das Magazin für die Stadt St.

Gallen

Mensch Stadt Leben Frühling | 2012

Die neue Lust auf die Natur Sex im Alter ist (k)ein Tabu Lust auf Veränderung und ihre Coaches Ein Schultag bei den Waldkindern St.Gallen Villa Wiesental zwischen Historie und Politik und viele weitere Geschichten ...

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Inhaltsverzeichnis

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Hast du auch Lust? Lust umfasst weit mehr als die sexuelle Begierde. Sie ist die Würze unseres Lebens und Erlebens. Stefan Grob führt Sie in das Thema ein.

Lust auf Natur in der City. Urban Gardening, Stadtbienen, Schaubauernhöfe: Die Natur kehrt in die Stadt zurück. Begleiten Sie uns auf eine Expedition durch St.Gallen.

Die perfekte Vagina (gibt es nicht). Was zeichnet eine perfekte Vagina aus und weshalb sind viele Frauen mit ihrer unzufrieden? Unser Gastautor hat recherchiert.

Lustvoll im Alter. Sexualität im Alter ist nach Volksmeinung schlicht inexistent. Aber wie steht es tatsächlich mit der körperlichen Lust der Generation 60+? Wir haben mit einer Sexualpädagogin gesprochen.

Käufliche Lust in der Gallusstadt. Was Sie schon immer mal sehen wollten, sich aber nicht trauten: Unser Fotograf hat Licht ins Dunkel der St.Galler Sexshops gebracht.

Lust auf persönliche Veränderung? Coaches gibt es für verschiedene Lebenslagen und -fragen. Mehr darüber im Protokoll eines Selbstversuches.

Die Waldkinder in St.Gallen. Der Wald ist das Schulhaus, die Natur Baumeister und Pädagoge. Doch wie, was und womit lernen die Waldkinder St.Gallen? Wir haben sie besucht.

Die Geschichte der Villa Wiesental. Während in St.Gallen über ihren Erhalt oder Abriss noch gestritten wird, hat unser Gastautor die Geschichte der Villa Wiesental vor Ort recherchiert – in Brasilien.

Bach reloaded. Seine Kantaten sind ein umfangreiches musikalisches Erbe. Dass dieses in Erinnerung und für die Öffentlichkeit zugänglich bleibt, dafür sorgt die J.S.Bach-Stiftung. Wir haben eine Aufführung inklusive Workshop besucht.

auf sg9000!

Lust

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser Tagtäglich begegnen wir ihr, manchmal bewusst, oftmals aber völlig unbewusst. Und trotzdem, mit ihr steht und fällt das gesamte Leben. Die Rede ist von der Lust. Ein unglaublich vielschichtiger Begriff, der nur schwer in Worte zu fassen ist, aber unser Dasein durch und durch prägt. Doch wo wäre die Menschheit ohne Lust? Es geht dabei nicht einmal nur um Fortpflanzung, sondern viel mehr um den Lebensinhalt, ja vielleicht sogar um den Lebenssinn. Stellen Sie sich einmal ein Leben ohne Lust vor! Wo kämen wir da hin? Wer würde noch in der Natur spazieren gehen und sich an ihr erfreuen? Wer würde all die Produkte kaufen, die – seien wir mal ehrlich – keiner wirklich braucht, aber dem Leben Würze verleihen? Wer würde all die unzähligen Freizeitangebote nutzen oder in den zahlreichen Cafés duftendes Gebäck und frisch gebrühten exotischen Kaffee geniessen? Was hätte das Leben noch für einen Sinn, wenn es nichts Lustvolles mehr zu entdecken gäbe? Genau, es wäre stinklangweilig, es wäre fad und trist. In dieser Ausgabe haben wir uns zum Ziel gesetzt, das Thema Lust in St.Gallen in zahlreichen Facetten zu zeigen, denn in und um die Gallusstadt gibt es unglaublich viel zu entdecken. Begleiten Sie uns auf eine Reise, die im Kindergarten bei den Waldkindern beginnt und im Altersheim endet. Dazwischen entwickeln wir unsere Persönlichkeit durch den Besuch verschiedener Coachings, lauschen spannenden Konzerten, schauen zurück auf epochale Zeiten unserer Stadt und wagen den Blick in die Zukunft, um neue Trends einzuordnen. Daneben beschäftigen wir uns mit intimen Teilen des weiblichen Körpers und sprechen auch tiefgründige Gedanken an, die unsere Gesellschaft prägen. Sie sehen, es ist wieder für jeden Geschmack etwas dabei. Geniessen Sie die neue Ausgabe von sg9000 und gehen Sie mit uns auf eine lustvolle Entdeckungsreise. Viel Vergnügen! Stefan Grob Chefredaktor : sg9000@complecta.ch PS: Die nächste Ausgabe erscheint im Sommer. In der Zwischenzeit können Sie aber mit uns in Kontakt bleiben. Wir freuen uns auch immer auf Inputs für neue Themen und Reportagen. Unter www.facebook.com/sg9000 dürfen Sie uns gerne Ihr Feedback hinterlassen.

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CANTIENICA® Training in St. Gallen
Training nach Benita Cantieni www.cantienica.com

Impressum Herausgeber | Projektleiter: Stefan Grob Complecta GmbH – Agentur für Text und Konzept Sittertalstrasse 34, CH-9014 St. Gallen, +41 (0)71 461 23 23, complecta.ch + Mario Romano essenzium – Agentur für Konzept, Text- und Design Gallusstrasse 29, CH-9000 St.Gallen, + 41 (0)71 222 35 63, essenzium.ch Chefredaktor: Stefan Grob Redaktor: Mario Romano Redaktion: Benjamin Anderegg, Michel Balint, Brigitte Järmann Externe Autoren: Clack.ch, Karin Frick, Gallus Hufenus, PD Dr. Monika Kritzmöller, Stefan Millius, Stephan Sigg, Roman Spiess CD + Magazin Design + diverse Illustrationen: Mario Romano essenzium – Agentur für Konzept, Text- und Design Special Thx to Felix Ebneter: Font Draft 19: www.draft19.com Fashion Editor National + International: Mario Romano Fotograf Erotikshops T. Siebrecht, Ammann & Siebrecht Fotografen GmbH Cover: Carsten Witte: www.carstenwitte.com Anzeigenleitung: Mario Romano, 41 (0)71 222 35 63, romano.ch Druckerei: galledia ag, Rosenbergstrasse 42b, CH-9000 St.Gallen Papier: Umschlag 250g, Heaven42 FSC, holzfrei, chlorfrei und Inhalt 100g, Eminent FSC, holzfrei, chlorfrei von Fischer Papier © Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck nur mit schriftlicher Genehmigung der Autoren erlaubt. Für unverlangt eingesandte Manuskripte, Fotos etc. wird keine Haftung übernommen. Der Vertrieb im Ausland ist nur mit Genehmigung von sg9000 gestattet.

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auch Lust?
Wir suchen alle den besonderen Kick Und du verrätst mehr, als dir klar ist mit diesem Blick Ob wir zu dir gehen oder lieber zu mir Was dann geschieht, liegt ganz alleine bei dir. Liebe, Lust und Leidenschaft Nimm alles, was du willst heute Nacht Liebe, Lust und Leidenschaft Zu warten hat echt nie was gebracht.
(Münchener Freiheit)
Autor : Stefan Grob & Illustration : essenzium

Hast du

Focus

Helen ist 18 und hat einen roten Riesenpo, aus dem hässliche Hämorrhoiden heraushängen. Nach einer missglückten Intimrasur wartet sie im Krankenhausbett auf ihre Operation: «Ich mache schon lange Experimente mit nicht gewaschener Muschi. Mein Ziel ist, dass es leicht und betörend aus der Hose riecht, auch durch dicke Jeans oder Skihosen. Das wird von Männern dann nicht bewusst wahrgenommen, aber doch unterschwellig, weil wir ja alle Tiere sind, die sich paaren wollen. Am liebsten mit Menschen, die nach Muschi riechen.» Die sezierende Genauigkeit und Präzision der körperlichen Beschreibung ist Dreh- und Angelpunkt dessen, was «Feuchtgebiete» von Charlotte Roche vor einigen Jahren zum Bestseller machte. Die Autorin, die man bis dahin vor allem als Fernsehmoderatorin kannte, schreibt unverblümt, was man nicht mal seinen besten Freunden erzählen möchte. Um genau zu sein, geht es um Kackeschwitzen, Muschischleim, trüffeligen Smegmageschmack & Co. Es geht um den Körper von vorne bis hinten, den Pimmel unter dem Anzug, um die Muschi unterm Kleid, um nachwachsende Achselhaare und Kacke beim Analsex. Und es geht um Lust. Und da jeder und jede zu guter Letzt aus Fleisch und Blut besteht, ausserdem mehr oder weniger oft Sex hat, sind das Themen, die jeden und jede betreffen. Doch ich muss euch vorwarnen: Lust bekommt man bei der Lektüre des Buches nicht, die Feuchtgebiete bleiben wohl eher trocken bei dieser unzimperlichen und radikalen Beschreibung verschiedenster körperlicher Vorgänge. Lust – das ist auch das Thema dieser Ausgabe von sg9000. Ein

ebenso facettenreiches wie spannendes Thema. Doch wo soll ich überhaupt anfangen? Vielleicht einfach einmal dort, wo Lust entsteht: im Kopf. Wo die Lust entsteht Die New Yorker Anthropologin Helen Fisher untersucht seit mehr als 20 Jahren das menschliche Verlangen nach Liebe. Dabei stellte sie fest, dass Liebe aus den drei Schritten Lust, Anziehung und Bindung besteht. Die Lust ist der erste Schritt zur Liebe und wird chemisch betrachtet von den Botenstoffen Testosteron und Östrogen hervorgerufen. Lust eine Herzensangelegenheit? Von wegen. Bereits im Altertum, 400 Jahre vor Christus, entdeckte der griechische Arzt Hippokrates, dass nicht etwa das Herz, sondern alleine das Hirn Entstehungsort unserer Gedanken, Gefühle und Empfindungen ist. Heute wissen wir, dass das limbische System im Gehirn für unsere Emotionen zuständig ist. Der Hypothalamus, der die Hypophyse steuert, ist nur erbsengross und doch unentbehrlich für unser Lustempfinden. Die Hypophyse ist eine Drüse, die Hormone, also komplexe chemische Botenstoffe, in die Blutbahn schickt und so unseren Körper reguliert. Lust ist demnach nichts anderes als ein Chemie-Cocktail in unseren Adern, der bestimmte Zellen anregt und uns so dieses prickelnde Gefühl verschafft. Übrigens: Auch im fortgeschrittenen Alter versprühen diese Botenstoffe noch mehr oder weniger ihre Wirkung, wie unser Artikel «Lust im Alter» zeigt.

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Lust macht glücklich Der berühmte emeritierte Professor Mihalyi Csikszentmihalyi von der Universität Chicago gilt als der herausragendste Wissenschaftler auf dem Gebiet der Glücksforschung. Verspürt man grosse Lust bei und an einer Tätigkeit, befindet man sich in einem Zustand des «Flow». Csikszentmihalyi charakterisierte diesen Zustand als Balance zwischen Über- und Unterforderung, als einen Zustand höchster Konzentration auf eine Aktivität, wobei alles im Fluss ist, die Zeit rasend schnell vergeht, während lustvoll gearbeitet wird. Im Flow gelingt alles mühelos, ein Gefühl von Kontrolle über eine Aktivität stellt sich ein. Die Aktivität besitzt dabei auch ein deutliches Ziel. Doch wie löst man eine solche Lust aus? Es ist müssig zu erwähnen, dass solche Flow-Zustände insbesondere bei Teamarbeit erwünscht sind und Kreativitätsforscher intensiv untersuchen, wie man diese Flows auf einfache Art und Weise erreicht. Unser Artikel zum Coachingangebot in St.Gallen zeigt, dass das Flow-Konzept insbesonders im Sportcoaching eine tragende Rolle spielt – und erfolgreich macht. Lust ist mehr als Sex Fälschlicherweise wird Lust oftmals auf das Empfinden in sexueller Hinsicht reduziert. Der Begriff umfasst hingegen weitaus mehr als das rein Körperliche. Lust lässt sich in vielerlei Hinsicht erleben – es umfasst beispielsweise Sport, Essen, Lesen, schöpferische Tätigkeiten oder auch die Natur. In der Psychologie steht die Lust für angenehme Empfin-

dungen und wird von Sigmund Freud auf eine einzige Urkraft zurückgeführt. Freuds Psychoanalyse nennt diese Kraft «Libido» und meint damit einen biologischen Trieb, eine Energie, deren Verwirklichung Lust verschafft. Das Lustprinzip spricht von einem angeborenen Streben, einem Instinkt nach Bedürfnisbefriedigung. Gleichzeitig wird Unlust gemieden. Freud reduziert demnach die Lust nicht ausschliesslich auf Sexualität. Beispielsweise steht die lustvolle Neugierbefriedigung ebenfalls in Verbindung zur Selbsterkenntnis. Androzentrismus und Hysterie Aber ganz um das Thema Sex kommen wir trotzdem nicht, wenn wir über Lust schreiben wollen. Koitus und Penetration umfassten seit der Antike das traditionelle Sexualbild. Allein der männliche Orgasmus zählte. Und in diesem lag dann auch gleichzeitig der Höhepunkt der Frau. Die Frau will ja auch nicht befriedigt, sondern Mutter werden, war über Jahrhunderte die vorherrschende Meinung. In gewissen Kulturen hat dieses Denken bis heute überlebt. Mich würde einmal interessieren, wie dort die Leute reagieren, wenn man ihnen plötzlich einen rosaroten Dildo in die Hand drückt. Oder aus Feuchtgebiete von Charlotte Roche vorliest ... Der aktuelle Film «Hysteria» zeigt, wie früher scheinbar kranke Frauen geheilt wurden, die an «weiblicher Hysterie» litten. Besonders oft waren Nonnen, Alleinstehende oder unglücklich verheiratete Frauen betroffen, denen der weibliche Orgasmus als Heilung von speziell ausgebildeten Fachleuten «verabreicht» wurde. Durch

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Focus
den «hysterischen Krampf» konnte die «schädliche Flüssigkeit» austreten, was die Beruhigung der Frau zur Folge hatte. Da sich die Lust der Frau unter dem Deckmantel einer medizinischen Behandlung verbergen liess, störte sich die Gesellschaft an solchen «Austreibungen» herzlich wenig (und die Ärzte hatten wohl auch ihren Spass dabei). Der Durchbruch bei der Heilung von Hysterie lieferten Taylor (1869) und Granville (1883) mit den ersten dampfgetriebenen, respektive elektromechanischen «Manipulatoren». Damals aber noch nicht in knalligen Farben. Nicht nur für Ärzte und Hebammen war dies ein Segen, da sie zur Heilung von Hysterie weniger Fingerfertigkeit benötigten. Gleichzeitig stellte der Vibrator einen Meilenstein für die weibliche sexuelle Selbstbestimmung dar. Ein erster Schritt zur Gleichberechtigung also. Der Gipfel der Lust Als moderne, aufgeklärte und (meist) gleichberechtigte Menschen können wir heute über diese kuriose Geschichte der Hysterie nur noch lachen. Oder doch nicht? Auch in der heutigen Zeit existieren Phänomene, die uns die Lust am Sex vermiesen. Stress, Ängste und Sorgen versperren manchmal den Weg zum Gipfel der Lust. Auch dabei helfen uns Ärzte, fordern Dialoge und verabreichen manchmal sogar kleine blaue Pillen. Doch vielleicht sollten wir das Thema einfach einmal nicht so ernst nehmen und stattdessen versuchen, loszulassen, Stress und berufliche Sorgen vergessen und mit dem Partner an einer kreativen Lösung tüfteln. Vielleicht lässt sich die eine oder der andere auch in einem Fachgeschäft inspirieren und beraten, was es Lustvolles zu entdecken gibt. Die mittlerweile salonfähig gewordenen Erotikshops in der Stadt (siehe Fotostrecke im Magazin) sorgen dabei für Abwechslung. Oder wie wäre es mit einer Tantramassage für Paare im neuen Etablissement ClubIN an der Teufenerstrasse? Möglicherweise wagen einige von euch sogar den Blick über die eigene Bettkante hinaus: Zum Beispiel mit einem Besuch in der neu eröffneten St.Galler Kontaktbar «Extravaganza». Susi und die verbotene Welt der Pornos Habt ihr schon einmal von Dornmöschen, dem «Fluch der Klitoris», «Pulp Fickschön» oder «Hairy Potter» gehört? Pornofilme sind manchmal in ihrer Titelwahl kreativer als im Erzählen einer Story. Letztendlich geht es vor allem um eines: Penetration, Blow-Job, Analverkehr. Was, Pornos? Ja, wir alle kennen den Begriff, der manchen die Schamröte ins Gesicht treibt. Darum gehörte das Thema Pornografie seit jeher zu den gesellschaftlichen Tabus. Nur hinter vorgehaltener Hand wurde darüber gesprochen. Doch wussten Sie, dass es bereits in der Antike Wandgemälde mit pornografischen Darstellungen gab? Und auch während der Barockzeit malte Rubens bevorzugt nackte Menschen. Nach der Erfindung der Fotografie im 19. Jahrhundert wurden schon bald die ersten Nacktfotos in den Dunkelkammern entwickelt. Das bewegte Bild in Form von Filmen verhalf dem Porno schliesslich zum Durchbruch. Bereits 1910 fanden in Pornokinos erste Vorführungen statt. Erst mit der Einführung der VHS-Videokasetten in den Siebzigerjahren war die Möglichkeit gegeben, sehr günstige Kopien von Filmen zur Erwachsenenunterhaltung (und -bildung?) zu produzieren. Der entscheidende Vorteil der Videokasette war, dass man von nun an Pornos bequem und diskret zu Hause konsumieren konnte. Doch Pornografie war noch lange nicht salonfähig. Gegen die Jahrtausendwende fanden Pornos den Weg ins Internet und führten ihren Siegeszug weiter. Seit 1998 entwickelte sich die Internetpornografie rasend schnell, so dass das heutige Angebot absolut unüberschaubar und zu einem Milliardengeschäft geworden ist. Wann der Höhepunkt erreicht wird, weiss niemand so genau. Oder ist er vielleicht schon vorbei? Und was ist mit Susi? Die gute alte Gummipuppe verblasste neben dem immensen Internetangebot und verliert wohl nicht so schnell ihren staunenden Blick. Eine der erste Vorläuferinnen der bekannten «Gummisusi» wurde um 1918 in München gefertigt. Der Auftraggeber Oskar Kokoschka liess sich damals eine lebensgrosse Puppe seiner Verflossenen, Alma Mahler, anfertigen. Da Alma ihren Oskar sitzen liess, brauchte er einen Ersatz, um sich über den Verlust seiner Geliebten hinwegzutrösten. Ob ihm das wirklich geholfen hat? Als Gegenbewegung zum Angebotsüberschuss an Internetpornografie haben sich spezielle Kunstformen entwickelt. Besonders auffallend ist «Glory Hazel». Pornofilme der Siebzigerjahre werden dort als neue Kunstform wiederentdeckt und seit 2009 von zwei jungen Damen in Szene gesetzt. So ist Glory Hazel «hingebungsvoll auf der Suche nach noch unentdeckten pornografischen Glanzstücken, kreativ im stilvollen Recycling von vorhandenem Pornomaterial und freizügig in eigenen Produktionen und Darbietungen. Das Ziel ist die ästhetisch anspruchsvolle, menschenfreundliche Darstellung sexueller Phantasien.» Ein haariger Hochgenuss entgegen dem glattrasierten Trend unserer Zeit. Mit Lust, Sorgfalt und Kreativität aufbereitet. Na dann, auf in den Dschungel! So fucking what? Lust, ein Thema, das gerade heute interessiert. Disziplin, Diskretion und Bescheidenheit sind nach der Krise die neuen Tugenden. Doch die Lust ist unaufhaltsam. Sie lebt. In uns allen und um uns herum. Wir haben keine Chance, uns ihr zu entziehen. Nein, wirklich nicht. Versuchen Sie es erst gar nicht. Geniessen Sie lieber die Lektüre von sg9000 – lassen sie sich verführen. Und keine Angst, es ist in Ordnung, sich lustvoll der Lektüre hinzugeben.

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Mein erster Volltreffer.

