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Gérard Bökenkamp

Medien und Meinungsbildung in der Demokratie
Einführung
Den demokratischen Wahlen und politischen Entscheidungen geht ein Prozess der Meinungsbildung voraus. In diesem Meinungsbildungsprozess spielen die Medien als Vermittler zwischen Politik und Bevölkerung eine wichtige Rolle. Eine freie Presse ist ein nicht wegzudenkender Bestandteil einer freiheitlich-demokratischen Ordnung. Zugleich bieten die Medien nicht etwa ein passgenaues Abbild der politischen und sozialen Realitäten, sondern interpretieren die Realität aus ihrer Perspektive und beeinflussen damit auch die politische Agenda und den politischen Entscheidungsprozess. Dem Prozess der Meinungsbildung ist es förderlich, wenn die Bürger nicht nur ein Verständnis für politische Fragen, sondern auch für die Mechanismen des Medienbetriebes besitzen, um die Berichterstattung angemessen bewerten zu können. Die Vermittlung von Medienkompetenz ist deshalb ein notwendiger Bestandteil politischer Bildung. Zu diesem Zweck soll hier eine kurze Einführung in die Erkenntnisse über die Wechselwirkung zwischen Medien und Meinungsbildung gegeben werden.

Meinungsbildung in den Medien

Die Probleme, vor denen Journalisten bei der Auswahl und Kommentierung stehen, sind der Zeitdruck, der Wettbewerb, das Fehlen objektiver Kriterien und die öffentliche Wirkung jeder Entscheidung. Urteile auf moralischer und politischer Basis entziehen sich per Definition objektiven Beurteilungskriterien. Sie beruhen immer auf Werturteilen, die weder verifiziert noch falsifiziert werden können.1 Um herauszufinden, wie die Medienschaffenden mit solchen Unsicherheiten umgehen, zog der Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Donsbach Erkenntnisse der Sozialpsychologie heran. Menschen, die sich in einer Position der Unsicherheit befinden, suchen demnach die Absicherung ihrer Position in einer Gruppe. So entsteht zwischen den Gruppenmitgliedern eine „geteilte Realität.“ Für Journalisten ist für die Beantwortung der Frage, was wahr, relevant und gut ist, der Bezug zu einer bestimmten Gruppe von großer Bedeutung: Gemeint sind andere Journalisten.2 Das ergibt sich zum einen aus der beruflichen Zusammenarbeit, aber auch durch die Bezugnahme auf die Nachrichtenagenturen und nationale Leitmedien. Dazu kommt der Austausch zwischen Journalisten im privaten Rahmen, sodass eine „permanente Kontrolle“ durch die Kol-

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Donsbach, Wolfgang: Psychology of News Decisions. Factors behind Journalists’ Professional Behavior, in: Journalism, Vol 5 (2), S. 137. Ders., S. 139 ff.

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legen besteht.3 Diese starke „Kollegenorientierung“ kommt in fast allen Studien zum Ausdruck. Der Kollegenorientierung wird für die journalistische Arbeit zum Teil sogar ein größerer Einfluss zugeschrieben als der Orientierung am eigenen Publikum: Auch Politikjournalisten, „die von bestimmten Personengruppen öfter Reaktionen auf ihre Arbeit erhalten als von anderen, gestehen diesen eine insgesamt nur geringe Rückwirkung auf ihre Arbeit zu. Die höchste Rückwirkung wird vor allem denjenigen Instanzen zugestanden, von denen betriebsintern auch die meisten Rückmeldungen kommen: direkte Vorgesetzte und eigene Kollegen.“4 Über Ereignisse wird vor allem dann berichtet, wenn über ähnliche Ereignisse schon früher berichtet wurde. Mit jeder Entscheidung über ein Thema zu berichten, werden die vergangenen Entscheidungen von Journalisten über ähnliche Ereignisse zu berichten bestätigt. Die „geteilte Realität“ mit anderen Journalisten stellt also einen gemeinsamen Interpretationsrahmen dar.5 Wenn sich ein bestimmtes Interpretationsmuster erst einmal verfestigt hat, dann werden bevorzugt Nachrichten ausgewählt, die dieses Muster wieder bestätigen und andere Nachrichten, die der gängigen Interpretation zuwiderlaufen, werden eher übergangen. So werden Informationen von Journalisten eher aufgenommen, wenn sie die eigene Position bestätigen. Die Bereitschaft, negative Gerüchte über einen Politiker zu veröffentlichen variiert zum Beispiel mit der Einstellung des Journalisten zu diesem Politiker.6

