damit haften letztlich die Ste uerzahler für die Banken. Quasi als Gegenleistung fordern die Staats- und Regierun gschefs die Einführung einer europäischen Bankenaufsicht und strengere Regeln für Fina nztransaktionen. Die Tatsache, dass die Steuerzahler künftig für die Rettung der Banken einstehen sol len und angeschlagene Finanzhäuser sich auf Kosten der Gemeinschaft sanieren solle n können, hat bei Kritikern einen Proteststurm ausgelöst. An der Spitze der Bewegung : Walter Krämer, TU-Professor für Statistik. Gemeinsam mit einigen Kollegen aus der Ök onomie hat er einen Appell an die Bundesregierung gerichtet und die Bürger zum Pro test aufgerufen. Unterstützung erhielt er auch von dem Präsidenten des ifo-Wirtschaf tsinstituts Hans-Werner Sinn. In dem Aufruf wird die Entscheidung Merkels, das u mstrittene Papier zu unterschreiben, als falsch kritisiert. Krämer und seine Unter stützer fordern unter anderem, Banken auch in Zukunft pleitegehen zu lassen, statt die Bürger für ihre Erhaltung haftbar zu machen. Der TU-Statistikprofessor will die Bürger aufklären. Also mischt er sich in politisc he Gefilde ein. Es könne nicht angehen, dass Deutschland seinen „Haftungsrahmen über N acht einfach von drei auf neun Billionen“ erhöhe, ohne dass die Menschen über das Risi ko bescheid wüssten. Aber was genau bereitet dem Statistik-Prof Sorgen? Und: Welch e Alternativen bietet er? Walter Krämer im Interview mit pflichtlektuere: kraemer10_klein Befürchtet, dass die EU-Beschlüsse zur Euro-Pleite führen könnten: Walter Krämer. Foto: pr ivat. Teaserbild: Kurt F. Domnik/pixelio.de Herr Krämer, können sie denn für Studenten noch einmal einfach erklären, was Sie mit ihr em Appell aussagen wollen? Krämer: Ganz einfach: Regeln sind dazu da, um eingehalten zu werden. Bisher ist da s nicht der Fall gewesen. Sollte das auch in Zukunft so sein, befürchten wir, dass der Euro pleite geht. Was genau bereitet Ihnen Sorgen an den EU-Beschlüssen? Krämer: Dass sich alle anderen peu à peu wegschleichen. Ich komme gerade aus Italien , und was lese ich in der Zeitung? Herr Monti überlegt, ob nicht auch Italien unte r den Rettungsschirm geht. Das heißt, die Leute unter dem Schirm werden mehr, und die Leute, die den Schirm halten, werden weniger. Und am Schluss sind nur noch w ir Deutschen da und halten den Schirm, haften für den ganzen Rest. Aber wenn unser Aufruf dazu führen würde, dass Regeln endlich einmal eingehalten würden, dann ist ein Großteil der Gefahr ja schon mal gebannt. Warum aber haben sie den Appell überhaupt für nötig gehalten? Krämer: Ich dachte mir: Es darf doch nicht wahr sein, dass unsere verehrte Bundesk anzlerin über Nacht ein Dokument unterschreibt, von dem Sie wahrscheinlich gar nic ht wusste, was Sie da unterschreibt. Das uns alle mit riesigen potenziellen Verp

flichtungen verbindet. Nur dass niemand etwas davon weiß, dass er Verpflichtungen eingeht. Was hat Sie dazu bewegt, zusammen mit dem Hans-Werner Sinn einen Appell zu verfa ssen? Krämer: Zunächst mal kennen wir uns seit 40 Jahren, waren Kollegen in Mannheim. Wir sind gute Freunde. Ich habe mir zunächst selbst einen Text überlegt und er hat ihn d ann redigiert. Dann haben wir ihn an die FAZ geschickt und ab da lief es von all ein. Man muss den Leuten doch mal sagen: Hört zu, ihr dürft zwar gerne auf dem Altar der europäischen Einheit euer Vermögen opfern, wenn ihr das möchtet. Aber Ihr müsst wis sen, dass ein großes Risiko besteht. Sind Sie und Hans-Werner Sinn ist also gar keine „Euro-Feinde” ? Krämer: So ein Schwachsinn. Überhaupt stellen die Medien Dinge falsch dar. Der Aufru f war zum Beispiel nicht Hans-Werner Sinns, sondern meine Idee. Und jetzt schrei bt der Spiegel: Wieder so eine Aktion von Sinn, um in die Medien zu kommen. Dabe i war er gar nicht beteiligt. Aber der Spiegel stellt ihn als mediengeilen Dumms chwätzer dar. Diesen Redakteur könnte ich erwürgen und an die Wand klatschen. Ihre Unterstützer und Sie selbst sprechen sich in dem Appell recht deutlich gegen die EU-Beschlüsse zur Bankenrettung aus. Aber was sind die Alternativen? Krämer: Ganz einfach: Wenn endlich einmal Regeln eingehalten würden. Das ist eine Al ternative! Diese europäische Bankenaufsicht, die dafür sorgen soll, dass die Banken sich korrekt verhalten, nicht zu riskante Geschäfte eingehen… Wenn es diese Aufsicht gäbe, dann würde ich Licht am Horizont sehen. Aber diese Option wird von der Mehrhe it der Südländer, die von der exzessiven Kreditvergabe profitieren, kontrolliert. Ei gentlich sollten es die Geldgebern sein. Walter Krämer argumentiert gegen die EU-Beschlüsse. Foto: privat Walter Krämer argumentiert gegen die EU-Beschlüsse. Foto: privat Aber im Moment glaube ich nicht daran. Denn bisher haben immer die Südländer mit ihr er Mehrheit in allen Gremien der EU gesiegt. Unser Herr Weidmann (Anm. der Red: Präsident der Bundesbank) wird regelmäßig in der EZB (europäische Zentralbank) überstimmt. Und solange die Profiteure in allen Gremien die Mehrheit haben, bezweifle ich, dass ein Mechanismus wie die Bankenaufsicht tatsächlich funktioniert. In Griechenl and, Spanien und Italien steigen die Preise viel, viel stärker als in Deutschland. Diese Länder leihen sich quasi unsere Ersparnisse und haben nicht die Absicht, si e jemals zurückzuzahlen. Und da dachte ich mir: Das kann doch nicht ewig so weiter gehen. Bis hierher und nicht weiter. Sie sind aber nicht generell gegen eine Bankenaufsicht? Krämer: Im Gegenteil, dass wäre eine tolle Sache. Wenn sie denn funktionierte. Konju nktiv! Kurz nach Ihrem Aufruf gab es einen anderen Appell von Wirtschaftswissenschaftle rn, die sich für die EU-Pläne aussprechen. Wie stehen Sie dazu? Krämer: Der seriöse Aufruf von Leuten um Martin Hellweg und Michael Burda, die ich s ehr schätze, überlappt sich zu 90 Prozent mit unserem Appell. Es gibt mehrere Kolleg en, die beide Aufrufe unterschrieben haben, denn beide sind richtig! Ich könnte au ch unterschreiben. Denn was meine Kollegen fordern, ist eine europäische Bankenauf sicht. Der einzige Unterschied ist: Sie glauben, dass Konzept funktioniere, ich glaube das nicht. Aber die Forderung ist total vernünftig. Wir brauchen eine Banke naufsicht, ganz dringend. Ich würde mir nichts mehr wünschen, als dass die Anderen r echt behalten.