Meine erste Bank.
Vertrauen schenken. Verantwortung übernehmen. Sicherheit geben. Nah sein. Das ist bei der St.Galler Kantonalbank der Nährboden, um gemeinsam zu wachsen. Und die gesunde Basis für eine lange, erfolgreiche Partnerschaft in allen Fragen rund ums Geld. Das hat sie für viele zur ersten Bank gemacht. sgkb.ch

Focus

Lust auf Natur

in der City
Autor : Benjamin Anderegg & Fotos : Michel Balint

Kein Scherz: Auf dem Gebiet der Stadt St.Gallen wirtschaften aktuell etwa 50 Bauernfamilien. Und sie sind nicht etwa ein Relikt aus einer alten Zeit, sondern möglicherweise Vorboten eines neuen Trends. Denn die Natur erobert weltweit Städte zurück: Stadtgärten, Stadtbauernhöfe, Stadtbienen und ähnliche Phänomene sind auf dem Vormarsch – auch in St.Gallen.

New York ist ein Paradebeispiel für eine Grossstadt: Wolkenkratzer reiht sich an Wolkenkratzer, unzählige Autos schieben sich durch die Strassen, Polizeisirenen statt Vogelgezwitscher, Abgas statt frischer Luft. Und Fast Food steht ganz weit oben auf dem Speisezettel des durchschnittlichen Einwohners. Hier scheint die Natur definitiv keine Rolle mehr zu spielen – könnte man meinen. Aber dem ist nicht so. In zahlreichen Gärten, Gartengemeinschaften und naturfördernden Organisationen regt sich schon seit Jahren erfolgreicher und wachsender Widerstand, eine grüne OccupyBewegung sozusagen. Statt Demonstrationen abzuhalten wird Gemüse angebaut. Salate, Tomaten, Karotten und Blumen erobern Vorplatz um Vorplatz, Terrasse um Terrasse. Die Gärtner dahinter sind nicht nur verarmte Selbstversorger oder fanatische Schrebergartenbesitzer – sie kommen aus allen Gesellschaftsschichten und Altersgruppen. Ihnen gemeinsam ist, dass sie eine neue Lust an der Natur entdeckt haben. Es ist die Lust auf Ursprüngliches, aufs Gärtnern, aufs Kochen und Verspeisen von selbst angebauten Produkten und auf gesunde Ernährung. Schon längst ist dieses Phänomen in amerikanischen Medien ein grosses Thema, die Gartenbesitzer und -bewirtschafter müssen immer wieder Journalisten abwimmeln. Überhaupt in westlichen Grossstädten breiten sich die Gärten immer weiter aus. Und diese Bewegung hat auch schon einen Namen: Urban Gardening. Schaulustige willkommen Auch wenn die Stadt St.Gallen neben New York höchstens als Quartier mit einer immerhin weit zurückreichenden Geschichte erscheint – hier entdecken die Menschen ebenfalls eine neue Lust an der Natur. Ein neuer Garten-Boom ist zwar noch nicht auszumachen – dafür erfreuen sich die 50 Bauernhöfe auf Stadtgebiet einer zunehmend grösseren Beliebtheit. Und dies nicht nur bei den Stadtfüchsen, auch die Bevölkerung bekundet ein steigendes

Interesse. Die Ortsbürgergemeinde St.Gallen, die etwa einen Drittel des landwirtschaftlichen Gebiets der Stadt St.Gallen besitzt, hat zwei ihrer Pachtbetriebe zu Schauhöfen umgebaut. «Das Ziel ist es, dass die Stadtbevölkerung die Landwirtschaft besser kennen lernt», erklärt Christoph Kuhn, Leiter Forst und Liegenschaften der Ortsbürgergemeinde St.Gallen. Ein Angebot, das auf eine grosse Nachfrage stösst. Besonders bei Familien sind die Schauhöfe begehrte Ausflugsziele. Gänse, Zwerggeissen, Kühe, Hühner und Schweine können aus nächster Nähe bestaunt und gestreichelt werden. Kleine Traktoren aus Plastik laden die Kinder zum Spielen ein. Derweil können die Eltern bei einem Glas Süssmost die ländliche Atmosphäre geniessen. Statt nach Abgas riecht es hier nach Stall und Tieren. Natur pur zum Anfassen, und das quasi mitten in der City. «Weil die Schauhöfe so gut ankommen, sollen in Zukunft weitere dazu kommen», so Christoph Kuhn. Hofläden, Erlebnisferien und vieles mehr Auf den Stadtbauernhöfen gibt es aber nicht nur viel zu sehen und zu riechen. Manche Betriebe besitzen einen Hofladen, wo sie frisches Gemüse, Obst und auch selbst hergestellte Dekorationen verkaufen. Oder auf dem Schauhof der Familie Enzler am Scheitlinsbüchelweg 9 gibt es statt eines Hofladens einen «Milchautomaten». Vom Direktverkauf sind viele der Stadtbauernhöfe denn auch abhängig. Die Kunden ihrerseits wissen es zu schätzen, dass diese Produkte nicht aus Übersee eingeflogen werden, sondern direkt vom Hof stammen. Der Besuch im Hofladen beschert den Kunden ein lebendigeres Einkaufserlebnis als wenn sie im Grosshandel ein Produkt aus dem Regal pflücken. Zudem schätzen die Kunden den direkten Kontakt zur Bauernfamilie. Die Stadtbauernhöfe sind aber nicht nur kulinarische Versorger. Sie bieten auch Erlebnisferien, Events, Schule auf dem Bauernhof, Baum- und Tierpatenschaften, Gartenarbeiten, Brennholzaufbereitung und

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Bob Peak

besondere ökologische Leistungen an. Für die Bauernfamilien sind dies interessante Marktnischen. «Jede Bauernfamilie setzt dabei ihre eigenen Stärken und Möglichkeiten ein», so Kuhn. «Allerdings braucht es viel Arbeit, um den Schauhof nebst der eigentlichen landwirtschaftlichen Arbeit in Schwung zu halten», erzählt Brigitte Dähler, die zusammen mit ihrem Mann am oberen Kirchliweg 10 (in der Nähe des Wildparks Peter und Paul, Richtung Heiligkreuz hinunter) einen der beiden Schauhöfe bewirtschaftet. Eine Arbeit, die sich lohnt. «Seit wir unseren Hof als Schauhof präsentieren, kommen viel mehr Besucher», so Albin Dähler. Vor allem der Hofladen ist sehr beliebt. Auf dem Schauhof ergeben sich zwischen den Stadtbauern und der Stadtbevölkerung unmittelbare Kontaktmöglichkeiten. Keine Spur von einem Stadt-Land-Graben. Die St.Galler sind schnell im Grünen Die Ortsbürgergemeinde setzt sich dafür ein, dass die Stadtbauernhöfe, die zurzeit etwa 1200 Hektaren Land bewirtschaften, erhalten bleiben. Die Popularität der beiden Schauhöfe zeigt, dass die urbane Bevölkerung ihre Begeisterung für die Natur und Lebensmittel aus regionaler Produktion nicht verloren hat beziehungsweise neu entdeckt. «Die Leute möchten Gewissheit haben, woher die Lebensmittel kommen», so Kuhn. Sehr weit muss die St.Galler Stadtbevölkerung dafür nicht gehen. Insgesamt sind es um die 50 Bauernhöfe, die zusammen einen grünen Ring um das Siedlungsgebiet bilden. Die Stadtbewohner sind deshalb schnell im Grünen – ob vielleicht deshalb in St.Gallen noch kein neuer Gartenboom

«Seit wir unseren Hof als Schauhof präsentieren, kommen viel mehr Besucher», so Albin Dähler. Vor allem der Hofladen ist sehr beliebt.»
ausgebrochen ist? Dabei wären gerade Privatgärten eine geeignete Plattform, um der neuen Lust an der Natur zu frönen. Bis jetzt jedenfalls verhält sich die St.Galler Gartenszene relativ beständig. Bekannt sind vor allem die Familiengärten, die bisweilen bis ins letzte Detail gehegt und gepflegt werden – Gartenzwerge inklusive. Doch es ist gut möglich, dass sich auch diese Kultur verändert. Nur schon die Familiengärten von Portugiesen, Spaniern, Italienern und Menschen aus dem Balkan haben Neues in die Szene gebracht. Neue Wege in Sachen Stadtgärten geht man beispielsweise in Basel, wo 2010 ein Verein namens «Urban AgriCulture Netz» gegründet wurde. Er setzt sich unter anderem für die Bepflanzung von ausrangierten Eisenbahnwagons mit Gemüsesetzlingen und die Haltung von Bienenvölkern in der Stadt ein.

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Kanton St.Gallen Gewerbliches Berufs- und Weiterbildungszentrum St.Gallen

190 Bienenvölker in St.Gallen Bienenvölker gibt es auch in der Stadt St.Gallen. Oder besser gesagt: Sie waren schon immer da. «Hier haben sie es in einem gewissen Sinne besser als auf dem Land», erklärt Otto Hugentobler, Präsident des Bienenzüchtervereins St.Gallen und Umgebung. Der Grund: In den vielen Privatgärten der Stadt ist die Blumenvielfalt sehr gross, da blüht immer wieder mal etwas. Ausserhalb der Bauzone ist das nicht überall so selbstverständlich. Kommen deshalb viele Bienenvölker in die Stadt? «Nein», so Hugentobler. «Der Bienenbestand in St.Gallen ist ziemlich konstant. Die Bienenschwärme, die im Frühjahr 2011 in der Stadt für Aufsehen gesorgt haben, waren einfach neu entstandene Völker auf der Suche nach einer Unterkunft. Das ist völlig normal.» Es freut Hugentobler jedoch, dass die «Stadtbienen» dadurch in den Medien präsenter sind. Zwar gibt es den Bienenzüchterverein seit 1863. Und heute ist er mit 31 Imkern und Imkerinnen in der Stadt vertreten. Allerdings weiss die Öffentlichkeit nicht viel über die Haltung der Bienen (in der Stadt). Eine grosse Bienenausstellung zum Jubiläum im nächsten Jahr (Juni bis Oktober 2013) soll das ändern. Denn immerhin leben etwa 190 Bienenvölker in der Stadt. Das sind im Sommer bis etwa 60‘000 Tiere pro Volk und im Winter noch 10‘000. «Viele sehen die Bienen in erster Linie als Honigproduzentin. Dabei ist ihre wichtigste Aufgabe die Bestäubung», so Hugentobler. An der Bienenausstellung werden Interessierte die Möglichkeit haben, mehr über die fleissigen Tiere zu erfahren. Schliesslich sind die Bienen dank der Bestäubungsleistung entscheidend für das Gedeihen der Nutz- und Zierpflanzen respektive der ganzen Biodiversität und damit auch für unsere Ernährung. Zudem ist die Ausstellung, ähnlich wie die Schauhöfe, eine ideale Möglichkeit für Stadtbewohner, mitten in der Stadt ein Stück Natur zu erleben. Natur auf dem Vormarsch Es erweckt den Anschein, als ob die Natur das an die Stadt «verlorene» Gebiet wieder zurückerobern möchte. Stadtfüchse, Stadtbienen, Stadtbauern und das Phänomen «Urban Gardening» sind in vielen westlichen Grossstädten auf dem Vormarsch. Auch in St.Gallen sind Anzeichen dafür zu erkennen. Für die Stadtbevölkerung wäre dies ein klarer Gewinn an Lebensqualität. Frische Produkte, direkt aus der heimischen Landwirtschaft sind nicht nur gesund, sondern auch ökologisch nachhaltig. Und der Konsum von Produkten aus lokalen Betrieben stärkt die regionale Wirtschaft. Wie gross die Lust der St.Galler Stadtbevölkerung auf die Natur tatsächlich ist, wird sich in den nächsten Jahren zeigen.

Allgemeine Weiterbildung

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Focus

In den Fängen

der Wollust
Autor : Stephan Sigg & Bild : essenzium.ch

Was bedeuten die sieben Todsünden? Wenn alle reden, hört niemand mehr zu. Fragen bleiben offen, Bedürfnisse ungehört, Risiken steigen an und Krisen greifen um sich – das haben wir kürzlich alle schmerzlich erleben müssen. Doch wie erklärt man sich das Ganze eigentlich an der renommierten Universität St.Gallen? Ein systemtheoretischer Blick in die Systemtheorie.

Was haben DJ Ötzi, Marc Chagall und der Schauspieler Morgan Freeman gemeinsam? Beide haben sich schon in ihrem Schaffen mit den sieben Todsünden auseinandergesetzt. Keine schlechte Entscheidung. Tauchen wohl bei jedem beim Schlagwort Todsünde sofort viele Bilder vor dem inneren Auge auf. Bei manchen macht sich sogar ein leichtes Gruseln bemerkbar. Seit Jahrhunderten beschäftigen sich Kunst und Kultur intensiv mit den Todsünden und die Todsünden beschäftigen die Menschheit. 2011 war ihnen zum Beispiel in Bern eine ganze Ausstellung gewidmet. Und auch im Kino treiben die Todsünden regelmässig ihr Unwesen. Die Thriller «Im Name der Rose» und «Seven» (mit Morgan Freemann) sind nur zwei von vielen Filmen aus den letzten Jahren. Die Faszination der Todsünden ist ungebrochen. Eine verklemmte christliche Sicht? Sechs der sieben Todsünden klingen plausibel: Völlerei ist ungesund und in der heutigen Zeit angesichts von Magermodels sowieso nicht in. Mit Faulheit kommt man in unserer Leistungsgesellschaft nirgendwohin. Hochmut hat schon manchen tief fallen lassen. Und auch Zorn und Habgier haben noch niemanden glücklich gemacht: Wer tobt und brüllt, ist wohl kaum mit sich selbst im Reinen und macht sich mit seinen Zornausbrüchen im privaten und beruflichen Umfeld zum Gespött. Wer total gierig nach immer mehr strebt, wird wohl keine Gelegenheit finden, sein Leben zu geniessen. Aber warum ist ausgerechnet auch die Wollust eine Todsünde? Wollust macht doch Spass. Gibt es was Schöneres als Leidenschaft pur? Bestätigt sich hier mal wieder das alte Klischee, dass die Kirche mit allem Sexuellen ihre Mühe

hat? Nein, denn nicht Sexualität, Geilheit oder Leidenschaft sind das Problem, sondern Fixierung und Respektlosigkeit. Wie bitte? Respekt vor untalentierten Castingteilnehmern Die Todsünde der Wollust soll eine Warnung davor sein, vor lauter Begierde nur noch eines im Kopf zu haben, die Kontrolle über sich zu verlieren und völlig fremdgesteuert zu sein. In der Kirchengeschichte wurde Wollust lange Zeit auf den Sexualtrieb reduziert. Und so dachte man bei dieser Todsünde sofort an sexuelle Ausschweifungen in allen möglichen Formen. Doch die Wollust beinhaltet noch einen ganz anderen Aspekt und dieser scheint hochaktuell zu sein: Wer wollüstig ist, macht meistens andere Menschen zu seinem Lust- oder Spass-Objekt. Die Todsünde besteht also darin, jemanden respektlos zu behandeln oder ihn nur noch als Objekt zu «gebrauchen». Das kann in der Sexualität passieren, wenn man den Partner benutzt, um eigene Bedürfnisse zu befriedigen – ohne einen Gedanken an die Bedürfnisse des anderen zu verschwenden. Aber das geschieht eben auch anderswo – immer, wenn andere Menschen respektlos zum Spass-Objekt degradiert werden. Genau genommen besteht bereits beim abendlichen TV-Konsum die Gefahr, in die Falle der Todsünde zu tappen: Wer sich über die verschrobenen oder unterbelichteten Teilnehmer von Reality-Shows wie «Bauer sucht Frau» lustig macht oder sich gnadenlos über unbegabte Castingshow-Kandidaten den Mund zerreisst, der ist auch wollüstig und macht diese Menschen zum Objekt der eigenen Belustigung. Einverstanden: Die Castingkandidaten haben sich freiwillig entschieden bei diesen Shows mitzumachen.

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Focus

Die sieben zentralen Charaktereigenschaften Aber woher kommt eigentlich die Idee der Todsünden? In der Bibel werden die Todsünden nicht erwähnt. Ihren Ursprung hat die Liste im 4. oder 5. Jahrhundert im ägyptischen Wüsten-Mönchtum. Damals waren es noch zehn Todsünden. Erst im 6. Jahrhundert erlangte die Idee der Todsünden grössere Bekanntheit. Papst Gregor I. (540-604) bezeichnete mit den sieben Todsünden schlechte Charaktereigenschaften, die die Beziehung zwischen Mensch und Gott sowie der Menschen untereinander stören. Wer eine Todsünde begeht, «beendet» quasi diese Beziehung. Dass es gerade sieben Todsünden sind, ist kein Zufall. Wie viele Zahlen in der Bibel oder in der Kirche hat auch die Sieben eine symbolische Bedeutung. Zum Beispiel wurde die Welt nach biblischer Vorstellung in sieben Tagen erschaffen. Die Sieben steht also für Vollkommenheit. Die sieben Todsünden sind in dem Sinn vollkommen, dass sie alle grundlegenden negativen Charakterzüge des Menschen nennen. Alle anderen schlechten Eigenschaften sind eine Ableitung aus diesen sieben. Empfehlungen für das richtige Mass Zunächst wurde die Warnung vor den sieben Todsünden vor allem für Klöster wichtig. Dort lebten Nonnen und Mönche auf engstem Raum zusammen und waren auf ein harmonisches Zusammenleben angewiesen. Neid, Eifersucht oder Arroganz waren nicht nur problematisch, weil sie zu Streit führten, sondern auch weil sie die ganze Klostergemeinschaft lahm legen konnten. Erst einige Jahrhunderte später hielten die Todsünden Einzug in die Predigten, die sich an das allgemeine Volk richteten. Im Mittelalter wurde schliesslich mit den sieben Todsünden Angst und Panik geschürt. Wer eine Todsünde begeht, so lautete die verbreitete Meinung, der wird nach dem Tod von Gott verdammt und in die Hölle geschickt. Heute wird in den Landeskirchen der Begriff «Todsünde» kaum mehr laut ausgesprochen. Zu negativ aufgeladen. Er scheint aus einer Zeit zu stammen, in der die Kirche schon fast inflationär mit Höllenfeuer und teuflischen Qualen drohte und schon ein falscher Gedanke das Ticket zur Hölle bedeuten konnte. Das ist zum Glück vorbei. Und eigentlich sind Höllen-Visionen auch unnötig. Denn wer eine Todsünde begeht, ist auch ohne Strafe von einem anderen mies dran – er bestraft sich selber und leidet unter Konsequenzen, die er verursacht hat.

Wer eine Todsünde begeht, so lautete die verbreitete Meinung, der wird nach dem Tod von Gott verdammt und in die Hölle geschickt.
Wenn ich gierig bin und nie genug kriegen kann, habe ich kaum Gelegenheit, das zu geniessen, was ich habe. Meine Gier wird zu meinem eigenen Nachteil. Die Todsünden haben also auch für die heutige Gesellschaft etwas Attraktives zu bieten: Empfehlungen für das richtige Mass im Leben, so dass ich und meine Mitmenschen langfristig glücklich werden und jeder sich entfalten kann. Aus diesem Grund setze ich mich in meinem neusten Jugendbuch mit den sieben Todsünden auseinander. Ich zeige in meinen Kurzgeschichten mit aktuellen Situationen aus dem Leben junger Menschen, wovor die sieben Todsünden genau warnen. Sie wollen uns nicht den Spass verderben, sondern vor negativen Dynamiken und Konsequenzen bewahren.

