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„Platz der Kollaboration“

von Markus Maria Hof
Am 20.4.1792 erklärte das revolutionäre Frankreich, in dem sich gerade die Girondisten an
die Macht geputscht hatten, dem „König von Ungarn und Böhmen“, gemeint war Franz II.,
der nach dem plötzlichen Tod Leopolds II. noch nicht zum Kaiser gewählt war, den Krieg.
Die Verhältnisse waren jedoch unübersichtlicher, als sie auf den ersten Blick scheinen. Die
radikalsten Revolutionäre um Robespierre, deren Stunde erst noch kommen sollte, fürchteten
von einem Krieg negative Verwicklungen und v.a. den einen siegreichen General, der die
Revolution dann beenden würde – und erwiesen sich damit als die realistischsten
Revolutionäre –, während der ja noch lebende Ludwig XVI., den man zur Kriegserklärung an
Österreich und das Reich zwang, wohl heimlich eine Niederlage der Sansculotten erhoffte.
Für die Girondisten jedoch sollte ein guter Krieg, das innerlich zerrissene Land einen und
nicht zuletzt von den katastrophalen inneren Verhältnissen ablenken – Sozialimperialismus in
Reinkultur also. „Der Krieg ist eine nationale Wohltat, das einzige Unglück wäre, keinen
Krieg zu haben“, so der Girondist Bressot in der Nationalversammlung. Dieses aggressive
Ausgreifen nach Deutschland hinein konnte sich auf eine alte französische Tradition berufen,
die die Revolution vom bourbonischen Königtum geerbt hatte, welches es sich seit je zur
Maxime gemacht hatte, die „libértés germaniques“, d.h. den deutschen Partikularismus,
kräftig zu fördern, um Deutschland schwach zu halten. Man darf diesbzgl. an das in dieser
Hinsicht recht unverblümte Bildprogramm in Versailles erinnern, das die französische
Expansion als Friedensstiftung glorifiziert und Ludwig XIV. über seine Feinde, insbesondere
das zu Boden gesunkene Deutschland, das aus der Hand des huldvollen Siegers den Frieden
empfängt, triumphierend zeigt (s. ‚L’Allemagne défaite‘ (Kriegssaal), online, ‚L’Allemagne
accepte la paix‘ (Friedenssaal), online, ‚Faste des puissances voisines de la France‘
(Spiegelsaal), online, ‚La Prééminence de la France reconnue par l’Espagne‘
(Spiegelsaal), online, ‚La Hollande accepte la paix et se détache de l’Allemagne et de
l’Espagne‘ (Spiegelsaal), online).
Diesen ersten Krieg mit der Revolution nun führten die alten Mächte nur sehr zögerlich, ja
lustlos, war man doch gleichzeitig auch im Osten engagiert, wo sich Österreich und Russland
um die Aufteilung der türkischen Beute, die freilich noch zu erlegen war, stritten. Zudem
wusste die russische Zarin Katharina die Verwicklung der anderen Ostmächte, Preußen und
Österreich, sogleich dahingehend zu nutzen, dass sie in Polen eingriff, das gewissermaßen
kurz vor seiner Auflösung noch versuchte, sich eine straffere Verfassung zu geben. So waren
Preußen und Österreich, ohnehin höchst unnatürlich Verbündete, nur halb gegen das
revolutionäre Frankreich engagiert. Die berühmte Kanonade von Valmy (20.9.1792) ist
diesbezüglich höchst exemplarisch. Bis dahin waren die Verbündeten durchaus erfolgreich
nach Frankreich eingedrungen – was den Sturz des französischen Königs zur Folge hatte –,
hatten Verdun und Longwy erobert, sich aber dann, da ihre Heerführung ja noch dem alten
absolutistischen Muster folgte und auf Magazinverpflegung beruhte und nicht wie später die
‚moderne‘ französische auf Plünderung, gewissermaßen festgelaufen. Vor Valmy waren
schließlich die Kräfte des Heeres insoweit erschöpft, dass es der preußische Heerführer, der
Herzog von Braunschweig, nach der Eröffnungskanonade nicht mehr zu einer Schlacht
kommen lassen wollte. Den sich daraufhin wieder zurückziehenden Verbündeten folgten dann
die Sansculotten auf dem Fuß, die über das Elsaß in das Reich eindrangen und unter dem
General Custine Speyer, Worms und Mainz eroberten.