Dass ihr Aufruf Gehör gefunden hat, ist aufgrund der zahlreichen Reaktionen kaum z u bestreiten… Krämer: Ich bin sehr erfreut über die Reaktionen, auch über die gehässigen Reaktionen. S ie zeigen: Leute sind getroffen worden. Und ein getroffener Hund bellt. Speziell die üblen Kommentare aus London und New York zeigen: Die Verantwortlichen haben g emerkt, dass sie durchschaut worden sind. Denn sie sind die großen Profiteure. Die amerikanischen und englischen Großbanken werden riesig davon profitieren, und des wegen sind sie stinksauer auf Krämer und Sinn, dass die das mal deutlich gemacht h aben. Ihr Appell sah sich starker Kritik ausgesetzt. Wie kommt es, dass der Aufruf deu tlich schärfer angegriffen wurde als der Alternativvorschlag von Martin Hellweg un d Co.? Krämer: Nun, wir werfen der Kanzlerin ja vor: Die Unterschrift war falsch, weil di e Kanzlerin überstimmt werden wird, wenn es drauf ankommt. Wenn einem als Bundeska nzlerin vorgeworfen wird, etwas falsch gemacht zu haben, ist man natürlich sauer. Und schon haben wir den Zorn der aktuellen Regierung am Hals. Die anderen machen solche Aussagen nicht. Sie sagen: Im Prinzip hat die Kanzlerin recht. TU-Statistik Professor gegen Brüssel Krämer hofft, dass er mit seinen Befürchtungen Unrecht hat. Foto: privat Neben der Kanzlerin gab es aber auch noch deutlichere Worte, beispielsweise von Wolfgang Schäuble. Manche Kritiker werfen Ihnen unter anderem Pathos und inhaltlic he Armut vor… Krämer: Also, wenn sich hier jemand im Ton vergreift, dann sind das die anderen. W as von unseren Gegnern an Gehässigkeit in die Tinte geflossen ist, das ist ja kaum zu glauben. Leute wie Herr Bofinger (Anmerk. Der Red.: Peter Bofinger, VWL-Prof essor an der Uni Würzburg und einer der fünf Wirtschaftsweisen) der übrigens eine akad emische Nullnummer ist. Keiner nimmt ihn ernst, er ist nur in den Rat gekommen, weil von den Gewerkschaften rein kooptiert worden ist. Wenn hier jemand auf Stam mtischniveau argumentiert, dann die Gegenseite. Was können Sie über Reaktionen an der TU berichten? Krämer: Was mich ein bisschen ärgert, ist, dass die Uni die Thematik im Pressespiege l nicht so herausstellt, wie sie es könnte: dass jemand von der TU die Republik ma l wirklich zum Nachdenken gebracht hat. Denn das ist ja für einen Universitätsprofes sor das Beste, was passieren kann: die Leute zum Denken animieren. Das ist der g rößte Erfolg, den man als Akademiker haben kann. Der Uni scheint das aber egal zu se in. Glauben Sie, dass sie Recht behalten werden oder dass sich alles zum Guten wende t? Krämer: Wenn ich jetzt wetten müsste: halbe halbe. Ich wäre aber unheimlich froh, wenn Hans-Werner Sinn und ich mit unserem Prognosen unrecht hätten. Ich habe mir erhof ft, dass die Bundesregierung, speziell Frau Merkel, klare Worte spricht. Und gen au das hat sie auch getan. Sie hat klar gemacht: Deutschland wird nur dann zusti mmen, wenn es feste Regeln gibt, die auch eingehalten werden. Das ist ein hehrer Entschluss, und wenn sie diesen durchführt, dann erhält sie von mir einen Orden und ich nehme alles zurück.

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