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Autor: Stephan Sigg, geb. 1983, Theologe, arbeitet als Journalist und Buchautor, lebt in St. Gallen. www.stephansigg.com Aktueller Buch-Tipp: Stephan Sigg: «Die 7 Todsünden», Gabriel-Verlag, 2012, Kurzgeschichten mit einem Nachwort zu den 7 Todsünden, 144 Seiten, ISBN 978-3-522-30283-8

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Focus

Die perfekte Vagina
(gibt es nicht)
Warum finden viele Frauen ihre Vagina so unansehnlich? Weil sie nicht wissen, wie es zwischen den Beinen der anderen aussieht.
Autor : Clack.ch & Illustrationen : Mario Romano

Wenn Sie möchten, dass Ihr Kind eine erfolgreiche Karriere hat, schicken Sie es ins Medizinstudium und lenken Sie es in Richtung Schönheitschirurgie. Und dann soll der Schönheitsschnitzler, die Schönheitsschnitzlerin, in einer Privatklinik tüchtig Geld verdienen. Wenig ist so einträglich wie der ständig wachsende Bereich der Vaginal-Korrekturen. Aus dem diesbezüglichen Angebot einer Schönheitsklinik: «Bei einer Schamlippenkorrektur (auch Labioplastik oder Labienplastik genannt) können die zu langen inneren oder äusseren Schamlippen chirurgisch reduziert werden (Schamlippenverkleinerung). Es ist aber auch möglich, erschlaffte oder zu schwach ausgeprägte äussere Schamlippen aufzubauen. (Schamlippenvergrösserung/Labienaugmentation). Auch rekonstruktive Eingriffe nach misslungenen Schamlippenkorrekturen sind möglich und werden von uns auch häufig durchgeführt.» Wo gehobelt wird, da fallen Späne Nur – wann sind Vaginas überhaupt so verkehrt, dass es einer Korrektur bedarf wie bei einem falsch geschriebenen Wort? Besonders der letzte Satz ist beunruhigend – wenn häufig nachgebessert wird, wird auch häufig geschlampt. Tja, wo gehobelt wird, fallen Späne. Wie konnte es überhaupt soweit kommen? In der einstündigen Dokumentation «The Perfect Vagina» wirft Lisa Rogers einen Blick in die britische Operationsindustrie – und fragt, warum Frauen so häufig ein Problem mit ihrem Geschlechtsteil haben. Seltsamerweise äussern sie meist den Wunsch, aussehen zu wollen wie alle

anderen. Obwohl sie oft nicht einmal wissen, wie die anderen eigentlich aussehen. Ihr Wissen haben sie aus Pornos, in denen kindlich haarlose Geschlechtsteile in Nahaufnahme gezeigt werden. Weil das Gebot der Rasur und des Wachsens gilt, wissen Frauen plötzlich Dinge über ihre Geschlechtsteile, die Generationen vorher unter Schamhaar verborgen hatten. Die nackte Selbstkritik greift um sich. Und was meinen die Männer dazu? Doch würden Männer, wenn sie eine Frau lieben, Reissaus nehmen, weil ihnen der Zwischenraum ihrer Partnerin nicht gefällt? Die im Film befragten Männer verneinen. Sie scheinen entspannter mit den Variationen der Natur umzugehen als die Protagonistinnen. Während es bei Brustoperationen in der Regel darum geht, mehr davon zu bekommen, heisst es im Vaginalbereich «verkleinern». Die inneren – manchmal auch die äusseren – Schamlippen sollen reduziert werden. Statistiken sind nur schwer erhältlich. Doch ein Düsseldorfer Chirurg gibt an, dass 63 Prozent seiner Patientinnen ihre Schamlippen aus medizinischen Gründen verkleinern lassen. Bleiben noch ganze 37 Prozent, die sich aus ästhetischen Gründen eine Betäubungsspritze in eines ihrer empfindlichsten Körperteile setzen lassen. Weil unter anderem gezeigt wird, wie eine innere Schamlippe abgeschnitten wird wie eine Scheibe Brot, ist Lisa Rogers Film nichts für schwache Gemüter.

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Focus

of Ecstasy
Von Nähe und Ferne eines leidenschaftlichen Gefühls
Autorin : PD Dr. Monika Kritzmöller & Illustration : Mario Romano

Spirit

«Lüstlingen gleich, die gierig schmatzend küssen, Von alten Huren die zerquälten Brüste, Stehlen wir hastig unerlaubte Lüste, Die wir wie Apfelsinen pressen müssen.» stimmt Charles Baudelaire in seinem Gedichtezyklus «Fleurs du Mal» 1861 seine desillusionierte Zeitdiagnostik an1 und spannt dabei den Bogen zwischen – erbärmlichen – Empfindungen von Gier und Lust. «LusTT» buchstabierte knapp anderthalb Jahrhunderte später der Autobauer Audi zur Anpreisung seines kleinen Sportcoupés. Versprochen wird also statt nachweisbarer Grössen wie Pferdestärken, Ausstattung oder Beschleunigungswerte ein Gefühl, das sich nach dem Kauf einstellen möge und dessen Verheissung letztlich ausschlaggebend ist, das Gefährt besitzen zu wollen. Immer stärker finden Emotionen als Kaufargument Eingang in die Versprechungen der Warenwelt, während im Gegenzug das Ausleben hedonistischer Verhaltensweisen zunehmend (wieder) kritisch gesehen wird und das Gefühl der Gier spätestens seit den Finanzund Wirtschaftskrisen der letzten Jahre tiefe Ächtung erfährt. Hat also auch die «Lust» den Zenit ihrer gesellschaftlichen Geltung überschritten, sind Mässigung, neue Bescheidenheit und Vernunft gefragt? Oder liegt im Empfinden abgrundtiefer Lust, welche das Gestern und Morgen ebenso schwinden lässt wie Ratio und Kalkül, gar ein Gegenpol zu all jenen verfemten Ausprägungen «cooler» post-postmoderner Erlebenswelten? Ästhetik: Im Vollbesitz der Sinnlichkeit Der Philosoph Wolfgang Welsch diagnostizierte die «Anästhetik» im Sinne eines Verlusts sinnlicher Wahrnehmung als zentrales Phänomen der Gegenwart, welche sich zugleich auszeichnet durch eine nie gekannte Fülle äusserer Reize und der entsprechenden Neu-Gier, sie zu erleben. Ganz offensichtlich entwickelte sich der Pfad zwischen all jenen Impulsen und dem empfindenden Individuum zum Labyrinth, so dass zwar vieles auf den Weg gebracht wird, aber niemals ankommt. So avancierte die intensive Kommunikation über Weinlisten, Bewertungen im Parker-Ranking und nicht zu vergessen die Höhe des Preises unterschiedlicher Anbieter zum beliebten Gesellschaftsspiel. Wie der solchermassen thematisierte – und geradezu verbal sezierte – Rebensaft schmeckt, ist freilich weit seltener Gegenstand der Gespräche. Eigentlich schade, und zugleich auch verräterisch, denn die Ausbildung des entsprechenden Sensoriums, die Verfeinerung des Geschmacks, die Fähigkeit zur Empfindung sind immer auch Ausdruck der vorangegangenen Lebensgeschichte. Individuen «outen» sich über die «Qualitäten» ihrer Sinne. Wie anders nähert sich daher der wirkliche Liebhaber seinem feinen Tropfen, lustvoll schwelgend im Zusammenspiel der Nuancen aus Duft und Farbe, Konsistenz und Aromen, so dass im Moment des Geniessens anstelle von Klassifikationen nur noch das bedingungslose Sich-Einlassen zählt. Trieb-Federn: Choreographie der Leidenschaften In kaum gekannter Einigkeit benennen bereits die Soziologen Georg Simmel und Max Weber «Kunst», «Natur» und «Erotik» als die stärksten aller Daseinsmotive. Nicht zufällig formulierten sie ihre Thesen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als die Formensprache des Jugendstils das in vieler Hinsicht entfesselte Lebensgefühl der damaligen Zeit visualisierte. Allen drei Bereichen gemein ist erneut, dass sie nur erfahrbar werden durch eigentliche Wahr-Neh-

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Focus

mung, sinnliche Annäherung und Hingabe. Dreh- und Angelpunkt ist daher nicht zufällig als eines der sichtbarsten Phänomene der Körper. Er wurde im doppelten Wortsinn freigesetzt vom disziplinierenden Korsett, was auch bedeutete, ihn spüren und erleben zu lernen, ja, lernen zu müssen. Neue Horizonte eröffnen sich, Erotik zieht sich einem roten Faden gleich durch Kunst und Literatur der Epoche. Das «wohlanständige» Frauenbild weicht schlangengleichen Tänzerinnen, welche nicht mehr einer streng definierten Choreographie gehorchen, sondern mehr ent- als verhüllt durch meterlange Chiffonschleier im geschmeidigen Tanz förmlich über sich hinaus wachsen. Auch «Spirit of Ecstasy» in zeittypisch beflügelnder Pose muss ihre betörende Wirkung weitaus tiefgreifender entfaltet haben als die banale Modedroge des beginnenden 21. Jahrhunderts. 1910 soll mit Eleanor Velasco Thronton die Geliebte eines automobilbegeisterten englischen Lords Modell gestanden sein für die Muse der Rolls-Royce-Fahrer, welche, als schönste aller Kühlerfiguren gekrönt, seither mit wehenden Kleidern und Schwingen dem Fahrer ihren Weg zu weisen scheint. Triebe bewegen sich zwischen tiefen Abgründen und ihrer Überhöhung, Biographien der Leidenschaft werden geschrieben, von gefährlichen, weil alles verzehrenden Femmes Fatales. Mit seiner 1905 formulierten Theorie der Sublimierung lieferte Sigmund

Gier bedeutet Verlangen, Streben nach Besitz, bedeutet auch Distanz zum ersehnten Objekt, bulimisches Sich-einverleibenwollen, ohne wirklich zu «verdauen» – vom «Shoppen».
Freud gleichsam die psychoanalytische Antwort auf Oscar Wildes 1896 uraufgeführtes Drama «Salomé». Die Gier der Königstochter nach dem verführerischen Körper des sich ihr verweigernden Propheten Jokanaan endet statt im Tempel aller Lüste mit dem schalen Geschmack von Blut, als sie die Lippen des geköpften Hauptes küsst: «There was a bitter taste on my lips. Was it the taste of blood? … Nay; but perchance it was the taste of love. They say that love hath a bitter taste. … But what matter? what matter? I have kissed thy mouth.»2 Salomé versucht sich über ihren zweifelhaften «Sieg» hinwegzutrösten, während die Illustrationen von Aubrey Beardsley die Schrecken des Geschehens in abstrakte Schönheit verwandeln.

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Focus

der Erfüllung der Liebesforderung: den direkten Durchbruch der Seelen von Mensch zu Mensch (…) Allem Sachlichen, Rationalen, Allgemeinen so radikal wie möglich entgegengesetzt, gilt die Grenzenlosigkeit der Hingabe hier dem einzigartigen Sinn, welches dies Einzelwesen in seiner Irrationalität für dieses und nur dieses andere Einzelwesen hat.»5 Gegenpole: Lust als Sonnenseite der Gier Allen gemein ist eine tiefe Hinwendung zum spürenden Körper und der Ästhetik der Dinge. Dabei stehen sich Gier und Lust diametral entgegen: Gier bedeutet Verlangen, Streben nach Besitz, bedeutet auch Distanz zum ersehnten Objekt, bulimisches Sicheinverleiben-wollen, ohne wirklich zu «verdauen» – vom «Shoppen», ohne die neu erstandenen Errungenschaften im Gebrauch de facto zu geniessen, über eisgekühlte Karriere-Ambitionen, eine mechanistische Bearbeitung des «Bodys» im normierten Streben nach vermeintlicher «Beauty» bis hin zur Verausgabung körperlicher Nähe als inflationärem «Freizeitsport». Lust hingegen setzt zu allererst die bedingungslose Nähe voraus, sich einzulassen auf das andere, auf den anderen. Setzt voraus, die Sinne zu öffnen und wahrzunehmen, was auch bedeutet, den vielleicht letzten Rest an Distanz(iertheit) aufzugeben, verbindlich zu werden und die Aufmerksamkeit dem einen, einzigen zu widmen, was im Moment noch zählt!

Deutlich hingebungsvoller äussert sich der ansonsten als wenig leidenschaftlich bekannte Max Weber, dessen Biographie Bestätigung seiner theoretischen Auseinandersetzung ist: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zunehmend erschöpft, übergewichtig und impotent, zeigte Weber bis hin zur zeitweiligen Aufgabe seiner professoralen Lehrtätigkeit typische Anzeichen dessen, was heute als «Burn-out» diagnostiziert wird. Inspiriert durch die aufkeimende Lebensreformbewegung unterzog er sich 1913/14 mehreren Aufenthalten nahe der alternativen Künstler- und Aussteigerkolonie auf dem Monte Veritá, in Ascona, «ein richtig dreckiges Italienernestchen, nur ist die Kneipe durch die hier wohnenden Gäste kultiviert. Die Küche ist eigentlich zu gut für mich. (…) Mittags bei Quattrini, morgens und abends der Vegetarierfrass: Haferbiscuits und Feigen», so sein Bericht an Ehefrau Marianne in Heidelberg 3 . Allen kulinarischen Unbillen zum Trotz wird sein «Körper, lange Jahre vernachlässigt, an den Rand gedrängt zugunsten intellektueller Askese, (…) bei Weber nicht nur Forschungsobjekt, sondern ganz lebendiges Forschungssubjekt. Sinnliche Empfindungen sind Quelle und Inspiration wissenschaftlicher Erkenntnisse, und gleichsam ‚am eigenen Leib’ wird die zuvor praktizierte, letztlich kontraproduktive Trennung von Ratio und Emotio aufgehoben.»4 In Folge entstand eine der wohl sinnlichsten und auch anrührendsten Passagen der soziologischen Literatur, in der Weber die erotische Beziehung beschreibt als «den unüberbietbaren Gipfel

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Autorin PD Dr. Monika Kritzmöller lebt und arbeitet in St.Gallen. In ihrem Forschungs- und Beratungsinstitut «Trends + Positionen» untersucht sie Lebensstile und Alltagskultur und bringt ihre Erkenntnisse zur Anwendung in der Beratung von Unternehmen und Institutionen. Zudem unterrichtet sie Soziologie an der Universität St.Gallen. | www.kritzmoeller.ch. Literatur zum Jugendstil Kritzmöller, Monika (2010). Lock-Stoffe – St.Gallen als Textilund Jugendstil-Stadt. Aitrang: flabelli-Verlag. ISBN 978-3-936853-06-3 | CHF 34.90 | Versandkostenfrei erhältlich über mail@flabelli-verlag.de und im Buchhandel. Der gesamte Verkaufserlös geht an den Verein Textilmuseum St.Gallen.
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Baudelaire, Georges (1992). Die Blumen des Bösen. Stuttgart: Reclam. S. 5. Wilde, Oscar (1996). Salomé. Boston: Branden Publishing Company. 3 Whimster, Sam (2001). Im Gespräch mit Anarchisten. Max Weber in Ascona. In: Schwab, Andreas (Hg.). Sinnsuche und Sonnenbad. Zürich: Limmat Verlag. S. 45 f. 4 Kritzmöller, Monika (2010). Lock-Stoffe. St. Gallen als Textil- und Jugendstil-Stadt. Aitrang: flabelli Verlag. S. 42. 5 Weber, Max (1995). Zwischenbetrachtung: Theorie der Stufen religiöser Weltablehnung. In: ders. Schriften zur Soziologie. Stuttgart: Reclam. S. 363-407. S. 392.
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«Haben Sie noch Sex oder spielen Sie schon Golf?» Diese Scherzfrage bringt auf den Punkt, was unsere Gesellschaft längst zu wissen glaubt: Ältere Menschen haben keinen Sex. Und wohl auch keine Lust darauf. Aber ist dem wirklich so? Oder ist Sexualität im Alter etwas, das einfach nicht sein darf? Ein Tabu? Wir haben einmal näher hingesehen.
Autorin : Brigitte Järmann & Bild : Photocase

im Alter

Lustvoll

R. H. ist 87 Jahre alt, verwitwet und mit einem stattlichen Vermögen ausgestattet. Die rüstige Rentnerin fühlt sich im Jetset von Monaco bis St. Moritz zu Hause. Seit sie vor zwei Jahren den 42-jährigen T. B. kennenlernte, ist auch ihr Liebesglück wieder perfekt. T. B. erschien damals wie aus dem Nichts. Mit seinem Charme und dem tadellosen Benehmen eroberte er das Herz der Witwe im Sturm. Doch hinter vorgehaltener Hand wird im Umfeld des Paares über die Beziehung teils argwöhnisch, teils spöttisch gemunkelt. Szenenwechsel. Der an Demenz erkrankte, 83-jährige H. M. lebt seit sechs Jahren in einem Pflegeheim. Eines Abends betritt er als einer der letzten der Pensionäre den Speisesaal, lässt seine Hosen herunter und onaniert ungeniert vor versammelter Gesellschaft. Einige Seniorinnen blicken beschämt zur Seite, andere lassen ihrer Empörung freien Lauf. Der anwesende Pfleger verkneift sich ein Lachen, zieht H. M. hastig die Hosen wieder hoch und begleitet ihn zurück in sein Zimmer. Unterdrückung nicht von Dauer Solche Situationen irritieren. Sie stören das in den Vorstellungen geläufige Bild von älteren Menschen und ihrem Lebensabend. Dennoch sind solche und ähnliche Geschichten wie diese fiktiven Beispiele keine Einzelfälle, sondern gehören zum Alltag einer alternden Gesellschaft. «Der Mensch ist von der Wiege bis zur Bahre ein sexuelles Wesen» betont die St.Galler Sexualpädagogin und Erwachsenenbildnerin Regula Eugster. «Der Sexualtrieb, die Bedürfnisse nach Zärtlichkeit und nach prickelnder Erotik, erlöschen nicht einfach beim Erreichen des Pensionsalters.» Zwar lernt der Mensch schon früh, sexuelle Impulse willentlich auszuschalten. Manchmal führen Krankheiten oder Alkohol-

konsum zu einem Kontrollverlust. Früher oder später fordern die unter dem erhobenen Finger der Moral unterdrückten Bedürfnisse immer ihr Recht auf Erfüllung ein. In der Jugend wie im Alter Unbequeme Tabus Allmählich keimt in der Gesellschaft ein Bewusstsein, das der Sexualität auch bei älteren Menschen einen Platz einräumt. Doch bis diese als selbstverständlich erachtet wird, ist der Weg noch weit und führt exakt an den drei von der Soziologie identifizierten Tabus vorbei: Sexualität, Alter und Tod. Themen, über die niemand gerne spricht und mit denen man sich auch nicht befassen mag. Oder aber man überlässt sie dem Stammtisch-Humor. Wer aber direkt mit einem dieser Tabus konfrontiert wird, gerät schnell in eine Stresssituation. Um das innere Gleichgewicht wieder herzustellen, sind Volksweisheiten, die so einfach sind wie realitätsfremd, schnell zur Hand. «Zu dieser Kategorie zählt auch die landläufige Meinung, dass nach dem Klimakterium oder bei Abnahme der körperlichen Leistungsfähigkeit die Libido automatisch erlischt», weiss Regula Eugster. Wäre dem so, dann würden die beiden Beispiele zu Beginn dieses Aufsatzes von der Normalität abweichen und nicht mehr Beachtung als ein Kopfschütteln verdienen. Es ist aber nicht so. Im Rahmen der 2002 veröffentlichen «Pfizer Global Study of Sexual Attitudes and Behaviors» wurden weltweit insgesamt 26'000 Frauen und Männer zum Thema Sexualität, Intimität und zu ihrer Beziehung zum Partner befragt. Rund die Hälfte der Männer und mehr als 30 Prozent der Frauen zwischen 60 und 80 Jahren gaben an, dass ihnen Sexualität wichtig sei. Doch in die öffentliche Wahrnehmung sind die Ergebnisse der Studie noch nicht

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Focus

vorgedrungen. «Das sexuelle Verhalten der Älteren ist liberaler, als die Gesellschaft erlaubt», betonte Professor Uwe Hartmann in seinem Vortrag «Sexualität (k)eine Frage des Alters» an der Medizinischen Hochschule Hannover. Pflegende besonders gefordert Gerade das Pflegepersonal in geriatrischen Einrichtungen sieht sich mit der auch im Alter noch vitalen Libido konfrontiert. Manche haben damit umzugehen gelernt und suchen nach individuellen Lösungen für ihre Pensionäre. Andere verharren unter dem Einfluss von Tabus, konservativer Moral und fehlendem Wissen. «Brechen die unterdrückten sexuellen Bedürfnisse der Pensionäre dann plötzlich auf, sind Betreuende, Pflegebedürftige und ihre eingeweihten Angehörigen oft überfordert», weiss Regula Eugster. Impulsives, sexuell motiviertes Verhalten tritt in vielerlei Gestalt auf. Beispielsweise in der Masturbation, während der Körperpflege oder in der Öffentlichkeit. In verbalen Grenzverletzungen oder gar in körperlicher Aggressivität. Solche Situationen sind peinlich und hinterlassen obendrein meist Ratlosigkeit, weiss Regula Eugster aus eigener Erfahrung. Als ehemalige Pflegefachfrau erlebte sie selbst, vor welche Herausforderungen eine plötzliche Grenzverletzung das Pflegepersonal stellt. Nach ihrem Studium der Sexualpädagogik und der Weiterbildung zur Erwachsenenbildnerin, machte sie sich unter dem Firmennamen «Prozessbegleitungen» selbständig und bietet in

der ganzen Deutschschweiz diverse Kurse und Coachings an für Pflegefachleute, Betreuende, Eltern, Erziehende und speziell für Frauen. Diese beinhalten auch, dass sich die Teilnehmenden mit ihren eigenen Tabus auseinandersetzen. «Denn nur wer seine Bedürfnisse und seine persönliche Einstellung zur Sexualität genau kennt, kann diese anderen Menschen zugestehen und gleichzeitig die eigenen Grenzen bewahren», erklärt die Sexualpädagogin. Die Grazerin Hermine Bleiberger ging in einer Semesterarbeit der Frage nach, wie Alters- und Pflegeheime sich im stark wachsenden Markt in Zukunft mit Qualitätsangeboten positionieren können. Bleiberger stellte fest, dass dies in vielen Altersheimen Sexualität grundsätzlich kein Thema ist respektive die Hausordnung Paare nicht zulässt. So dürfen sich in der Regel nur verheiratete Paare ein Zimmer teilen. Zudem fehlt es in vielen Heimen an Intimsphäre und es besteht immer die Gefahr, dass das Heimpersonal oder Mitbewohner das Zimmer betreten können. Ihr Fazit: Damit Sexualität auch in einem Heim gelebt werden kann, braucht es grundlegende Einrichtungen: Beispielsweise ungestörte Zeiten, Besuchs- und Übernachtungsmöglichkeiten für auswärtige Partner, Doppelbetten und einen von innen abschliessbaren, sicheren Raum. Bei jedem anders Aber sind die sexuellen Bedürfnisse im Alter tatsächlich die selben wie in jungen Jahren? «Um dies zu beantworten, gilt es zunächst

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Impulsives, sexuell motiviertes Verhalten tritt in vielerlei Gestalt auf. Beispielsweise in der Masturbation, während der Körperpflege oder in der Öffentlichkeit. In verbalen Grenzverletzungen oder gar in körperlicher Aggressivität.
einmal festzuhalten, dass sie grundsätzlich individuell sind, unabhängig vom Alter oder Geschlecht», bemerkt Regula Eugster. Die persönlichen sexuellen Bedürfnisse unterstehen einer ganzen Reihe von soziokulturellen, moralischen, medizinischen und biografischen Einflüssen. Angefangen etwa bei der Sexualität der Eltern, was sie diesbezüglich ihren Kindern vorlebten und vermittelten. Oder mit welchen Moralvorstellungen, welcher Kultur und welcher Lebensphilosophie sich jemand identifiziert. Und natürlich prägen auch die eigenen sexuellen Erfahrungen im Laufe eines Lebens. Zudem beeinflussen der allgemeine Gesundheitszustand und die natürlichen Veränderungen im Alter die Bedürfnisse und das Empfinden. Bei älteren Männern beispielsweise baut sich eine Erektion langsamer auf als noch in jungen Jahren. Auch der Samenerguss wird nicht mehr als eine plötzliche Entladung erlebt. Bei den Frauen hingegen trocknen im Alterungsprozess die Schleimhäute der Scheide aus, was zu Schmerzen bei der Penetration führen kann. «Ob diesen medizinischen Veränderungen erhält die Zärtlichkeit und Stimulation im Vorspiel einen grösseren Stellenwert, während der eigentliche Sexualakt an Bedeutung einbüsst», so Eugster. Der Lust selber tut dies aber keinen Abbruch. Und die Erfüllung ist ein Grundrecht des Menschen – auch für Betagte.