Sogenannte „Freiheitsfreunde“ haben dann unter dem Schutz der französischen
Besatzungsmacht in Mainz eine „Republik“ ausgerufen. Diese konnte sich ideologisch auf die
stellenweise natürlich berechtigte Kritik an den Zuständen im altständisch-feudalen
Deutschland – insbesondere der rheinischen Kurfürstentümer – stützen. Dieses alte

Deutschland der mittelalterlichen Kaiserzeit, das sog. stiftische Deutschland, hatte noch kaum
Berührung mit den neuen staatlichen Entwicklungen, wie sie sich so mustergültig im neuen,
kolonialen Ostdeutschland, v.a. in Preußen-Brandenburg, vollzogen hatten. Wenn sich hier im
großflächigeren Land der deutschen mittelalterlichen Ostkolonisation im Absolutismus
langsam so etwas wie eine staatliche Kohärenz ausgebildet hatte, die den territorialen
Partikularismus und die alte ständische Organisation überwand und so auch für die
Untertanen für Rechtsgleichheit und Rechtssicherheit sorgte, war das ältere Deutschland
gerade im Rheinischen – territorial zersplittert und innerstaatlich hoffnungslos veraltet –
größtenteils im alten Ständestaat steckengeblieben. Berechtigte Kritikpunkte gab es hier also
zuhauf, ja man kann sagen: die altehrwürdigen, aber eben alt und grau und so völlig
unmodern gewordenen Kurfürstentümer waren für die aufklärerische Kritik eine leichte
Beute. Mit den französischen Besatzern war dann die Stunde dieser Aufklärer gekommen. Die
„Gesellschaft der Freunde der Freiheit und Gleichheit“, die sich unmittelbar nach dem
Einmarsch der Franzosen bildete, stellte sich unter den Schutz des Generals Custine und
Georg Forster, der sich als Reiseschriftsteller einen Namen gemacht hatte, dann Bibliothekar
des Kurfürsten geworden war, um schließlich 1794 in den Wirren der Revolution in Paris
zugrunde zu gehen, forderte bereits am 15.10.1792, dass die Franzosen der Stadt Mainz die
Wohltat des Anschlusses an Frankreich zukommen lassen sollten. Folgerichtig ernannte
Custine Forster zum Vizepräsidenten der zur Durchführung der Annexion bestimmten
provisorischen Verwaltung. Es wurde ein „Rheinischer Konvent“ vorbereitet, der dann auch
ebendiesen Anschluss an Frankreich betrieb, dem schließlich der Pariser Nationalkonvent am