Die Ausstrahlung der Medien in die Bevölkerung

Die Medien sind in der Regel die erste Quelle der Information, sie erreichen die Bevölkerung überwiegend direkt. Die Informationen aus den Massenmedien dienen als Gesprächsstoff in der Alltagskommunikation.7 Die Berichterstattung wird besonders stark von Ereignissen geprägt und die Bedeutung für die Kommunikation wächst mit dem Nachrichtenwert des Ereignisses. „Insgesamt zeigen die Ergebnisse der Diffusionsstudien, dass die interpersonale Kommunikation für die Vermittlung massenmedial verbreiteter Nachrichten nur eine geringe Bedeutung besitzt.“8 Die Wirkung der Medien auf die Themensetzung ist also sehr groß. In den meisten Untersuchungen wurde eine hohe Korrelation zwischen der Medienagenda und der Publikumsagenda ermittelt. Das heißt, die Einschätzung über die Wichtigkeit von Themen stimmte in der Berichterstattung und bei der Mehrheit der Bevölkerung überein. Dabei lässt sich ermitteln, dass der Weg in den meisten Fällen von den Medien zum Publikum geht und nicht umgekehrt verläuft. Die „Realität“, also die Fakten, die sich etwa durch Statistiken ermitteln lassen, ist von für die öffentliche Wahrnehmung von weit geringerer Bedeutung.9 Der Einfluss der Medien und des Journalismus besteht vor allem in der Wirkung, die unter dem Begriff der Schweigespirale berühmt geworden ist. Dieses Phänomen hat Elisabeth Noelle-Neumann in ihrem gleichnamigen Hauptwerk beschrieben. Darunter versteht man, dass Menschen
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Meyen, Michael; Riesmeyer, Claudia: Diktatur des Publikums. Journalisten in Deutschland, Konstanz 2009, S. 94. Lünenborg, Margreth; Berghofer, Simon: Politikjournalistinnen und -journalisten. Aktuelle Befunde zu Merkmalen und Einstellungen vor dem Hintergrund ökonomischer und technologischer Wandlungsprozesse im deutschen Journalismus, Berlin 2010, S. 33. Donsbach, S. 146 ff. Ders., S. 149. Jäckel, Michael: Medienwirkungen. Ein Studienbuch zur Einführung, 5., vollständig überarbeitete Auflage, Wiesbaden 2011, Seite 141. Ders., S. 143. Der., S. 196.

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dazu neigen ihre wahren Ansichten zu verschweigen, wenn sie fürchten, dass diese Ansichten sozial unerwünscht sind. „In diesem Sinne sorgt öffentliche Meinung für soziale Kontrolle und gewährleistet die Verpflichtung der Gesellschaftsmitglieder auf gemeinsame Überzeugungen. Indem das unbequeme Urteil zurückgehalten wird, erweist sich diese Schutzfunktion als ein Feind des Individuums.“10 Da Menschen sich unter sozialem Druck von ihren eigenen Ansichten lösen und der Mehrheitsmeinung anschließen, kann es zu einer Entwicklung kommen, in der wirkliche oder scheinbare Minderheitenpositionen ganz aus dem Diskurs verschwinden. Medien können über die öffentliche Kommunikation die Wahrnehmung dessen, was als sozial erwünschte und sozial unerwünschte Meinung gilt, beeinflussen. Wenn Menschen durch die Medien den Eindruck gewinnen, dass sich ihre Meinungen und Ansichten nicht wiederfinden oder sogar sozial sanktioniert sind, werden sie dazu tendieren, eher über ihre Ansichten zu schweigen.11

Die Meinungsbildung in der Bevölkerung

10 Jäckel, S. 277. 11 Noelle-Neumann, Elisabeth: Öffentliche Meinung. Die Entdeckung der Schweigespirale, Berlin 1996, S. 232. 12 Dies.: Die Wiederentdeckung der Meinungsführer und die Wirkung der persönlichen Kommunikation im Wahlkampf, in: Noelle-Neumann, Kepplinger, Donsbach: Kampa. Meinungsklima und Medienwirkung im Bundestagswahlkampf 1998, München 1999. 13 Jäckel, S. 125 f. 14 Ders., S. 127 ff. 15 Christakis; Nicholas; Fowler, James: Connected. Die Macht sozialer Netzwerke und warum Glück ansteckend ist, Frankfurt a. Main 2010, S. 225 ff.