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Käufliche Lust in der Gallusstadt
Autor : Michel Balint & Fotograf : T. Siebrecht, Ammann & Siebrecht Fotografen GmbH

Bloss nicht zu lange hinschauen, auch wenn es brennend interessiert, was uns da in neongrün, pink oder in schwarzem Lack entgegenblitzt. Und schon gar nicht stehen bleiben, man könnte ja noch von Geschäftskolleginnen oder -kollegen gesehen, nein, ertappt werden. Und was würde man dann bloss sagen? Beim Flanieren in der City locken Schaufenster verschiedenster Sexshops mit ihrer Auslage. Eine sonderbare, verbotene Anziehung geht von diesen Räumlichkeiten aus, die meist nur schwer einsehbar sind. Gerne würde man von Zeit zu Zeit einen Blick hinter die Fassade dieser Schaufenster wagen. Der Fotograf Tobias Siebrecht von Ammann + Siebrecht Fotografen GmbH begab sich für uns auf eine Reise ins Zentrum kommerzieller Lusthilfen und entdeckte, dass in solchen Fachgeschäften normale Menschen arbeiten, für die der Umgang mit Sextoys und Liebeshilfen alltäglich ist. Menschen wie du und ich, die wir als zwanghaft Wegschauende und stur Vorbeigehende aber kaum jemals kennen lernen. Herausgekommen sind beeindruckende und ausdrucksstarke Portraits von Menschen und Orten, die nur die wenigsten von uns wahrnehmen.

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Focus

die Lustlosigkeit
Lust ist die Vorfreude auf das, was danach kommt. Aber was, wenn danach gar nichts mehr kommt? Dann wird Lust zur Qual – und die Lustlosigkeit zum neuen Glück.
Autor : Stefan Millius

Es lebe

G-STAR

Buddha war im Grunde ein gnadenloser Pragmatiker. Wenn der spätere unfreiwillige Religionsstifter die «Überwindung der Begierde» proklamierte, tat er das nicht aus moralischen Gründen. Er hatte schlicht erkannt: Wer nichts möchte, kann auch nicht enttäuscht sein, wenn er es nicht kriegt. Im Nichtwollen, Nichtbegehren liegt eine Befreiung. Und damit auch in der Lustlosigkeit, denn Lust ist eine gnadenlose Steigerung von Wünschen und Wollen. Zwar gibt es ernsthaft Philosophen, die behaupten, schon die reine Lust an sich – ohne ihre Befriedigung – rege die Sinne positiv an. Kein Wort davon, welchen Schlag vor den Latz diese Sinne danach erleben, wenn die Lust nicht erfüllt wird. Nein, die Wahrheit ist: Lustlosigkeit ist erstrebenswert. Denn wer auf nichts Lust hat, durchlebt eine problemlose Existenz der totalen Wunschlosigkeit, fern von jedem Höhe- und Tiefpunkt, ohne Orgasmen, aber auch ohne sexuelle Frustration, frei von kulinarischen Höhenflügen, dafür zufrieden mit einem trockenen Kanten Brot. Und, Lust auf Lustlosigkeit gekriegt?

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Life

Lust auf persönliche

Veränderung?
Autor : Michel Balint & Bild : Lukas Aebersold

Rund 70 unterschiedliche Coaches bieten in der Stadt St.Gallen ihre Dienstleistung an. Die Fülle der Möglichkeiten reicht von Stressmanagement bis Laufbahnberatung, von Maltherapie bis Mentalcoaching. Doch wer und was steckt eigentlich hinter diesen Dienstleistungen? Wir starten einen Selbstversuch, wählen vier unterschiedliche Coaches aus und besuchen je eine Sitzung.

Der Begriff «Coach» stammt aus dem englischen Sprachgebrauch und bedeutet Kutsche, Lehrer oder Trainer. Aber was ist Coaching überhaupt? Das Hauptziel eines jeden Coachings ist das Ingangsetzen eines Entwicklungsprozesses, was schliesslich eine Verhaltensänderung des Klienten hervorrufen soll. Dieses Ausbrechen aus gewohnten Mustern wird durch Selbstreflexion angestossen und durch neu gewonnene Erkenntnis ausgelöst. Man kann also sagen, ein Coach führt auf den richtigen Lebensweg (Kutsche), gibt notwendige Hinweise (Lehrer) und motiviert immer wieder, Höchstleistungen zu vollbringen (Trainer). Wie diese Theorie nun in der Praxis umgesetzt wird, wollen wir selbst erfahren und besuchen vier St.Galler Coaches. Der Wettkampf wird im Kopf entschieden Daniel Lopar steht bei den Espen als sicherer Wert im Tor. Er scheint sich durch nichts aus der Ruhe bringen zu lassen, selbst wenn einmal nicht alles nach Plan verläuft. Doch wie kann man cool bleiben, während das ganze Stadion tobt? Für Moreno Merenda, der insgesamt fünf Saisons beim FC St.Gallen spielte, ist die Situation ähnlich. Als Stürmer steht er ebenfalls im Fokus der Öffentlichkeit. Die Zuschauer erwarten von ihm Spitzenleistungen und Tore – ohne Wenn und Aber. Beide haben sich für ein Sportcoaching bei Nicole Hengartner entschieden. Genau auf solche Sportler, die mit ihren Leistungen an die Spitze kommen und dort auch bleiben wollen, hat sich Nicole Hengartner spezialisiert. In ihrer Praxis am oberen Graben sucht man vergebens nach einer Couch. Dafür stehen zwei orange-farbene Stühle bereit. Sonst bietet die Praxis vor allem eines: ganz viel Platz. Warum, erfahre ich jedoch erst später. In meinem Fall geht es nicht um Spitzenleistungen und darum, mit Druck umzugehen, sondern um Motiva-

tion und Konstanz beim Fitness-Training. «Bereits als Fitnesstrainerin habe ich erkannt, dass rund 80 Prozent aller Mitglieder gar keine Lust am Training haben. Ich habe mich damals immer wieder gefragt, was denn im Innern dieser Menschen vorgeht. Was da genau Gegensteuer gibt», erklärt Nicole Hengartner. «Wenn ihnen eine konstante Motivation fehlt, befinden Sie sich in einem Muster. Und genau solchen Mustern gehe ich auf den Grund». Situationen also, in denen ein Sportler immer wieder negative Erfahrungen erlebt. Werden diese Muster nicht verlassen, entwickeln sich Blockaden, die dann im Wettkampf Spitzenleistungen verhindern. Im Training befinden sich viele Sportler in einem «Flow», alles gelingt automatisch und ohne Überlegung. Im Wettkampf kann aber aufgrund der Blockade die Leistung nicht voll abgerufen werden. «Der Sportler setzt sich immer mehr unter Druck und findet alleine nicht mehr aus diesem Zustand heraus. Genau hier setzt mein Sportcoaching an», fügt Nicole Hengartner an. Ziel ist es, den Fokus aufzubauen, die negativen Gedanken und den Druck auszublenden. «Besonders wichtig ist, dass Sportler im Wettkampf dieselbe Freude erfahren wie im Training. Denn nur so lassen sich Spitzenleistungen über einen längeren Zeitraum erbringen», erklärt Nicole Hengartner. Platz in der Coachingzone Hier im Sportcoaching ist Lösungsorientierung das prägende Stichwort. «Es ist wichtig, dass ich als Coach nicht wertend bin», betont Nicole Hengartner. Einfach nur Ratschläge bekommt man hier also nicht. Denn: «Es ist viel effektiver, wenn der Klient sein Ziel selbst definiert. Auch die Lösung dorthin soll er im Prozess selbst entwickeln». Mit Hilfe von «Bodenankern» wird mein Problemfeld struktu-

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Nicole Hengartner – Sport- und Wettkampfcoaching –
Nicole Hengartner arbeitet mit dem Ansatz «systemisches Coaching». Dieser setzt bei der Identität und den persönlichen Wertvorstellungen des Sportlers an. Das Ziel des Sportlers ist nur ein Werkzeug, um tiefliegende Werte zu erfüllen. Dabei steht eine ganzheitliche Betrachtungsweise im Zentrum. Es sollen stimmige Veränderungen hervorgerufen werden, die nachhaltig sind. Denn nur wenn ein Sportler langfristig Motivation aus sich selbst gewinnt, kann er Spitzenleistungen erbringen. ... www.nicolehengartner.ch

riert angegangen und in einzelne Elemente unterteilt. Mit gezielten Fragen definieren wir gemeinsam das Ist-Feld. Es erstaunt mich, wie wirkungsvoll die Fragen von Nicole Hengartner sind und wie logisch mir das Muster schliesslich erscheint. Korrelationen und Abhängigkeiten werden jetzt deutlich aufgezeigt. Ich beginne zu verstehen, warum ich mich in diesem Muster bewege. Nun ist mir auch klar, warum in der Praxis soviel freier Raum herrscht – Bodenanker brauchen Platz. Im weiteren Verlauf der Sitzung werde ich Schritt für Schritt in Richtung Zielfeld gecoacht. Es beginnt sich ein Umdenken zu manifestieren. Wir passen mein Zielfeld dieser neuen Denkweise an, was mir letztlich erlauben wird, mein Muster zu durchbrechen. Weitblick und Gedankenkraft Ein sonniger Wintertag. Der Himmel ist stahl-blau. Das Mehrfamilienhaus an der Myrtenstrasse liegt auf der «Krete» von Rotmonten. Die Räumlichkeiten von Pia Clerici-Züger befinden sich in der obersten Etage. In der Praxis herrscht ein äusserst angenehmes, ruhiges Klima mit herrlichem Panoramablick. Ein Ort, der sich vorzüglich eignet, um neue Energie zu tanken. Pia Clerici-Züger strahlt Ruhe aus und es fällt mir leicht, ihr mein Vertrauen zu schenken. «Ich starte jeweils mit einem Erhebungsgespräch, das rund 90 Minuten dauert», erklärt Pia Clerici-Züger. «Das Mentalcoaching ist zielorientiert», betont sie. Das heisst, nach einer Sitzung wissen sowohl Klientin oder Klient als auch Coach, wohin die Reise gehen soll. «So entsteht eine Vision. Daran lässt sich am Ende auch der Erfolg messen», fügt Pia Clerici-Züger hinzu. Basierend auf der Vision, erstellt sie für jede Kundin oder jeden Kunden ein individuelles und aufwändiges Konzept. Es enthält die Vision, zeigt den Weg und hält die Stationen fest. Mentalcoaching geht davon aus, dass

Mentalcoaching geht davon aus, dass jeder Mensch sämtliche Ressourcen bereits in sich trägt, die er im Leben benötigt.
jeder Mensch sämtliche Ressourcen bereits in sich trägt, die er im Leben benötigt. Sie müssen nur entdeckt und genährt werden. Dies geschieht mit der Kraft der Gedanken. Ein Experiment: Stellen Sie sich eine frische, gelbe Zitrone vor. Zerschneiden Sie die Frucht in Gedanken in zwei Hälften, beissen Sie in die eine Hälfte und schlucken Sie das saftige Fruchtfleisch runter – und, welche Reaktionen können Sie bei sich feststellen? Läuft Ihnen das Wasser im Mund zusammen? Haben Sie die Stirn gerunzelt? Dieses Experiment zeigt die Kraft der Gedanken sehr eindrücklich. Häufig wird im Mentalcoaching mit Bildern gearbeitet. Das Gehirn entstressen «In einer Stresssituation reagiert das Hirn wie in Urzeiten. Tritt Bedrohung oder Stress auf, wird nur noch ein kleiner Teil des Hirns verwendet», erläutert Pia Clerici-Züger. Der Mensch soll dadurch all seine Energie für Flucht oder Angriff bereitstellen. Zur Zeit der Höhlenmenschen war dieser Mechanismus durchaus sinnvoll. Doch in der heutigen Zeit kann er uns in Stresssituationen daran

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Pia Clerici-Züger – Mentalcoaching –
In der Praxis von Pia Clerici wird jedem Klienten Wertschätzung vermittelt. Für ihre Arbeit muss sie sich nicht motivieren, denn sie hat im Mentalcoaching ihre Berufung gefunden. Das grösste Geschenk sei es, Menschen aufblühen zu sehen. Die Freude am Beruf zeigt sich bei Frau Clerici auch in ihrer Flexibilität punkto Coachingterminen. Gerne nimmt sie sich auch an Samstagen oder abends Zeit für ihre Arbeit. ... www.mentalcoaching-ostschweiz.ch

Auch Krisen brauchen nicht mehr zu blockieren, sondern lassen neue Entscheidungen zu.
hindern, richtig zu reagieren. Pia Clerici-Züger ist überzeugt, dass «Mentalcoaching hilft, das Gehirn zu «ent-stressen». Es ermöglicht, dass das Hirn in solchen Situationen auch seine restlichen Teile nutzt.» Dies muss aber trainiert werden und funktioniert nicht auf Knopfdruck. Pia Clerici-Züger betont: «Es gibt sehr viele Techniken, die man verwenden kann.» Üblicherweise reichen 8 bis 12 Sitzungen aus, bis man seine Werkzeuge verlässlich anwenden kann – vorausgesetzt man trainiert zwischen den Sitzungen. Dabei reichen bereits 8 bis 10 Minuten pro Tag, um gute Erfolge zu erzielen. Erste positive Reaktionen erfolgen in der Regel sehr schnell. Pia Clerici-Züger zeigt mir ein Instrument, das ich in einer für mich stressigen Situation anwenden kann. Durch Berühren eines bestimmten Bereichs an der Stirn und gleichzeitigem Vorstellen meiner Stresssituation, beginne ich mit meinen geschlossenen Augen zu kreisen. Ich merke, dass die Situation weniger bedrohlich wird und ich mich an die unangenehmen Gedanken gewöhne. Nur diese paar Sekunden und dieses eine Werkzeug zeigen bereits, wie kraftvoll die Selbstsuggestion ist. Denke ich nun an diese Situation zurück, löst sie bereits spürbar weniger Stress in mir aus. Pinsel, Schwamm und Farbroller An der Brühlgasse 39 erwartet mich meine nächste CoachingSitzung bei der Maltherapeutin Bernadette Tischhauser. Die

Wände in ihrer Praxis sind sehr bunt von den vielen Bildern, die hier bereits entstanden sind. Farbtöpfe, Pinsel unterschiedlichster Art, Spachtel, Schwämme und allerlei Utensilien liegen hier etwas chaotisch wie in einem Atelier herum. Zwei bequeme Rattanstühle stehen in der Mitte des Raumes. In der Maltherapie wird über innere Bilder ein Weg zur Heilung gesucht. «Das kreative Gestalten und die dazugehörigen Gespräche fördern den Prozess zu einem inneren Gleichgewicht», erklärt mir Bernadette Tischhauser. Dabei können geträumte, imaginäre oder auch archaische Bilder bewusst werden. Wünsche, Sehnsüchte und Verdrängtes dürfen sich zeigen. Auch Krisen brauchen nicht mehr zu blockieren sondern lassen neue Entscheidungen zu. Ich entscheide mich einfach mal, meine Familie auf irgendeine Weise zu malen. Da ich sowieso gerne kreativ tätig bin, mische ich mir die passenden Farben zurecht und beginne mit einer groben Aufstellung. Danach kommen Schritt für Schritt weitere Farben hinzu. Es macht Spass, einfach mal ohne grossartig nachzudenken, Farbe aufs Papier zu bringen. Irgendwie befreiend. Ich nehme Pinsel, Schwamm und Farbroller, um meine Familie zu porträtieren. Nach und nach entsteht ein Gesamtwerk, in dem ich mich wiederfinde. Bernadette Tischhauser schaut mir gespannt zu und bestärkt mich in meiner Malerei. Ich erkläre ihr, warum ich das Gefühl habe, das Bild müsse genau so aussehen. Auch diese Erklärung hat etwas Befreiendes. Das Bild drückt aus, was ich empfinde. Es gibt Gefühlen eine Form. «Bist du zufrieden, so wie es ist, oder möchtest du noch etwas hinzufügen?», fragt sie mich schliesslich. Es gibt hier kein Richtig oder Falsch, Gut oder Schlecht. Das gemalte Bild soll einzig und allein für die malende Person stimmig sein. Nach dem Malen betrachten wir das entstandene Bild aus der

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Life

Distanz. Wir sprechen über das Erreichte. Ganz kurz erklärt mir Bernadette Tischhauser, wie man in der Therapie weiterarbeiten würde, wenn ich wiederkäme. Am Ende der Sitzung darf ich mein Bild mit nach Hause nehmen. Es ist persönlich, gehaltvoll und sogar selbstgemacht – perfekt für die eigenen vier Wände. Und bei Besuchen erst noch ein interessantes Gesprächsthema. Erkennen eigener Stärken An einem verschneiten Winternachmittag empfängt mich schliesslich der vierte Coach, Jürg Eggenberger. Besonders fällt mir in seinen Räumlichkeiten der imposante, ovale Holztisch auf. Die ganze Praxis ist nach den Erkenntnissen von Feng Shui aufgebaut. Und tatsächlich: Unbewusst fühlt man sich hier auf Anhieb wohl. Vielleicht liegt dies aber auch einfach an meinem Gegenüber. Jürg Eggenberger strahlt Erfahrung und Ruhe aus. Früher war er Sekundarlehrer, danach langjähriger Personalleiter. Einer, der an der Front stand. Vor gut 11 Jahren hat er sich als Coach selbstständig gemacht. Mein Anliegen ist der Einstieg in die Berufswelt – quasi die Vorbereitung auf Bewerbungsgespräche, das Erkennen eigener Stärken und dergleichen. Jürg Eggenberger erklärt mir anhand des «Eisbergmodells», worum es im Coaching genau geht. Bei einem Eisberg im Meer schwimmt ein Grossteil unter der Wasseroberfläche – dies ist hier das Unbewusste. Der sichtbare Teil, der aus dem Wasser ragt, widerspiegelt das Bewusstsein und ist verglichen mit dem gesamten Eisberg verschwindend klein. «Es geht nun darum, durch Reflexion Aspekte aus dem Unbewussten heraufzuholen