30. März 1793 seine Zustimmung gab. Der Traum der „Freiheitsfreunde“ hatte sich erfüllt.
Zum Bild gehört allerdings auch, dass die Wahlen zum „Rheinischen Konvent“, dem
angeblich ersten gewählten Parlament auf deutschen Boden, kaum auf Interesse stießen und
man in Anbetracht der desaströsen Wahlbeteiligung von einem Boykott durch die aufgerufene
Bevölkerung sprechen kann. Selbst in den Zentren der „Republik“, die ja der intensivsten
Werbung für die „freiheitliche“ Sache sowie der intensivsten Einflussnahme und
Überwachung durch die Besatzer und ihre Unterstützer ausgesetzt waren, wurden kaum
Stimmen abgegeben: in Worms zählte man 251 und in Mainz 375 Stimmen (bei über 10.000
stimmberechtigten Einwohnern). Mit der erneuerten Offensive der Verbündeten war dann
1793 der ganze Spuk auch schnell wieder vorbei. Eine nennenswerte Beteiligung der
Bevölkerung an diesem Werk einzelner „Freiheitsfreunde“ hatte sich nirgends gezeigt. Selbst
wenn man den Kollaborateuren gute Absichten bei der Reform der in der Tat
reformbedürftigen Zustände unterstellen will, kommt man doch nicht umhin festzustellen,
dass sie sich zum Werkzeug der imperialistischen Politik einer Besatzungsmacht haben
machen lassen, die ihre schwärmerischen Ideale für sich zu nutzen wusste. Diese radikale
Minderheit einer vielfach ortsfremden und auch sonst entwurzelten intellektuellen
Proletarierschicht – Forster stammte aus Danzig, sein Intimus Adam Lux, der später in Paris
hingerichtet werden sollte, aus der Nähe von Aschaffenburg, Andreas Josef Hofmann, der die
„Republik“ ausgerufen hatte und mit den Franzosen aus Mainz floh, um später im
linksrheinischen Besatzungsregime hohe Posten zu bekleiden, aus Würzburg –, setzte sich in
ihrem universalistischen Moralismus über die Bedenken und historisch begründeten
Einsichten der ortsansässigen Bevölkerung hinweg, welche zwar ebenso Reformen und
grundlegenden Wandel der überlebten Herrschaftsformen wünschte, die aber so gar nicht
einsehen wollte, dass dazu die Unterwerfung unter die französischen Eroberer notwendig sei,
die man aus jahrhundertelanger Erfahrung wieder und wieder als einfallende Plünderer und
Marodeure wenig schätzen gelernt hatte. Man wird diesbzgl. auch die Verachtung verstehen,
mit der die französischen Okkupanten in ihrer selbstverständlichen nationalen Festigkeit –
gleich ob Sansculotten oder Vertreter des napoleonischen Empire – vielfach auf die
Liebedienerei solcher ‚Menschheitsfreunde ohne Vaterland‘ herabsahen, welche sie
gleichwohl gerne für ihre Zwecke benutzten, in denen sich zwanglos Freiheits- und

Menschheitspathos mit französischem Hegemonialanspruch verbanden. Diesem handfesten
Nationalstaatsdenken konnten die noch ganz in aufklärerisch-individualistischem
Weltbürgertum gefangenen „Freiheitsfreunde“ nicht gewachsen sein, so dass sie schnell zu
Handlangern einer französischen Hegemonialpolitik degenerierten, welche sich zwar von der
älteren vorrevolutionären in den Mitteln, nicht aber in ihrem Ziel unterschied, das unter dem
Schlagwort der „natürlichen Grenzen“ nichts weniger als die Annexion sämtlichen deutschen
Landes links des Rheins beinhaltete. Zwanglosere Zeiten haben eine Politik, die diesem Ziel
Vorschub leistete, schlicht als Vaterlandsverrat bezeichnet. So blieb die „Mainzer Republik“
denn auch nur eine kleine und weithin vergessene Episode dieses Zeitalters, welches in den
Folgejahren mit noch weit größeren Tragödien aufwarten sollte.

Es verwundert in diesem Zusammenhang allerdings kaum noch, dass nun in Mainz der Platz
des dortigen Landesparlaments in „Platz der Mainzer Republik“ umbenannt wurde: „Vor 220
Jahren wurde die Mainzer Republik ausgerufen. An diese erste deutsche Demokratie erinnert
künftig der Platz vor dem Mainzer Landtag. Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD)
benannte den ‚Deutschhausplatz‘ am Montag in ‚Platz der Mainzer Republik‘ um. (…)
Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) sprach bei der Feier im Landtag von einem
‚Meilenstein‘ der deutschen Demokratieentwicklung. Die Mainzer Republik sei eine
‚Initialzündung‘ bei der Bildung eines demokratischen Bewusstseins in der deutschen
Bevölkerung gewesen.“ („Neue Landtags-Adresse ‚Platz der Mainzer Republik'“, swr.de,
18.03.2013) So sucht sich jeder in der reichhaltigen deutschen Geschichte genau die
Traditionslinie, die am besten zu ihm passt. Man darf die heutigen Mainzer „Freiheitsfreunde“
zu ihrer trefflichen Wahl beglückwünschen.
© widerlager.wordpress.com
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