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Um eine von den Medien beförderte Schweigespirale zu durchbrechen, empfiehlt Noelle-Neumann die möglichst direkte Ansprache der Meinungsführer in der Gesellschaft.12 Unter Meinungsführern versteht man den Teil der Bevölkerung, der besser informiert und bekenntnisfreudiger ist. Dieser Teil wird in der Demoskopie mit Fragen ermittelt wie: „Haben Sie neulich versucht, irgendjemanden von ihren politischen Ideen zu überzeugen? Hat neulich jemand Sie um Rat über ein politisches Problem gebeten?“ Dieser Gruppe wird ein starker Einfluss auf den Meinungsbildungsprozess zugesprochen.13 In diesem Zusammenhang wird von einem „ZweiStufen-Fluss“ oder auch von einem Mehr-Stufen-Fluss der Kommunikation gesprochen. Damit ist gemeint, dass die Nachrichten und Kommentare der Medien die Bevölkerung nicht ungefiltert erreichen, sondern dass die Wahrnehmung dieser Informationen durch die Kommunikation im sozialen Umfeld verändert wird.14 Die Meinungsbildung in sozialen Netzwerken ausführlich untersucht haben Nicholas Christakis von der Universität Harvard und James Fowler von der California University. Sie konnten zeigen, wie sich Verhaltens- und Einstellungswandel innerhalb von sozialen Netzwerken vollziehen. So wie sich nachweislich Einstellungen zu so unterschiedlichen sozialen Phänomenen wie Rauchen, Alkohol, Mode usw., über die Kommunikation in sozialen Netzwerken ausbreiten, so geschieht dies auch mit politischen Einstellungen. Das offene Bekenntnis eine bestimmte Partei zu wählen, erhöht zum Beispiel die statistische Wahrscheinlichkeit anderer Angehöriger dieses Netzwerkes, sie ebenfalls zu wählen und umgekehrt. Bemerkenswert ist, dass schon die Einstellungsänderung einzelner zentraler Akteure in einem Netzwerk zu Dominoeffekten innerhalb eines sozialen Netzwerkes führen kann.15 Der Prozess der Meinungsbildung vollzieht sich also auf folgende Weise: Nachrichten und Medienberichterstattung fließen in die Alltagskommunikation sozialer Netzwerke ein. In der

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Alltagskommunikation werden die Nachrichten bewertet und in die persönliche Perspektive integriert. In der Alltagskommunikation sind besonders persönlichkeitsstarke Menschen, die Stellung beziehen und ihren eigenen Standpunkt vertreten, von großer Bedeutung. Sie definieren sich durch ihre soziale Position, ihre Kompetenz und ihre Wertvorstellungen. Sie wirken in der Regel vom Zentrum eines sozialen Netzwerkes aus oder stehen in Verbindung zu verschiedenen sozialen Netzwerken, sie sind entweder besonders stark lokal verankert und diskutieren vor allem lokale Anliegen oder sie haben ein besonderes Interesse an Themen nationaler und internationaler Bedeutung und werfen ihre Sachkompetenz auf diesen Gebieten in die Waagschale.16

Literatur
Donsbach, Wolfgang: Psychology of News Decisions. Factors behind Journalists´ Professional Behavior, in: Journalism, Vol 5(2): S. 131-157. Christakis; Nicholas; Fowler, James: Connected. Die Macht sozialer Netzwerke und warum Glück ansteckend ist, Frankfurt a. Main 2010. Jäckel, Michael: Medienwirkungen. Ein Studienbuch zur Einführung, 5., vollständig überarbeitete Auflage, Wiesbaden 2011. Lünenborg, Margreth; Berghofer, Simon: Politikjournalistinnen und -journalisten. Aktuelle Befunde zu Merkmalen und Einstellungen vor dem Hintergrund ökonomischer und technologischer Wandlungsprozesse im deutschen Journalismus, Berlin 2010. Meyen, Michael; Riesmeyer, Claudia: Diktatur des Publikums. Journalisten in Deutschland, Konstanz 2009. Noelle-Neumann, Elisabeth: Öffentliche Meinung. Die Entdeckung der Schweigespirale, Berlin 1996. Noelle-Noemann, Elisabeth: Die Wiederentdeckung der Meinungsführer und die Wirkung der persönlichen Kommunikation im Wahlkampf, in: Noelle-Neumann, Kepplinger, Donsbach: Kampa. Meinungsklima und Medienwirkung im Bundestagswahlkampf 1998, München 1999.

16 Über verschiedene Funktionen und Kategorien von Meinungsführern, Jäckel, S. 148-157.

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