Der sichtbare Teil, der aus dem Wasser ragt, widerspiegelt das Bewusstsein und ist verglichen mit dem gesamten Eisberg verschwindend klein.
und dann im Bewusstsein zu verändern, denn Verhalten kann nur im Bewussten zielorientiert verändert werden. Es soll so lange das neue, gewünschte Verhalten «eingeübt» werden, bis ein neuer Automatismus entsteht und dieser sich so im Unterbewusstsein ablagert. So werden gewünschte Veränderungen erreicht», erklärt Jürg Eggenberger das Prinzip. Emotionen ankern Mit treffsicheren Fragen zeigt mir Jürg Eggenberger bei meinem Anliegen, was mich als Arbeitnehmer wertvoll macht – Dinge, an die ich selbst nie gedacht hätte. «Beim Coaching geht es um Lösungsorientierung. Nach einer Reflexion über sich selbst entsteht die Erkenntnis. Beispielsweise wohin man sich beruflich entwickeln will und welche Verhaltensweisen: man sich aneignen möchte. Das Ziel wird klar. Wichtig ist, dass man in diesem Ziel einen Nutzen für sich erkennt – Motivation für die Entwicklungs-

Praxis Bernadette Tischhauser – Maltherapeutin –
Bernadette Tischhauser besitzt einen reichen Erfahrungsschatz. Sie war früher Gemeindeseelsorgerin, arbeitete in der Erwachsenenbildung bei der Caritas, hat vertiefte Ausbildungen in den Bereichen Entwicklungspsychologie, Theologie und Pädagogik. Seit 1999 arbeitet sie als ausgebildet Maltherapeutin in einer eigenen Praxis. Systemisches Aufstellen und Beratung von Paaren gehören ebenfalls zu ihrem Repertoire. Begleitung von Menschen stand immer schon im Zentrum ihres Schaffens. ... www.praxis-tischhauser.ch

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Life

Jürg Eggenberger – Coaching, Beratung & Mediation –
Jürg Eggenberger ist Coach mit Leidenschaft. Er liebt es, Menschen zu begleiten. Besonders faszinierend sind die Momente, wenn sich ein im Unterbewusstsein schlummerndes Potenzial in einem Menschen entfaltet. Er öffnet sich und geht auf wie ein Blume. Das gibt dem Coach die Bestätigung, Erfüllung und Motivation zugleich. Jürg Eggenberger weiss aus langjähriger Erfahrung, dass es nie zu spät ist, Veränderungen anzustossen. Denn jede Veränderung offenbart neue Chancen und Perspektiven. ... www.juerg-eggenberger.ch

arbeit. Die eigenen Verhaltenskonsequenzen sollen nun an diesem Ziel ausgerichtet werden.» In meinem Fall wird das Ziel mit positiven Gefühlen geankert. Ein Gefühl eines erfolgreichen Bewerbungsgesprächs mit Jobangebot. Dieses Gefühl wird mit allen fünf Sinnen erlebt. Durch Wiederholungen wird es allmählich verinnerlicht. So entsteht eine Orientierung. Das Gefühl ist mein Ziel. Ich fühle, höre, rieche, schmecke und sehe es. Und ich erkenne den Nutzen für mich darin. Hat man solche Anker intensiviert, lässt sich das gewünschte Gefühl sehr rasch wieder hervorrufen. Ich gehe gestärkt und freudvoll an die Situation heran und strahle dies auch aus. Am Abend lasse ich das Interview nochmals Revue passieren. Ich bin über-

rascht, dass sich dieses förderliche Gefühl immer noch hervorrufen lässt. Herzblut und Engagement Nach unserem Selbstversuch dürfen wir ein durchwegs positives Fazit ziehen. Die vier besuchten Coachings waren professionell geleitet und jedes auf seine Art hilfreich und wertvoll. Es war äusserst spannend, die unterschiedlichen Facetten des St.Galler CoachingAngebots kennen zu lernen. Auch von den dahinterstehenden Personen sind wir positiv überrascht, sind doch alle mit viel Herzblut, Erfahrung, Know-how und Engagement bei der Sache.

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Life

«Ähm – wie war

das genau?»
Droht unserer Gesellschaft die kollektive Verdummung?

Autor : Roman Spiess, Geschäftsführer + Partner Rembrand AG & Illustration : Mario Romano

Da sitze ich nun in meinem Büro und denke nach. Habe ich angerufen oder nicht? Mein Freund Christoph hatte letzte Woche Geburtstag. Ich erinnere mich zwar an die Erinnerung, die mein iPhone mir lautstark übermittelte. Aber ich erinnere mich nicht daran, ob ich angerufen habe. Habe ich angerufen? Worüber haben wir geredet? War das Gespräch so belanglos? Mein Hirn scheint völlig leer. Dabei hatte ich immer ein präzises Gedächtnis, immer alles im Kopf: Telefonnummern, Geschäftstermine, Geburtstage, Fahrpläne, sogar Kopfrechnen konnte ich blitzschnell. Jetzt erinnere ich mich nicht einmal mehr an ein Gespräch. Liegt es am Alter, am Stress oder leide ich etwa an Demenz? Digitale Demenz – so nennen Wissenschaftler es, wenn das Hirn Outsourcing betreibt. Aufgrund der ständigen Verfügbarkeit von externen Informationsplattformen wie Internet, Handy, GPS & Co. speichert der moderne Mensch nichts mehr auf seinem internen Datenspeicher, dem Gedächtnis. Stattdessen lagert er sämtliches Wissen aus. Zwar wissen insbesondere junge Menschen heute immer öfter, wo sie Antworten auf alle möglichen Fragen finden. Aber zugleich sind sie nicht mehr in der Lage, eigenes Wissen abzurufen, weil ihr interner Gehirnspeicher so gut wie leer ist. Sprich: Der moderne Mensch und insbesondere jüngere Generationen wissen je länger je weniger. Dazu kommt, dass unsere elektronischen Gedächtnisstützen immer mehr Zeit von uns fordern, weil sie uns rund um die Uhr erreichbar machen und zudem mit Unmengen von Informationen zuschütten. Früher wurden im Geschäftsalltag noch Briefe verschickt. Da dauerte es ein paar Tage bis Anfragen, Antworten,

Rückantworten hin und her gingen. Die heutige Geschäftskorrespondenz per E-Mail oder gar SMS verlangt sofortige Beantwortung und zwar oft von mehreren Kunden parallel. Dazu kommt die Verlagerung in die Freizeit. Wir checken auch mittags, abends oder am Wochenende unsere E-Mails. Diese ständige Erreichbarkeit ist mit jeder Menge Stress verbunden. Stress, der nachweislich Nervenzellen zerstört. Und zwar genau dort, wo sie für den Gedächtnisprozess wichtig sind. Wer sich über längere Zeit zu viel Stress aussetzt – was mit den Kommunikationsmitteln unserer modernen Gesellschaft unumgänglich scheint – schwächt seine Merkfähigkeit markant. Und wie retten wir jetzt unsere Gesellschaft vor der kollektiven Verdummung? Werfen wir alle Computer, Tablets, Smartphones weg, stürzen alle Funkmasten? Wie so oft im Leben scheint mir ein Kompromiss die einzig logische Lösung. Wir sollten die elektronischen Geräte, denen wir unsere Wissensarmut zu verdanken haben, als Vorbild nehmen. Nämlich, indem wir unseren internen Speicher bewusst nutzen und externe Datenträgern bei Bedarf zuziehen. Das ermöglicht uns, der digitalen Demenz zu trotzen und unser Wissen sogar zu vermehren. Übrigens: Ich habe meinen Freund tatsächlich angerufen und drei Minuten lang mit ihm gesprochen. Nein, ich habe mich nicht erinnert. Mein iPhone hat den Anruf in der Liste gespeichert. Aber jetzt erinnere ich mich daran, dass ich völlig im Stress und nicht wirklich bei der Sache war. Dabei ist Christoph einer meiner besten Freunde. Ich habe mich gleich mit ihm zum stressfreien Feierabendbier verabredet.

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Eco

Social-ism
Social Media, Social Shopping, Social Innovation, Social Currency, Social Business... Eine soziale Welle überflutet derzeit laufend neue Gebiete. Kaum mehr jemand, der nicht in irgendeinem sozialen Online-Netz Mitglied ist, kaum mehr eine Firma, die dem Trend nicht zumindest nachzurennen versucht. Warum diese Entwicklung jetzt stattfindet, wo sie sich zeigt, wer davon betroffen ist und was uns in Zukunft erwartet, das beschreibt dieser «GDI-Trendradar».
Autorin : Karin Frick, Forschungsleiterin GDI Gottlieb Duttweiler Institut

Der neue

100 Mrd. Dollar, so viel soll Facebook wert sein. Das wichtigste Kapital des Unternehmens: Rund 800 Millionen Mitglieder, jeder «Freund» im weltweit grössten Netzwerk trägt also 125 Dollar bei. Beim Game-Hersteller Zynga zählt ein Spieler immerhin 30 Dollar (sofern die vor dem IPO erwartete Bewertung des Unternehmens mit 7 Mrd. Dollar zutrifft). Egal ob Facebook, Xing oder Twitter, jeder der User macht in irgendeiner Form mit: er tratscht, zockt, teilt. Ohne sie funktioniert kein soziales Netz, das macht sie für die Unternehmen so wertvoll. Social – auch «sozial», obwohl der deutsche Begriff eigentlich etwas anderes meint – social ist offensichtlich nicht bloss irgendein Trend. Social ist, wenn man es richtig macht, eine Goldgrube. Die Goldgräber sind derzeit in Scharen unterwegs. Trotz ungewisser Wirtschaftslage stehen Investoren bei erfolgversprechenden Start-Ups Schlange, sobald das Unternehmen irgendwie social ist. Denn je enger wir miteinander vernetzt sind, desto mehr nimmt unser Konsum soziale Züge an. Als Konsumenten suchen, bewerten, kaufen und handeln wir immer öfter gemeinsam. Dadurch werden soziale Netze zur zentralen Ressource für Informationen, Orientierung und Sicherheit, aber auch für Anerkennung und Erfolg. Social Design Auslöser dieses neuen «Kult des Sozialen» sind nicht politische, religiöse oder sonstwie weltanschauliche Beweggründe. Auslöser ist primär die technologische Entwicklung. Unsere «Tools», von den Gemeinschafts-Plattformen Facebook, Twitter oder Foursquare bis hin zum Online-Spiel World of Warcraft, sind alle social. Denn sie verbinden uns mit anderen Menschen, intensivieren die Kommu-

nikation und vereinfachen die Zusammenarbeit. Wir tauschen uns mit immer mehr Menschen über immer mehr Kanäle aus. «Social Design» heisst die Kunst, Dinge und Dienstleistungen so zu gestalten, dass sie von uns gemeinschaftlich genutzt werden können und uns zum Mitmachen einladen. Was einst mit dem Teilen von Information (in Foren und Blogs) oder von Musik und Fotos (in Peer-toPeer-Netzen wie Napster) begann, das entwickelt sich heute weiter zur Kooperation und Kollaboration. Socio-Pleasure Der Mensch ist ein soziales Wesen und fühlt sich nachweisbar besser, wenn er etwas gemeinsam statt einsam macht. Wir wollen uns miteinander unterhalten, über Wichtiges und über Unwichtiges. Ein bedeutender Teil unserer Kommunikation ist denn auch «Beziehungskommunikation»: Wir kommunizieren nicht, weil wir Informationen suchen, sondern weil wir Zuwendung zeigen oder erhalten wollen – «Socio-Pleasure» nennt das der Harvard-Professor Lionel Tiger. Für ihn ist diese Form des archaischen Fellkraulens zentral in Sozialen Medien und das wichtigste Motiv für eine exzessive Nutzung. Social Capital «Vitamin B» ist fürs berufliche und gesellschaftliche Fortkommen nicht erst heute wichtig. Wer über viele gute Beziehungen verfügt, kommt seit jeher weiter. Früher hing das soziale Kapital vor allem von den familiären Verbindungen ab, einflussreiche Verwandte sicherten den Zugang zu Bildung, Ämtern und neuen Beziehungen. Heute sind es die Freundschaften, die zählen. An die Stelle des

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vor Gutenberg: one to one nach Gutenberg: one to many mit World Wide Web: many to many
Pedro Simko: Chairman: Saachti & Saachti: CH

reichen Onkels von einst tritt der erfolgreiche Bekannte. Freundschaften können wir frei wählen und kontinuierlich ausbauen. Solche Beziehungsnetze sind zunehmend transparent, und ihr Wert wird messbar. Spezialisierte Online-Dienste wie Klout oder Peerindex analysieren unseren Einfluss in den sozialen Netzen. Wer als Opinion Leader eingestuft wird, erhält Zugang zu exklusiven Angeboten, etwa einem kostenlosen brandneuen Mobiltelefon zum Testen oder einer privaten Modeschau. Privilegiert ist hier nicht mehr der umsatzstärkste Kunde, sondern der «sozialste»: derjenige, der am meisten Informationen mit seinen Freunden und Bekannten teilt. Social Consumption Der gemeinsame Konsum, also die geteilte Nutzung etwa von Bohrmaschinen, Autos, Häusern oder Gärten, wird immer häufiger. Zum einen ist es günstiger, einander selten benötigte Dinge auszuleihen. Zum anderen stärkt Tauschen bestehende Beziehungen und eröffnet die Möglichkeit zu neuen. Die wachsende Zahl entsprechender Online-Dienste bestätigt den Trend. Auf den neuen SharingMärkten wird alles geteilt, was geteilt werden kann. Am schnellsten entwickeln sich Car-Sharing-Modelle, bei denen inzwischen auch die grossen Automarken mitmachen: BMW mit DriveNow, Daimler mit car2go, VW mit Quicar. Auch die Vermittlung von Privatunterkünften entwickelt sich rasch. Was mit Luftmatratzen in Studentenwohnungen startete, wurde zu professionellen internationalen Unternehmen wie Airbnb oder Couchsurfing. Seemless Sharing Der Trend zum Teilen wird allgegenwärtig, vom Teilen des Kleiderschranks mit Closet Swap bis zum Teilen der Lebensmittelreste im Kühlschrank auf Lantmannen.se ist derzeit alles möglich. Zur absoluten Perfektion wird das Teilen aber in den Social Networks getrieben. Um zu wachsen, nutzen Facebook, Twitter oder Google+ unsere Lust am Teilen konsequent. Doch wer Zugang zu einer neuen Online-Dienstleistung (Mail-Konto, Speicherplatz, Dokumentbearbeitung) möchte, muss sich mit einem Social-NetworkKonto anmelden. Alles was wir lesen, anschauen, bewerten, hören oder kaufen wird dadurch standardmässig mit unserem Freundeskreis geteilt. So etablieren sich neue Nutzergewohnheiten und führen mit der Zeit zu einer neuen Kultur des Teilens, die sich von Informationen wie Fotos, Texten, Musik und Videos auf physische Produkte überträgt. Im Age of Less wird die kollektive Nutzung

zur Norm und Einzelnutzung die Ausnahme. Aber natürlich ist die Bereitschaft zum Teilen nicht bei jedem und nicht in jeder Situation gleich gross. Gemäss Erfahrung von Tauschdiensten eignen sich jene Dinge am besten, die zwischen 100 und 500 Dollar kosten, leicht transportierbar und unregelmässig im Gebrauch sind. Hier zeichnet sich auch eine neue Rolle für öffentliche Bibliotheken ab. Statt Büchern werden sie in Zukunft vielerlei Alltagsdinge ausleihen und in ihren Räumen Geräte zur Verfügung stellen, die für den einzelnen Nutzer zu gross und zu teuer sind. Die Fayetteville Free Library im Staat New York plant zum Beispiel bereits ein sogenanntes FabLab, in dem man 3D-Gegenstände entwickeln und produzieren kann. SoLoMo «Sozial, lokal, mobil» heisst die neue Formel für Erfolg im Handel. Unser soziales Leben ist hauptsächlich lokal und das Lokale immer auch sozial. «Social feeds local feeds social», sagte Marissa Mayer, «public face» von Google, an der LeWeb Conference 2011 in Paris. Durch die Verbindung von Social Media mit mobilen Geräten und Ortungsdiensten verschmelzen physische und virtuelle Welt. Social Media beherrschen zunehmend den ganzen Kaufprozess vom Marketing bis zum Kundendienst. Und das nicht nur online, sondern auch auf der Strasse und in den Geschäften, wo immer mehr Menschen mit Hilfe ihrer Smartphones navigieren und einkaufen. Alles, was eine Stadt, ein Shopping-Center oder ein einzelner Laden zu bieten hat, kann mittels social-local-mobile-media zugänglich gemacht und dadurch auch kollektiv bewertet werden. In der Folge suchen und entscheiden wir in der physischen Welt zunehmend wie im Internet, nämlich auf der Basis von Empfehlungen, Kommentaren und Tipps von Freunden und Bekannten – eben sozial. SoLoMo stärkt insbesondere Kleinunternehmen und stationäre Anbieter, für die sich ganz neue Möglichkeiten eröffnen, um Kunden zu gewinnen und zu belohnen. Social Business Mit dem Aufstieg der sozialen Netze ist auch die Bedeutung von sozialen Unternehmen und Nonprofit-Organisationen gewachsen. Das bedeutet nicht, dass keine Profite mehr gemacht würden. im Gegenteil. Heute ist Nonprofit das Tor zum neuen Profit. Norbert Bolz, Professor an der TU Berlin, bringt die Formel auf den Punkt: «Ökologische Nachhaltigkeit, also die Versöhnung von Ökonomie und Ökologie, ist die Utopie der äusseren Balance. Soziale Nachhal-

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tigkeit als Versöhnung von Profit und Verantwortung ist die Utopie der inneren Balance.» Sozial und profitabel sind keine Gegensätze mehr, man kann mit Fair Trade heute gute Geschäfte machen. Nachdem die Umsätze bei Fair-Trade-Kaffee, -Bananen und -Baumwolle in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen sind, soll die Idee demnächst auch bei Rohstoffen, insbesondere Gold sowie Metallen für Computerhardware, zum Standard werden. The International Year of Co-operatives «Social» bereitet Lustgewinn, doch wir werden auch sozialer, weil wir uns Selbstsucht und Alleineigentum immer weniger leisten können. Wenn Ressourcen knapper und Leid grösser werden, bleibt uns nur zu teilen, das war schon immer so. Entsprechend hat die Kultur des Teilens eine viel längere Tradition als die Kultur des Egoismus. Aktuelle Umfragen zeigen, dass Gemeinschaftsangebote heute primär aus Kostengründen genutzt werden, das Gemeinschaftserlebnis ist bloss ein angenehmer Nebeneffekt. Der Aufstieg der Sharing-Economy führt nun zu einer Wiederentdeckung der Genossenschafts-Idee, die 2012 auch von den vereinten Nationen breit unterstützt wird. «The International Year of Co-operatives» soll die Bedeutung der Genossenschaft für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung weltweit durch vielfältige Aktionen und Veranstaltungen hervorheben. Social Branding Die Werbe-Ikone Alex Bogusky verfolgt gemeinsam mit seinen Partner Rob Schuham und John Bielenberg die Vision einer radikalen Veränderung der Beziehungen zwischen Menschen und Marken. «Common – The New Industrialists» ist eine soziale Marke, die kleine sozial und ökologisch aktive Unternehmen verwenden können, um ihre Angebote bekannt zu machen und lokale Gemeinschaften zu stärken. Sie will die Kraft von Marken mit dem Können der kleinen, innovativen Produzenten verbinden. Common soll zur Macht der neuen sozialen (politisch und religiös neutralen) Unternehmen werden, die die Welt verbessern. Das Projekt steht ganz am Anfang, erste Beispiele sind ein von Kaffee-Enthusiasten entwickelter Coffee Common und ein Fahrrad aus Bambus namens Common Cycles. Social Objects Beziehungen zwischen Personen werden nicht nur durch die sozialen Netze geschaffen. Die Beziehungen sind auch an die Dinge gebunden, die zwischen Personen ausgetauscht werden, und zwar

Beziehungen zwischen Personen werden nicht nur durch die sozialen Netze geschaffen. Die Beziehungen sind auch an die Dinge gebunden, die zwischen Personen ausgetauscht werden.
auf drei Arten: Erstens ist ein Objekt sozial, wenn es Menschen zur Interaktion, zum Kommentieren und zum Weiterempfehlen anregt – als Medium, über das sich Menschen austauschen oder ein Kultstück, über das Menschen reden. Ein Objekt ist zweitens sozial, wenn es geteilt, getauscht und wiederverwendet wird, so wie ein Kinderbett, das von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird. Und zum Dritten ist ein vernetztes Objekt sozial. Nämlich wenn es mit anderen Objekten kommuniziert, so wie dies bei modernen Autos bereits der Fall ist. Oder wenn es direkt mit uns kommunizieren und gar, wie ein Smart Phone, eine intime Beziehung mit dem Nutzer aufbauen kann. «Ich streichle eine Maschine... zudem ist die Maschine, wenn sie benutzt wird oder wenn ihre Batterien geladen werden auch noch warm – sie simuliert erfolgreich ein diensteifriges Haustier, das nicht nur schnurren und wärmen kann, sondern auch noch als Fenster zur Welt und als Universalwerkzeug zu benutzen ist», schreibt der deutsche Schriftsteller Marcus Hammerschmitt. So wird klar, dass es beim gegenwärtigen Kult des Sozialen um weit mehr geht als um die Frage, ob nun Facebook oder Google+ das Rennen mache. Die beiden Netzwerke sind nur zwei unter einer rasant wachsenden Zahl von Diensten, die unsere seit Ewigkeiten bestehende Freude am Teilen und Mitteilen immer besser bedienen.

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Life

im Linsenbühl
Ein Kaffeehaus als gesellschaftliche und kulturelle Institution, Zeugnis einer Metropole von wirtschaftlicher und kosmopolitischer Bedeutung. So etwas gab es hier schon einmal. Damals, während der Blütezeit der St.Galler Stickerei. Vor rund anderthalb Jahren hat Gallus Hufenus unserer Stadt die Kultur des Kaffeehauses zurückgegeben. Einen urbanen Dialogtempel und eine Kleinkunstbühne, so vielseitig und eigenwillig wie ihr Gründer.
Autorin : Brigitte Järmann & Bild : Urs Anderegg

Belle Époque

Gallus Hufenus ist vieles: Journalist, Radiomoderator und Texter. Stadtführer und Reiseleiter mit chronischem Reisefieber. Spanisch-Lehrer und Dolmetscher. SP-Politiker, Stadtparlamentarier und Gründer des Vereins Pro Villa Wiesental. Freelancer und Firmeninhaber. Intendant und Freigeist. Und vielleicht auch ein bisschen Inneneinrichter. Gallus Hufenus ist aber kein Gastronom. Und doch führt er ein Kaffeehaus, in dem er für seine Gäste den gepflegten Kaffeegenuss zelebriert und die Kultur der historischen Kaffeehäuser von Wien, Paris oder Turin wieder aufleben lässt. Übrigens ein von der UNESCO anerkanntes, immaterielles Welterbe, das Einwanderer aus Europa nach Buenos Aires importierten und dort bis heute überdauert hat. Das Kaffeehaus ist kein Café Hufenus eröffnete sein Kaffeehaus im August 2010 im St.Galler Linsebühl-Quartier. Nicht gerade an bester Lage, um sich bei einer Stadtbesichtigung oder während dem Einkaufsbummel eine Verschnaufpause zu gönnen. Für Laufkundschaft ist das 1898 erbaute, ehemalige Postgebäude an der Linsebühlstrasse 77 kein einfacher Standort. Seine Gäste kehren im Kaffeehaus denn auch weniger aus der Gelegenheit heraus ein. Vielmehr suchen sie es ganz bewusst auf: des Ambientes oder der gepflegten Kaffeekultur wegen, weil sie an einer Veranstaltung teilnehmen möchten oder einfach nur, um dort bei einem guten Buch einen Nachmittag zu verbringen. Gallus Hufenus ist eben kein Wirt und das Kaffeehaus ist kein Café im eigentlichen Sinne. «Ein Gastrobetrieb nach Lehrbuch ist ganz anders konzipiert. Das kulinarische Angebot, das Bestell- und Personalwesen und das ganze Marketing – all das erfordert viel

Planung und noch viel mehr administrativen Aufwand. Das ist mir alles zu kompliziert, dafür bin ich einfach zu spontan», gesteht Hufenus. Und doch funktioniert seine Art der Geschäftsführung. Das hat der umtriebige St.Galler während den eineinhalb Jahren seit der Eröffnung bewiesen. «Ich muss den Gästen einen Grund dafür geben, den Weg in dieses Quartier auf sich zu nehmen», fasst Hufenus seine Kundenakquise zusammen und meint damit gleichzeitig auch die Idee hinter dem Kaffeehaus. Kaffee, der die Sinne berührt Denn Gründe für einen Besuch gibt es zuhauf. Etwa die Auswahl an gutem Kaffee, die mit viel Sorgfalt, Fachwissen und Begeisterung für das Handwerk des Baristas zubereitet werden. Hierzulande noch eine Seltenheit, wo Herr und Frau Schweizer es gewohnt sind, einfach einen «Kafi Crème» zu bestellen. Die meisten interessieren sich nicht die Bohne für die Sorte, den Mahlgrad oder die Kaffeemaschine. So etwas schmerzt Gallus Hufenus. Er betrachtet Kaffee als ein Gesamtkunstwerk, komponiert aus der Kaffeemischung, dem Durchlauf und den weiteren Zutaten. Und natürlich aus der Professionalität des Baristas. «Wenn die Extraktionszeit nicht exakt auf die Art der Zubereitung abgestimmt ist, dann schmeckt der Kaffee schnell sauer oder bitter.» Aus diesem Grund justiert er regelmässig das Mahlwerk. «Ändern sich Klima und Luftfeuchtigkeit, muss der Mahlgrad jeweils entsprechend angepasst werden.» Hufenus weiss eine ganze Menge über Kaffee. Und er teilt sein Wissen gerne mit anderen. Er habe aber auch gelernt zu schweigen, wenn dies angebracht erscheint. «Manche Gäste wollen einfach

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Life

einen Kaffee haben und nicht lange überlegen, welche Bohnenmischung oder welche Art der Zubereitung es denn sein soll», erzählt Hufenus. «Da frag ich dann nicht gross nach.» Sobald jemand aber Interesse signalisiert, kommt Hufenus in Fahrt, winkt den Gast hinter die Theke und zur Kaffeemaschine. Dort zeigt er das Engelshaar – ein hauchdünner, farblich abgegrenzter Strahl im fliessenden Kaffee. Sowohl für den, der ihn trinkt als auch für den, der ihn zubereitet, ist der Kaffee im Kaffeehaus St.Gallen ein Genuss, der alle Sinne berührt. Das Mahlen der Kaffeemühle, das Geräusch, wenn der Wasserdampf die Milch aufschäumt. Der crémige Milchschaum, der beim Trinken einen samtenen Schnauz hinterlässt. Und natürlich der Duft, der durch den ganzen Raum wabert. Eindrücke und Elemente, die sich auch bestens ins Konzept der Entschleunigung einfügen. Denn je mehr von Hand zubereitet wird und je sinnlicher das Erlebnis, desto mehr gibt es zu geniessen. Urbanes Wohnzimmer Es gibt aber noch mehr Gründe für einen Besuch im Kaffeehaus. Denn getreu dem Konzept seiner Vorbilder aus der Zeit der Industrialisierung und des wirtschaftlichen Aufschwungs Europas, ist auch das Kaffeehaus St.Gallen eine gesellschaftliche und kulturelle Institution, die Künstlern eine Bühne, Intellektuellen eine Plattform für Diskussionen, Geschichten ein Gesicht und Schöngeistern einen Ort zum Verweilen bietet. Regelmässig, meistens am Freitagabend, manchmal auch samstags, treten Sänger, Musiker, Schauspieler, Autoren, Tänzer oder andere Kunstschaffende hier auf. Einmal im Monat wird ein Gast mit einer interessanten Geschichte zum Talk geladen, den Gallus Hufenus selbst moderiert. Jeweils am Mittwochnachmittag verwandelt sich das Kaffeehaus in ein Nähatelier, in dem sich hiesige Modeschaffende miteinander vernetzen und Kleider und Accessoirs aus St.Galler Spitzen und Stoffen schneidern. Zwischen 16.00 Uhr bis 18.00 Uhr dürfen die Gäste unter fachkundiger Anleitung mitnähen, in den Klamotten stöbern, anprobieren oder ihr Lieblingsteil kaufen. Und weil das Kaffeehaus auch als ausgelagertes Wohnzimmer der Stadtbevölkerung gedacht ist, gibts eine grosse Auswahl an Bücher und Hörbücher, mit denen man sich dort aufs Sofa fläzen darf. Gemütlich ist es im Kaffeehaus sowieso in jedem Winkel. Die ursprüngliche Innenarchitektur der alten Post, das Mobiliar, das

mehrheitlich aus Brockenhaus-und Estrich-Funden sowie ein paar Neuanschaffungen zusammengewürfelt ist, atmen den Hauch einer vergangenen Epoche und laden die Atmosphäre mit nostalgischem Charme, authentischer Lässigkeit auf. Begeisterung treibt ihn an Doch wie kommt ein Journalist, Radiomoderator, Texter, Stadtführer, Reiseleiter, Spanisch-Lehrer, Dolmetscher, Politiker und Freelancer denn nun auf die Idee, ein Kaffeehaus zu eröffnen? Und das in einem Quartier, dem der anstössige Ruf aus der Zeit des einst florierenden Rotlicht-Viertels und des Prekariats zäh anhaftet? Nun, die erste Frage beantwortet die Persönlichkeit von Gallus Hufenus. Von Natur aus ein Mensch mit unterschiedlich gelagerten Interessen, ist es für ihn undenkbar, sich auf nur eine einzige Sache zu konzentrieren. «Ich habe viele Ideen, Gedanken und Wünsche gleichzeitig und kann mich für alles mögliche begeistern», erzählt Hufenus. «Manche bezeichnen mich deshalb als flatterhaft», schiebt er mit einem Schulterzucken nach. Auch falle es ihm schwer, sich in feste Strukturen einzubinden. Zwar birgt die Selbständigkeit und die Arbeit als Freelancer viele Risiken und bietet wenig langfristige Sicherheit . «Für mich, meinen Lebensstil und in meiner jetzigen Situation aber vollauf genügend», bekräftigt er. Das Kaffeehaus und sein Konzept sind für Gallus Hufenus auch ein Versuch, seine vielseitigen Erfahrungen miteinander zu verbinden. Beim monatlichen Talk etwa erwacht der Radiomoderator in ihm. Ebenso wenn es darum geht, spontan mit den Gästen eine Sammelaktion zu starten, um einen Künstler für einen Auftritt in die Schweiz einfliegen zu lassen. Daneben profitiert er von einem Netzwerk, das er sich als Reiseleiter geknüpft hat. Und im Umgang mit den verschiedensten Menschen aus aller Welt helfen ihm seine Sprachkenntnisse – er beherrscht sechs Sprachen – und seine Arbeit als Sprachlehrer und Dolmetscher. Linsebühl authentisch geblieben Bei der Wahl des Linsebühl-Quartiers spielte zum einen der Pragmatismus eine Rolle: «Als kulturelle und gesellschaftliche Institution mit gepflegtem Kaffee, stehen bei mir das Programm im Vordergrund, nicht der Tagesumsatz», rekapituliert der NichtGastronom mit Wirtepatent. «Ein Mietpreis wie im Stadtzentrum wäre für mich deshalb schlicht nicht tragbar.» Zum anderen passe

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«Ich muss den Gästen einen Grund dafür geben, den Weg in dieses Quartier auf sich zu nehmen», fasst Hufenus seine Kundenakquise zusammen und meint damit gleichzeitig auch die Idee hinter dem Kaffeehaus.
das Linsebühl, seine Geschichte und seine Entwicklung sowieso besser ins Konzept des Kaffeehauses. «Im Zentrum wird stark darauf geachtet, dass die Stadt für Besucher vorzeigetauglich ist und dass gefeiert werden kann», so Hufenus. «Dabei besteht allerdings das Risiko, dass die Innenstadt zu einer Art Ballenberg oder zur Partybühne verkommt.» Das Linsebühl dagegen muss sich nicht profilieren und das urbane Leben ist umso authentischer geblieben. «Die Bewohner sind multikulturell und laufend eröffnen neue, Inhaber geführte Kleingeschäfte mit einzigartigem Angebot», erklärt Hufenus. Trotz aller Begeisterung für das Quartier und pragmatischen Überlegungen – auch der Zufall hatte bei der Standortwahl seine Hand im Spiel: «Als ich nichtsahnend an diesem Haus vorbeilief, weckte das Jugenstil-Fenster meine Neugier. Ich sah hinein und wusste sofort, das ist es. In diesem Raum möchte ich ein Kaffeehaus eröffnen.» Und genau zu der Zeit suchte der Eigentümer einen neuen Mieter dafür. Kurzerhand meldete sich Gallus Hufenus beim Liegenschaftenamt und unterschrieb den Vertrag. «Das war schon sehr spontan und anfangs war ich mir dann nicht mehr so sicher, ob ich mir damit nicht eine zu grosse Verpflichtung aufbürdete», erinnert sich Hufenus. Um den Charakter des Raumes zu erhalten, entschied er sich für eine sanfte Renovation, die er praktisch im Alleingang durchzog. Bei der Einrichtung achtete er darauf, dass das Mobiliar mit der historischen Innenarchitektur korrespondiert und moderne Elemente in ihrer zweckmässigen Nonchalance den Stil auflockern. Dabei entdeckte er ganz nebenbei seine Begeisterung für die Raumgestaltung und Inneneinrichtung. «Ich kann mir sehr gut vorstellen, das einmal beruflich zu machen», verrät Gallus Hufenus. Nun ja, auf einen Job mehr oder weniger kommt es bei seinen eh schon breit gefächerten Engagements sowieso nicht an.

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Was zur sexuellen Harmonie notwendig ist, ist nicht raffinierte Technik, sondern das Vertrauen auf den erotischen Charme des Augenblicks, eine wechselseitige Freigiebigkeit von Körper und Seele.
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Pflege und Verführung

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«Er betört Deine Sinne, macht süchtig, raubt Dir den Verstand. Er verändert sich, sobald Du an ihr riechst, sie berührst. Er wirkt wie eine Droge, zieht Dich in ihrem Bann. Du verfällst ihm wirst ihn nie wieder los. Denn: Der Duft der Rose liegt in meinem Schoss.» (unbekannt)
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Life

Die Waldkinder

in St.Gallen
Autorin : Brigitte Järmann & Bilder : Stefan Grob

Bewegungsdrang, Neugierde für ihr Umfeld und die Fähigkeit, auch bei widrigen Umständen selbstvergessen einer Beschäftigung nachzugehen, liegen in der Natur der Kinder. Der Verein Waldkinder St.Gallen unterstützt sie dabei, diese zu erhalten und vermittelt ihnen dabei scheinbar ganz nebenbei hohe soziale und schulische Kompetenzen. Bei unserem Besuch in der Basisstufe wollten wir herausfinden, was das konkret bedeutet.

Morgens um halb neun, eingangs Hagenbuchwald in der Notkersegg oberhalb von St.Gallen. Eigentlich ein ganz normaler Mittwoch. Nicht aber für mich. Denn normalerweise verbringe ich meinen Arbeitstag nicht dick verpackt und verschnürt mit sieben Lagen Thermo-Winter-Skibekleidung mitten im Wald. Und selbst für einen Februartag ist es ungewöhnlich kalt: Das Thermometer zeigt gerade mal 15 Grad minus. Doch für die Kinder, die hier nach und nach eintreffen, ist es ein ganz normaler Mittwoch. Die Eltern nehmen noch schnell die letzten Handgriffe an der Bekleidung ihrer Sprösslinge vor, ehe diese losstürmen, rein in den Wald und schnurstracks bis zur Weggabelung, wo der Morgenkreis offiziell den Tag eröffnet. Dort hängen sie adrett ihre Rücksäcke an das Holzgeländer und stellen sich im Kreis auf. Auch wir, die Hospitations-Gäste des heutigen Schultages, reihen uns ein und werden sofort von eifrigen Kinderhänden abgezählt –

mal linksherum, dann rechtsherum, dann nochmals von links. Denn als erstes muss natürlich die Frage nach der Teilnehmerzahl geklärt sein – insgesamt und getrennt nach allen möglichen Kriterien wie Kinder, Erwachsene, Lehrkräfte, Besucher, Anwesende und Abwesende. Erst danach singt die ganze Morgenrunde; das Lied über den Eiskobold «Zapfenmocken» und den Waldkinder-Boogie. Dazu wackeln alle mit den Hüften, wedeln mit den Armen, bis 27 kleine, dick vermummte Kinderkörper vor Lachen beben. Das einzige, was jetzt noch friert, sind meine Zehen. Schulmodell mit viel Flexibilität Die Waldbasisstufe des Vereins Waldkinder St.Gallen bietet Kindern im Alter von vier bis neun Jahren ein Stufen übergreifendes Lernumfeld, das ganz auf die Bedürfnisse und Möglichkeiten des Einzelnen abgestimmt ist. Die Basisstufe umfasst Kindergarten sowie erste

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und zweite Klasse, wobei das Alter des Kindes für die Lernstufe eine sekundäre Rolle spielt. Entscheidender sind der Entwicklungsstand, die kognitiven Fähigkeiten und die sozialen Kompetenzen. Je nachdem erfolgt der Übertritt von der Waldbasisstufe in die dritte Klasse der Regelschule nach drei, vier oder fünf Jahren. Während dieser Zeit verbringen die Kinder ihre Kindergarten und Schulzeit hauptsächlich im Wald, wo sie Tag für Tag und das ganze Jahr über in der Natur lernen, spielen und sich in einer altersdurchmischten Gruppe erleben. Individuelles Lernen, eine Kombination von unstrukturiertem Lernmaterial und Schulbüchern des kantonalen Lehrmittelverlages sowie die Naturpädagogik, sind die Grundpfeiler der Waldpädagogen der Basisstufe. Zudem betreibt der Verein einen Waldkindergarten in Riethüsli / St.Georgen sowie Waldspielgruppen in Notkersegg, Riethüsli / St.Georgen und Rotmonten. Der Schultag, der Unterricht und die pädagogische Arbeit in der Waldbasisstufe werden in jeder Hinsicht von der Natur und ihren Zyklen bestimmt. Das heisst, die Kinder lernen über alle ihre Sinne anhand ihrer aktuellen Umgebung. Die Waldlehrkräfte wiederum unterstreichen die Sinneseindrücke der Natur auf eine spielerische, gestalterische, märchenhafte oder musische Weise. Erleben und lernen Nach dem Morgenkreis trennen sich die einzelnen Schulstufen in ihre Klassen auf. Die Vorschüler schnappen sich ihre Rucksäcke,

Der Wald und das pädagogische Konzept der Waldbasisstufe bieten die optimalen Voraussetzungen dafür, dass die Kinder ihren natürlichen Bewegungsdrang ausleben können.
stapfen den Waldweg entlang und flitzen einige Meter weiter vorne auf ihrem Schlittenteller einen tief verschneiten Hang hinunter, direkt in den Open-Air-Kindergarten. Heute beginnt der Kindergärtner Pascal Kübli mit einem improvisierten Puppentheater, das die schwierige Nahrungssuche der Vögel ob der seit Wochen kompakten Schneedecke thematisiert.

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«Habt ihr eine Idee, wie wir den Vögeln helfen können?», beendet Kübli seine kleine Matinée. Eine Zeitlang wird engagiert debattiert, diskutiert und beraten. Danach wechseln die Kinder zur Feuerstelle, welche die Praktikantin Valerie Umbricht inzwischen zum lodern gebracht hat. Unter den gebannten Blicken der Kinder schmilzt der Wald-Kindergärtner Fett in einer Pfanne und mischt vorsichtig Vogelkörner darunter. Bis die Masse etwas abgekühlt ist, suchen sich die Kinder je einen der vorbereiteten Tannenzapfen aus. Dann befüllen sie von Hand die weit aufgefächerten Kammern der Zapfen mit dem noch warmen, weichen Vogelfutter. Eine willkommene Aufgabe für kalte Hände und eine zu der Zeit bitternötige Nahrungsquelle für die hungrigen Vögel im Hagenbuchwald. Spielend von Stufe zu Stufe Derweil brüten die Wald-Zweitklässler über ihren Schreibübungen. Als Klassenzimmer dient ihnen ein ausrangierter Bauwagen, in dem im Winter ein Ofen die Raumtemperatur erwärmt. Nicht viel, aber ausreichend für die Feinmotorik, die für eine saubere Schnürlischrift erforderlich ist. «Die Feinmotorik ist aber nicht nur von der Temperatur abhängig, sondern in erster Linie von einer gesunden Grobmotorik, aus der sie sich schliesslich entwickelt», erklärt Regula Borrer, Geschäftsleiterin des Vereins Waldkinder St.Gallen. Und die Grobmotorik kommt bei den Waldkindern garantiert nicht zu kurz. Der Wald und das pädagogische Konzept der Waldbasisstufe bieten die optimalen Vo-

raussetzungen dafür, dass die Kinder ihren natürlichen Bewegungsdrang ausleben können. Das freie Spielen ist im Stundenplan denn auch gleichwertig mit den Unterrichtseinheiten verankert. Unter dem Strich bleibt den Waldkinder damit zwar weniger Zeit für den Formalunterricht als den Schülerinnen und Schülern an den Regelschulen. Trotzdem haben sie offenbar keine Mühe damit, am Ende des Schuljahres die Ziele des kantonalen Lehrplans zu erreichen. Aber wie ist das möglich? Eine Antwort liefert die Hirnforschung. «Der häufige Wechsel zwischen willkürlicher Fokussierung (= konzentriertes, systematisches Lernen) und unwillkürlicher Fokussierung (= freies Spielen) hilft bei der Verarbeitung des Gelernten und speichert es nachhaltig im Gedächtnis ab», erklärt Regula Borrer. Diese These stützt auch die Erfahrung. «Die Basisstufe des Vereins Waldkinder St.Gallen wurde 2001 als Pilotprojekt des Kantons St.Gallen gegründet. Seither hat sich gezeigt, dass die Schulnoten ehemaliger Waldkinder mit dem Klassendurchschnitt an der Volksschule locker mithalten können», fügt Borrer hinzu. Der Wechsel von der Basisstufe in die dritte Klasse einer öffentlichen oder privaten Schule vollzieht sich meistens problemlos. «Einzig am Anfang ist es für viele schwierig, sich in eine neue, bereits bestehende Klassengruppe zu integrieren. Doch die sozialen Kompetenzen sind nach der Basisstufe bereits sehr weit gefestigt. Das hilft den Kindern dabei, sich schnell in ihren neuen Klassenverband einzufügen.»

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geben ihnen dabei Halt und unterteilen den Tagesablauf mit festen Ritualen, halten sich ansonsten aber beobachtend im Hintergrund und tragen noch keine Erwartungen an Sachkenntnisse an die Kinder heran. Haben die Eleven erst einmal ihre Berührungsängste verloren, erwacht die Neugierde von alleine. Dann fangen sie damit an, die Natur zu entdecken und lernen die Tiere und Pflanzen in ihr kennen. Schliesslich nehmen sie sich selbst als ein Teil der Umwelt wahr, interagieren mit ihr und erkennen ihre eigenen Möglichkeiten und Grenzen. Der Wald ist vom Winter verzaubert. Die Schneedecke knirscht unter den Füssen, hie und da stiebt puderiger Schnee von den Ästen und reflektiert die Sonnenstrahlen, die zaghaft den Hochnebel durchbrechen. Hollywood hätte einen Wintertag kaum stimmiger inszeniert. Derweil toben die Kinder durch den Wald, rutschen auf ihren Schlittentellern den Hang hinunter oder stopfen im Waldsofa, einer von Eltern gebauten Rundhütte, die letzten Überreste der Znünipause in ihre Rucksäcke. Die Primarlehrerin Anita Simmler hat sich bereits die Flöte geschnappt und gibt den Kindern nun das Signal für den Schlusskreis. Und so endet der Tag im Wald wie er begonnen hat. Nur, dass die Backen der Kinder etwas geröteter sind als noch am frühen Morgen.

«Einige Kinder fürchten sich am Anfang vor der unstrukturierten Umgebung im Wald.»
Herantasten an die Natur Das Fundament, auf das die Naturpädagogik aufbaut, ist die erste, spielerische und sinnliche Begegnung mit der Natur. «Einige Kinder fürchten sich am Anfang vor der unstrukturierten Umgebung im Wald. Manchmal lösen auch mit Erde verschmierte Hände Ängste aus», weiss Regula Borrer. In der Anfangsphase haben die Kinder ausreichend Gelegenheit, ihre ersten Erfahrungen mit der Natur und in der Gruppe zu sammeln und ein Gefühl von Vertrautheit zu entwickeln. Die Pädagogen

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Cult

Die Geschichte der

Villa Wiesental
Die Villa Wiesental wurde um 1880 für einen weitgereisten Textilkaufmann erbaut: Konrad Menet-Tanner. Gallus Hufenus versuchte, seinen Spuren zu folgen. Bis zum Redaktionsschluss fand er noch wenig, dafür erlebte er umso mehr.
Autor : Gallus Hufenus & Bild : Gallus Hufenus + Mario Baronchelli

Ein wenig vom Duft der weiten Welt liegt im Park der Villa Wiesental in der Luft. Der sehnsüchtige Blick auf die Geleise. Vom Bahnhof schwappt die Ansage der Einfahrt des Schnellzugs nach München hinüber. Doch während der Stickereihochblüte zu Beginn des 20. Jahrhunderts soll es gar Verbindungen nach Paris gegeben haben St. Gallen wurde als Vorort New Yorks bezeichnet. Heute verhallt der Ton der Lautsprecherstimme. So wie die Fassade der Villa Wiesental bröckelt, ist auch in der Stadt nicht mehr viel von Weltmetropolen zu spüren. Ausser, dass von hier die Reise nach Buenos Aires und Montevideo führt. Welch klangvolle Namen! Dorthin war der damalige Hausherr, Konrad Menet-Tanner, um 1859 ausgewandert. Bis 1861 blieb er als Kaufmann in Buenos Aires. Stadt der Gefühle Ankunft: Gigantisch breitet sich das Häusermeer aus am Río del Plata, dem Fluss, der wohl breiter sein muss als der Bodensee lang ist. Durchquert wird die Metropole von der Avendia 9 de Julio, die mit über 140 Metern in den Augen der Porteños die breiteste Strasse der Welt ist. Und die Rivadavia sei übrigens die längste Stadtstrasse des Planeten. Die Stadt denkt in Superlativen und Extremen. Hier wohnen Italiener, die Spanisch sprechen. Der Alltag wird inszeniert, das Chaos scheint leidenschaftlich, die Busse donnern pfeifend durch die Arterien. In einem Schachbrett ohne rationale Erklärungen. So, dass man sich fallen lassen muss, hingeben, schmachten vor Sehnsucht wie beim Tango. Mitfühlen mit den Menschen, die ständig ihre europäischen Wurzeln suchen, heimatlos und doch stolz. Gebeutelt von der Vergangenheit und voller Hoffnung und Zuversicht. Stundenlang kann man durch die

Strassen streifen, vorbei an stolzen und üppigen Palästen der Belle Époque, die allerdings barsch von unzähligen seelenlosen, mies gebauten Zementtürmen zerquetscht werden. Doch die wahren Geschichtenbiotope findet der Besucher in den Cafés, bei einem Cortado oder einer poetischen Lágrima – einer Träne Kaffee – und Medialunas. Hier sieht das Universum anders aus. Die europäischen Einwanderer importierten die Kaffeehauskultur mit ihren Literaten, Freigeistern und Revolutionären nach Buenos Aires, in die Stadt mit der wohl höchsten Dichte an Psychologen pro Einwohner. Einige der Institutionen, als seien sie lebendige Bilder Van Goghs, gelten sogar als schützenswertes Kulturgut der Stadt. Schweiz Lateinamerikas Wie muss sich der Textilkaufmann, der 1836 im kleinen Gais geboren wurde, gefühlt haben, inmitten dieser Weite und Grosszügigkeit? Schliesslich übersiedelte er 1861 nach Montevideo, wo er 1869 die Textilhandelsfirma Menet & Cie. gründete. Die Reise dorthin dauert heute mit dem Schiff drei Stunden. Die Stadt scheint irgendetwas mit Lissabon gemeinsam zu haben. Eine Schwere liegt in der Luft, die Sehnsucht nach einer blühenderen Zeit, die verblasst ist. Hier geht die Suche nach den Spuren Menets weiter, der St.Gallen so viel internationalen Touch verleiht. Im neunten Stock des furchteinflössenden Stadthauses, im Kulturministerium, ist man begeistert über den Besuch aus der Ostschweiz, über gemeinsames Kulturgut – die Villa wird grosszügig als uruguayisches Denkmal adoptiert. Relevante Dokumente findet niemand. Dafür wird der Suizo mindestens fünf Responsables vorgestellt, die

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Cult

Noch heute atmet hier der Geist der Boheme der Stadt. Die Besitzer öffnen stolz das uralte Gästebuch, der Name Menet ist zu finden. Mehr leider nicht.
wissen möchten, ob militärdienstpflichtige Männer bei uns tatsächlich ihre Waffen zu Hause liegen hätten. Ob es wirklich sieben Präsidenten gebe. Denn Uruguay werde als die Schweiz Lateinamerikas bezeichnet, weil von 1952 bis 1967 eine Exekutivgewalt aus neun Mitgliedern, dem Consejo Nacional de Gobierno, funktionierte. Doch eine grausame Militärdiktatur, die fast 12 Jahre lang dauerte, beendete Mitte der 1970er Jahre eine der stabilsten Demokratien Südamerikas. Doch lieber spricht der «Responsable de la Unidad de Patrimonio» über den 1862 gegründeten Ort «Nueva Helvecia». Hier liessen sich Schweizer aus den Kantonen Bern, St.Gallen, Appenzell und Luzern nieder. Die dortigen Einwohner würden heute fein säuberlich den Abfall trennen. Dort betreute übrigens «unser» Menet als Konsul von 1870-80 die zahlreichen Landsleute. Daraufhin kehrte er nach St.Gallen zurück, wo er seine Firma in der Schweiz und Europa vertrat und von 1884-98 als Bezirksrichter in St.Gallen und 1899-1912 als Präsident der St.Galler Kantonalbank waltete. Doch auch im Stadtarchiv von Montevideo findet man kaum etwas über Menet. Dafür kann man die Geschichte eines St.Galler Metzgers nachlesen, der über das angenehme Klima seiner neuen Heimat schwärmt. Dass man freundlich empfangen wurde und ohne Vorurteile, ohne die Belastungen der Vergangenheit ein neues Leben beginnen könne. Vieles sei hier möglich. Trotzdem solle man ihm Kleider und Haushaltsgegenstände aus der alten Heimat schicken. Hier sei alles sündhaft teuer. Immerhin: Die Archivarin erzählt, die Kaufherren aus Europa hätten sich gerne im Café Brasilero, das 1877 von den Herren Correa & Pimentel gegründet wurde, getroffen. Noch heute atmet hier der Geist der Boheme der Stadt. Die Besitzer öffnen stolz das uralte Gästebuch, der Name Menet ist zu finden. Mehr leider nicht. Doch

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@ Mario Baronchelli

für einen Moment scheinen Augenblicke in diesem freundlichen Café ewig zu dauern. Ein Stück Heimat gefunden Vielleicht hat Menet vor seiner Heimkehr nach Europa hier Nachkommen hinterlassen? Eine letzte Nachforschung, wieder in Buenos Aires: Im nationalen Telefonbuch findet sich eine Familie Menet aus Rosario. Sie seien die einzigen Menets in ganz Lateinamerika, erklärt am Telefon Adrián Menet. Die Stimme des 34-Jährigen beginnt zu zittern. Er versuche schon seit Jahren Kontakte in der Schweiz zu knüpfen – bisher ohne Erfolg. Doch seine Vorfahren seien aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Österreich gekommen. Die Busreise von Buenos Aires nach Rosario dauert hin und zurück acht Stunden. Für argentinische Verhältnisse ein Katzen-

sprung. Adrián versucht sein Rosario dem «wichtigen» Besuch im besten Licht zu zeigen. Er präsentiert stolz Gebäude aus der Jahrhundertwende, die ein wenig «Villa Wiesental» seien, sowie den alten Bahnhof. Zuhause kramt er nach Postkarten seines Grossvaters. Viele stammen tatsächlich aus der Region St.Gallen. Doch ob sein Grossvater und Urgrossvater mit Konrad MenetTanner verwandt sind, zeigt sich erst in den nächsten Monaten. Adrián Menet versucht alle Vornamen seiner Vorfahren herauszufinden. Dann sehen wir weiter. Der Zufall wäre zu schön, um wahr zu sein. Doch der Argentinier ist so oder so überglücklich. Er habe dank des unerwarteten Besuchs aus St. Gallen ein Stück Heimat gefunden. Egal wie die Geschichte endet, Argentinien hat gelehrt: Es geht nicht ums Erledigen sondern ums Erleben - Eine Reise voller Bekanntschaften, die im verlassenen Garten der Villa Wiesental ihren Anfang nahm.

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Autorin : Brigitte Järmann Bild : Peter Muster

Cult

reloaded
Es ist Freitag, ein schneereicher Winterabend. Durch die Dunkelheit machen wir uns auf den Weg nach Trogen AR. Unser Ziel ist die Grubenmannkirche. Weit ab von Stadttreiben und Ausgangsstimmung findet hier ein Konzert statt, das so anders ist, als alles uns Geläufige. Das Besondere an diesem Anlass: Es wird ein kurzes, aber höchst aufwändiges Musikstück aufgeführt, das seine Uraufführung fast auf den Tag genau vor 287 Jahren in Leipzig feierte.
Autor : Michel Balint & Bild : Hanspeter Schiess

Bach

Durch die klirrend kalte Nacht schreiten wir zur hell erleuchteten Kirche und öffnen die schwere Pforte. Plötzlich finden wir uns in einer anderen Welt. In der Kirche sitzt eine grosse Menschenmenge erwartungsvoll auf den Holzbänken. Es ist ein leises Flüstern unter den zahlreichen Besuchenden zu vernehmen. Versteckt aber dennoch auffällig steht überall Ton- und Videoaufnahmetechnik, Herren in eleganten Anzügen weisen uns freundlich an unseren Platz in der vordersten Reihe. Stille. Dann, einen Moment später, die Pforten öffnen sich und unter warmem Applaus schreiten zwei adrett gekleidete Herren herein. Wir vernehmen aus dem Abendprogramm, dass dies wohl der Dirigent, Rudolf Lutz, und der Theologe, Karl Graf, sein müssen. Wieder wird es still. Musik erklingt. Zu unserem Erstaunen – wir waren ja noch nie an einem solchen Workshop – singen zu Beginn auch die Besucherinnen und Besucher den ersten Satz der Kantate zusammen mit dem Dirigenten. Umgeben von barockwirkenden Instrumenten stehen Rudolf Lutz und Karl Graf auf der Bühne und beginnen mit dem Einführungsworkshop. Wir erfahren spannende Hintergrundinformationen zum Stück des Abends. Es trägt den Titel «BWV 111» oder etwas verständlicher, die Bach-Kantate, «Was mein Gott will, das g'scheh allzeit». Die Kantate behandelt die Ergebung in den Willen Gottes. Lutz führt uns in die musikalischen Finessen ein während Graf zeigt, wie das Werk liturgisch und geschichtlich einzuordnen ist. Dabei werden einzelne Passagen sehr ausführlich erklärt und auch einige instrumentarische Feinheiten erläutert. Einerseits erstaunt uns, welche Botschaften die Inszenierung der Musik zu transportieren vermag. Andererseits sind wir beeindruckt, welch detailreiches Fachwissen Lutz und Graf auf humorvolle und eloquente Weise vermitteln.

Nach dem Workshop schreiten wir wieder durch die Kälte zur benachbarten Krone. Dort lädt ein Imbiss zum Verweilen und Fachsimpeln ein. Pünktlich um 19 Uhr beginnt schliesslich die erste vollständige Vorführung der Bach-Kantate. Der Chor, das Orchester und die Gesangssolistinnen und -solisten schenken den Zuhörenden eine Inszenierung höchster Güte und ernten herzlichen Applaus. Nachdem Instrumente, Gesang und Beifall verklingen, betritt ein charismatischer Herr die Bühne und reflektiert das soeben gehörte Werk. Es ist der deutsche Rechtswissenschaftler Bernd Rüthers. Er präsentiert den Zuhörenden den Verfasser der ersten drei Kantaten-Strophen, Albrecht von Preussen. Dieser führte die Reformation in Preussen ein. Rüthers erzählt vom Leben Albrechts und bringt die Kantate so dem Publikum näher. Rüthers' rhetorische Fähigkeiten und sein angenehmer, humorvoller Vortragsstil danken die Anwesenden am Schluss des Abends mit einem besonders kräftigen Beifall. Bei der zweiten Inszenierung des Stücks sind nun alle Sinne der Zuhörenden geschärft und mit Hintergrundwissen angereichert. Die Reflexion Rüthers lässt die Kantate in einem anderen Fokus erscheinen. Es ist hochinteressant, wie facettenreich eine Bach-Kantate aufgebaut ist und, mit welchem Detailreichtum diese vom Thomaskantor komponiert wurde. Besonders beeindruckend ist das geballte musikalische und theologische Wissen um Bach und seine Stücke. Kaum einer würde erwarten, dass derart kulturell Hochstehendes in einer kleinen Kirche in der unscheinbaren Gemeinde Trogen geboten wird. Zufrieden verlassen wir die Grubenmannkirche und begeben uns zurück in die nächtliche Kälte auf den Nachhauseweg. Unweigerlich hat uns dieser Abend

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jedoch nicht alle überliefert wurden. Der gläubige Lutheraner Bach sah den Sinn seiner Musik in der Ehrung Gottes und der «Recreation» des Gemüts. Seine Musik gilt heute als Gipfel lutheranischer Kirchenmusik und steht für den musikalischen Ausdruck der Reformation. Voraussetzung lutherischer Kirchenmusik ist ein sehr umfangreicher Aufführungsapparat. Bach bot sich in Leipzig die Möglichkeit, einen solchen zu nutzen. In der heutigen Zeit wäre so etwas viel zu aufwändig und vor allem viel zu teuer für die paar Minuten Kirchenmusik. Dies war bis zur Gründung der J. S. BachStiftung jedenfalls die vorherrschende Meinung. Seit dem Jahr 2006 wird in Trogen jeden Monat eine BachKantate aufgeführt. Wenn pro Monat ein einziges Stück von Bachs Vokalwerk aufgeführt wird, dürfte das Projekt unfassbare 25 Jahre dauern. Dieses Vorhaben steht unter der musikalischen Leitung von Rudolf Lutz und unter der Organisation von Stiftungsratspräsident Konrad Hummler. Die Konzerte werden jeweils bildlich und tonal festgehalten, um sie später auf DVD und CD anzubieten. Speziell ist, dass jeder Konzertabend mit einer Einführung beginnt. Danach folgt die Kantate, eine Reflexion darüber und die erneute Aufführung des Stücks. Seit den ersten Konzerten im Jahr 2006 wurden bereits über 50 Kantaten zur Aufführung gebracht. Bach 2.0 Als interessanter Kontrast zur barocken Kirchenmusik Bachs zeigt sich die Vermarktung durch die J. S. Bach-Stiftung. Im vergangenen Jahr konnte das Engagement der Stiftung im Bereich sozialer Medien einen Preis einheimsen. Der dritte Platz bei der Publikumswahl des ersten Schweizer Social Media Awards 2011 zeugt davon, dass hier offensichtlich einiges richtig gemacht wird. Voraussetzung für die Teilnahme am Award waren ein crossmedialer Aufbau der Kampagne, ein klarer Fokus auf den Bereich Social Media sowie die Bedienung mindestens dreier Medien. Die J. S. Bach-Stiftung ist seit Ende 2009 auf Facebook, Twitter und YouTube vertreten. Besonders beliebt sind die zahlreichen Videos im letztgenannten Kanal. Auf Facebook hat die Anzahl Fans bereits die Zehntausendermarke überschritten. Auf dem Videoportal YouTube sind bereits über zweieinhalbtausend Abonnenten registriert und mehr als 50 Videos aufgeschaltet. Sogar auf Google+ ist die J. S. Bach-Stiftung vertreten, auch wenn diese Plattform noch in den Kinderschuhen steckt. Wer steckt hinter diesem medialen Auftritt und wie wird ein solcher überhaupt gestaltet? Warum hat genau diese Kampagne einen Preis erhalten? Diese und weitere Fragen konnten wir den Machern persönlich stellen. Internationale Vernetzung mit Herzblut Daniel Knus ist bei der J. S. Bach-Stiftung zuständig für Social Media und zieht hinter den virtuellen Kulissen die Fäden. «Die Social-Media-Strategie der J. S. Bach-Stiftung stellt den Dialog mit den Fans und Followern auf Augenhöhe ins Zentrum», erklärt Daniel Knus. Er betont, dass es essenziell sei, «diese Beziehungen zur virtuellen Community zu pflegen, zuzuhören und sensibel zu sein für die Anliegen und Wünsche dieser Menschen.» Die Bekanntheit der J. S. Bach-Stiftung soll weiter wachsen, auch wenn sie bereits

neugierig gemacht. Wer initiiert diese Kantatenabende? Was steckt dahinter und warum macht man sich einen derart grossen Aufwand mit Bild und Ton? Ein gewaltiges Projekt Die Antwort finden wir in Form der J. S. Bach-Stiftung. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, das gesamte Vokalwerk von Johann Sebastian Bach (1685–1750) aufzuführen. Dieses Werk besteht hauptsächlich aus sogenannten Kantaten. Davon existieren heute noch rund 200 Stück. Kantaten sind mehrsätzige musikalische Werke aus der Barockzeit. In der Regel ist eine Kantate für ein Orchester, einen Chor und diverse Gesangssolisten instrumentiert. Daneben umfasst Bachs Werk noch sechs Motetten, diverse Messsätze, Passionen, Oratorien sowie die h-Moll-Messe. Kirchenkantaten wurden von Bach speziell für die sonntägliche Messe komponiert, während weltliche Kantaten für Anlässe des Adels, Hofs und Bürgertums geschrieben wurden. In Leipzig war Bach als Thomaskantor angestellt. Dort verpflichtete er sich, Sonntag für Sonntag eine Kantate für den Gottesdienst vorzubereiten. In seiner Leipziger Zeit (1723–1750) soll die unglaubliche Zahl von 300 Kantaten entstanden sein, wovon

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eine ansehnliche Höhe erreicht hat. Die Positionierung der Stiftung ist einfach anders und, das macht wohl auch einen Teil des Erfolgs aus: «Durch das edukative Konzept mit Einführungsworkshop und Reflexion wird eine Einzigartigkeit erreicht, die auch international viel Beachtung und Anerkennung findet. Dabei spielt auch der Faktor Qualität eine entscheidende Rolle», erklärt uns Daniel Knus. Wichtig sei auch, dass die Social-Media-Strategie kontinuierlich angepasst und weiterentwickelt werde. So wird beispielsweise das internationale Publikum in deutscher und englischer Sprache bedient, weil dieses Bedürfnis vorhanden ist und immer stärker wachse. Die von der Stiftung anfänglich definierte Zielsetzung, junge Menschen über soziale Medien zu erreichen, wurde klar erreicht. Dass die Bekanntheit der Stiftung derart schnell wuchs und sich sogar auf ältere Generationen und eine internationale Ebene ausdehnte, überraschte das Team der J. S. Bach-Stiftung dennoch. Besonders freudig nehme man zur Kenntnis, dass auch die ältere Generation über die neuen Medien erreicht werde. Das Durchschnittsalter der Facebook-User liege üblicherweise bei rund 30 Jahren. Die Fans und Follower der Bach-Stiftung fänden sich im Bereich zwischen 40 und 50 Jahren. «Es ist sehr schön zu beobachten, dass die Online-Community mit den Leuten vor Ort verschmilzt und man virtuelle Fans auch an den Konzertabenden begrüssen darf», findet Daniel Knus. Wir möchten wissen, was die J. S. Bach-Stiftung denn anders oder besser mache als andere. Bescheiden entgegnet Knus: «Wir suchen einfach die Nähe zur Community und es ist uns ein Anliegen, auf deren Bedürfnisse und Wünsche einzugehen, wir hören zu

Die J. S. Bach-Stiftung ist seit Ende 2009 auf Facebook, Twitter und YouTube vertreten. Auf Facebook hat die Anzahl Fans bereits die Zehntausendermarke überschritten.
und geben Antwort. Allfällige Probleme gehen wir gezielt an und entwickeln unkomplizierte Lösungen für die Fans». So wird aktuell nach einem deutschen Vertriebspartner gesucht, um den Bestellern von Büchern, CDs und DVDs die Mühen mit dem Zoll abzunehmen. «Dabei wird alles unternommen, um den Konsumentinnen

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Cult

Durch das edukative Konzept mit Einführungsworkshop und Reflexion wird eine Einzigartigkeit erreicht, die auch international viel Beachtung und Anerkennung findet. Dabei spielt auch der Faktor Qualität eine entscheidende Rolle.
und Konsumenten einen ausgezeichneten Service anzubieten», betont Daniel Knus. Die Publikumswahl zum Social Media Award 2011 zeige die hohe intrinsische Motivation und das Vertrauen der Wählenden. «Das ist ein schönes Zeichen und Beweis dafür, dass die J. S. Bach-Stiftung einen direkten Draht zur Community hat», stellt Knus erfreut fest. Qualitätsbewusstsein schafft auch offline interessante Begegnungen Obwohl der Aufwand gross ist, möchte man den Ansprüchen des internationalen Publikums gerecht werden. So ist der mehrsprachige Auftritt auf Facebook mittlerweile selbstverständlich. Die Herausforderungen werden damit aber auch immer komplexer. Ein internationaler Auftritt auf Facebook oder Twitter bedeutet auch, Zeitverschiebungen zu beachten. Darum komme es oft vor, dass Daniel Knus abends zu Hause noch Online-Beiträge für die Stiftung verfasse. Eine aktuelle Herausforderung besteht für die J. S. Bach-Stiftung darin, ihre Videos und Kantaten selbstständig auf iTunes anzubieten. Daniel Knus weiss, dass «das Bedürfnis nach digitalen Musik- und Videoaufnahmen der Konzerte klar vorhanden ist. Die Umsetzung gestaltet sich aber relativ kompliziert und stellt die Stiftung vor neue Herausforderungen. Diese sind aber da, um angepackt zu werden.» Wichtig ist es, «Entwicklungen nicht zu verpassen und mit der Zeit zu gehen. Dabei spielt die Plattform keine entscheidende Rolle, zentral ist der Dialog und was man daraus lernt», ist das Stiftungsteam überzeugt. Unbedingt beibehalten möchte man den bodenständigen und persönlichen Charakter der Stiftung. «Die Leute spüren, dass hier viel Herzblut drin steckt und ein enger Kontakt zur Community gepflegt wird. Das soll auch so bleiben, obwohl es mit steigender Fanzahl natürlich immer anspruchsvoller und komplexer wird», wie Daniel Knus anmerkt. Seit der Gründung der J. S. Bach-Stiftung haben sich schon einige spannende Geschichten ereignet. So wurden beispielsweise zwei Tickets für ein Konzert verlost. Die Gewinner aus dem deutschen Kassel nahmen extra die knapp 550 Kilometer lange Reise auf sich, um dem Konzert in Trogen beizuwohnen. Einige Fans aus Madrid kamen allein darum in die Schweiz, weil ihnen die YouTube-Videos so gut gefallen haben. Die Verantwortlichen der Bach-Stiftung halfen den Spaniern bei der Vermittlung einer geeigneten Unterkunft in St.Gallen und freuten sich sehr über den weitgereisten Besuch. Dann gibt es da noch einen deutschen Klassikblogger, der extra eine Pilgerfahrt nach Trogen unternahm. In seinem Blog veröffentlichte er Bilder und Texte darüber. Besonders speziell ist ein Beispiel der jüngsten Vergangenheit: Die J. S. Bach-Stiftung darf sich auf Gäste aus Honolulu freuen, welche bereits Tickets für eine Aufführung gebucht haben. «Solche Ereignisse sind natürlich immer ein grosser Aufsteller für das Stiftungsteam und wir freuen uns ganz besonders darüber», zeigt sich der Social Media Manager zufrieden.

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aufgefallen in St.Gallen

Köstlichkeiten

g'nuss Geborgenheit und Ruhe wie in einer Nussschale – im Café «g›nuss» gibt›s von Hand kreierte Patisserie und Delikatessen zum geniessen, abschalten, verweilen, schwelgen. Jedes für sich ein Stück vom Glück. g'nuss | Frühstück, Brunch, Delikatessen, Sandwiches | Lämmlisbrunnenstrasse 4 | 9000 St.Gallen | www.gnuss.info | ÖZ: Mi-Fr 08.00-19.00 | Do 08.00-21.00 | Sa 08.00-18.00 | So 08.0017.00 Uhr

Nanna's bunte Küche Nanna›s bunte Küche ist ein Mikrokosmos, in dem es Unzähliges zu entdecken gibt. Süsses, Saures, Bitteres oder Scharfes in Hülle und Fülle und aus aller Herren Ländern. Aus Familientradition kennt Nanna die Gewürze dieser Welt, und nebst den liebevoll gestalteten Herzlampen bäckt sie auch märchenhafte Torten. Wer sich vom Angebot berauschen lassen will, geniesst einen herzhaften Kaffee, geht auf Entdeckungsreise und lässt sich entführen in eine zauberhafte Welt der Düfte und Farben. Nanna's bunte Küche | Gewürze, Süsswaren, Café & Kunst | Burggraben 27 | 9000 St.Gallen | www.nanna.ch | ÖZ: Di-Fr 10.00-13.30 & 15.00-18.30 | Do bis 20.00 | Sa 10.00-16.00 | Wochenmarkt St.Gallen: Sa 09.00-17.00 Uhr

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Die grünen Seiten

CANTIENICA® Training in St.Gallen
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LETEC AG unser Laden in der Altstadt.
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INTERNATIONAL SCHOOL St. Gallen
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Erlebnisreiche Einkaufsorte
CITY-GARAGE AG St.Gallen

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Audi -- Vorsprung durch Technik. Der Frühling steht vor der Tür und im Zentrum des Interesses steht unter anderem der neue Audi A4: Der Klassiker wurde vollständig erneuert, auch optisch, und verbraucht trotz stärkerem Motor bedeutend weniger Treibstoff. Selten wurde eine Wiederlancierung sowohl von Testfahrern und Kritikern so übereinstimmend gelobt. Urbane Autofans dürfen sich über den kleinen Audi A1 freuen, der diesen Frühling gross in Form kommt: als Sportback mit fünf Türen. Neben den zwei zusätzlichen Türen bietet die Kombiversion von Audis Kleinstem vor allem mehr Platz, mehr Komfort  und eine etwas andere Linienführung. Was aber gleich geblieben ist, ist der Charme des A1, die schlanke Form und das moderne Design. Auch der neue Audi A6 mit dem neuen 3.0l Bi-Turbo Motor und 313 PS, sowie einem sensationell tiefen Verbrauch von 6.4l/100km, unterstreicht mit vielen technischen Neuerungen auf eindrückliche Weise die Innovationskraft der Marke mit den Vier Ringen. Lassen Sie sich bei uns von der Marke Audi begeistern. Unser kompetentes Team berät Sie gerne. City-Garage AG Zürcher Strasse 162 9001 St. Gallen T +41 71 274 80 74 info@city-garage.ch www.city-garage.ch Mo – Fr 8.00 – 18.30 Uhr Sa 8.00 –16.00 Uhr

GIANGIACOMO Damen & Herren Boutique
Die Boutique am Burggraben 16, 9000 St. Gallen - gegründet im Frühjahr 1994 - wird von Kaspar Oesch mit viel Enthusiasmus geführt. Wir präsentieren erschwingliche und tragbare Mode, auserwählte Bekleidung und Accessoires von namhaften Designern wie Liu Jo, Pinko, Guarapo, Roberta Biagi, Better Rich bei den Damen oder Lagerfeld, Better Rich, Mastai Ferretti bei den Herren. Die offene Ladengestaltung und die grosszügige Warenpräsentation laden zum Verweilen, Experimentieren und Anprobieren ein. Jawohl, hier macht es richtig Spass, sich mit den neuesten Trends anzufreunden, die gut und gerne vom kompetenten Beraterteam unter der Leitung von Kaspar Oesch angeboten und empfohlen werden. Gut möglich, dass Sie hier Ihr nächstes, ganz persönliches Modeerfolgserlebnis verbuchen können. Wir freuen uns auf jeden Fall, Sie persönlich kennen zu lernen und beraten zu dürfen. GianGiacomo SA Burggraben 16 9000 St. Gallen T +41 71 223 73 88 kaspar.oesch@giangiacomo.ch www.giangiacomo.ch Mo 13.30 – 18.30 Uhr Di – Fr 10.00 – 12.00 Uhr + 13.00 – 18.30 Uhr Do-Abend bis 20.00 Uhr Sa 10.00 – 17.00 Uhr

Ihr Portrait in den «Grünen Seiten» fällt auf! Melden Sie sich unter: 9000@essenzium.ch oder 071 222 35 63 Nächste Ausgabe: Juli 2012 "Bewegung"

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Die grünen Seiten
GOLDMARIE Neues und zweites
Seit über zehn Jahren hat die Ladeninhaberin Mareike Zimmermann in der Second-Hand-Familie einen Namen. Im Frühjahr 2010 eröffnete die Mode- und Raumdesignerin an der Schützengasse Nr.6 ihre neuste Goldmarie. Die Boutique bietet seit nun einem Jahr jungen bis reifen Frauen eine bunte und originelle Auswahl an Schuhen, Taschen, Sonnenbrillen, Gürteln, Schmuck, Parfums und schönem Allerlei, sowie Kleidung von klassischen Basic-Teilen über freche Ideen bis hin zu echten VintageStücken. Die unverwechselbare Leidenschaft und das Know-How von Goldmarie kleiden alle Kundinnen mit viel Spass an der Freude

OCHSNER + LÖHRER Copyshop St.Gallen
Was als einfache Lichtpausanstalt vor siebzig Jahren begann, hat sich in den letzten Jahren zu einem vielfältigen und kompetenten Kopierbetrieb entwickelt. Ob analog oder digital, das Herstellen von Kopien, Karten, Postern, Plankopien, Blachen usw. ist mit der heutigen Technik problemlos machbar. Ausserdem bieten wir dank unserem Druckund Schneideplotter Beschriftungen für Autos und Schaufenster sowie Kleber an. Ausrüstarbeiten wie Grossformat-Laminate, Aufziehservice so-wie Bindungen und vieles mehr erhalten Sie bei uns in kürzester Zeit. Dank unserem neuen Falchbettdrucker produzieren wir für Sie Prints in der Grösse von 2.5m x 1.25m direkt auf starre Materialien wir Forex, Aluminium, Holz usw.. Sind Sie interessiert, schauen Sie doch bei uns rein oder rufen Sie uns an. Ochsner + Löhrer Gartenstrasse 3 | 9000 St.Gallen T +41 71 230 17 80 www. olcopy.wordpress.com info@ochsnercopy.ch Mo – Fr 07.30 – 17.30 Uhr

1733 Weinlokal St. Gallen
In einem schönen Lokal unkompliziert ein Glas Wein trinken, dazu etwas kleines, aber Gutes essen, das kann man neu im «1733». Das Weinlokal an der Goliathgasse ist in einem frisch umgebauten Altstadt-Haus aus dem Jahr 1733 untergebracht. Im historischen Weinkeller lagern mehrere hundert Flaschen Wein aus Europa. Täglich wird eine Auswahl davon glasweise zu vernünftigen Preisen (ab Fr. 6.-) ausgeschenkt. Zu Essen gibts Slow food mit besten Produkten aus der Region. Zum Beispiel Gschwellti und Chäs (ab Fr. 13.-) mit besten Rohmilchkäsen aus der Ostschweiz. Oder Schweizer Tapas-Brötli, zum Beispiel mit Siedwurst-Brät. Beliebt ist der Tapas-Teller mit einer Auswahl an kleinen Köstlichkeiten. 1733 Weinlokal Goliathgasse 29 9000 St.Gallen T +41 71 244 67 09 info@1733.ch www.1733.ch Mo – Fr ab 17.00 Uhr Samstag ist es für Feste + Anlässe reserviert

ein, in jeder Grösse und zu jedem Anlass. Hier wird jedes Stück ein zweites Mal wertgeschätzt! Gleich am Eingang finden Sie Klein-Kollektionen (über-)regionaler und internationaler Jungdesigner, welche sich hier nicht selten das erste Mal auf den Markt trauen. Kunst und Kleider gehören seit 10 Jahren untrennbar ins Ladenkonzept. NEU: Neben Marken-Bekleidung können jetzt auch bewährte Kunst-Unikate bei Goldmarie erworben werden. Goldmarie freut sich auf Ihren Besuch! Goldmarie Neues und zweites Schützengasse 6 9000 St.Gallen T +41 71 222 22 14 www.goldmarie.ch briefkasten@goldmarie.ch Di – Fr 10.30 – 13.30 Uhr 15.30 – 18.30 Uhr Sa 10.30 – 15.30 Uhr

Erlebnisreiche Einkaufsorte
fvus FirstClass Secondhand für Vater und Sohn
Das Engagement im Bereich Nachhaltigkeit nimmt zu und so betrachtet ist Secondhand wohl Nachhaltigkeit pur. Wenn man bedenkt, dass manch Kleidungsstück alleine durch seinen Produktionsweg enorme Energie verbraucht, ist es bestimmt ein Genuss, ein Designer-T-Shirt oder ein fast neues Hemd von Strellson, Hugo Boss oder Joop etc. noch einmal zu erwerben und das dazu noch sehr preiswert. Beim Betreten des Secondhandladens fvus (für vater und sohn), betritt man(n) nicht nur einen Raum mit hochwertigen und ausgesuchten Designerstücken, es ist auch ein Raum, in dem Service, Beratung und Sonderwünsche zuhause sind. Die Einzelstücke sind manchmal vielleicht nicht in der gesuchten Grösse vorhanden, doch ist die Suche zwischen Anzügen von Brioni, Armani oder Strellson zu einem Bruchteil des Orginalpreises ihre Zeit auf jeden Fall wert. Boss, Ralph Lauren, Giorgio Armani, Levis, G-Star, Navy Boot, Dries van Noten, Etro, Pepe Jeans, Edwin, Bogner, Bally, Nike, Converse, Diesel und noch viele weitere Edelbrands sind im fvus zu finden....und: Secondhand bedeutet doppelte Wertschätzung. fvus Schützengasse 6 9000 St.Gallen M +41 76 414 00 04 fvus@essenzium.ch Mi – Fr 15.00 – 18.30 Uhr Sa 10.00 – 16.00 Uhr facebook.com/fvus

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rheinspringen SCHULE Neues Angebot für Lehrstellensuchende
Das St.Galler Bildungsunternehmen rheinspringen bietet ab August 2012 rheinspringen schule an. Die neue Schule steht offen für alle Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die für den Berufseinstieg ihre schulischen Kompetenzen aufbessern möchten. Nebst den Grundlagenfächern werden individuelle Interessen vertieft. Die Schülerinnen und Schüler erarbeiten sich einen Leistungsnachweis, der ihre Stärken zeigt und ihre Chancen auf einen Ausbildungsplatz entscheidend verbessert. Kontakt und weitere Informationen unter rheinspringen GmbH Oberer Graben 3 9000 St.Gallen T +41 71 220 86 01 info@rheinspringen.ch www.rheinspringen.ch

STAHLMOTO AG – Yamaha St.Gallen
«Ich liebe es, Motorrad zu fahren. Es gibt keinen Sinnesreiz, der diesem Erlebnis nahe kommt. Das Schöne einer Reise, ob kurz oder lang, ist das belebende Gefühl wenn Du die weite offene Strasse entlang fährst und den Asphalt unter den Rädern spürst. Du bist unterwegs auf Deinem Motorrad und hast Muse zum Nachdenken, Dich zu besinnen und zu reflektieren während Du Teil der Reise bist." Ganz klar, Motorrad fahren bedeutet Emotionen und Leidenschaft und dies erlebst Du beim grössten YAMAHA-Exklusiv Händler der Ostschweiz. Das Team von Stahlmoto lebt diese Leidenschaft und das spürst Du, sobald Du die Ausstellungsräume betrittst. Praktisch die gesamte Palette der aktuellen YAMAHA-Motorräder und Roller ist zu besichtigen. Viele Modelle stehen zur Probefahrt bereit und dazu eine gut sortierte Auswahl von gebrauchten Motorrädern und Rollern. Ein Shop mit Motorradbekleidung, Helmen usw. sowie eine komplett eingerichtet Werkstatt runden das Angebot ab. Lass Dich einführen in die spannende Welt des Motorrades. Das Stahlmoto Team freut sich, Dich zu beraten und mit Dir die Leidenschaft am Motorradfahren zu teilen. Stahlmoto AG Yamaha St.Gallen Stahlstrasse 2-4 9000 St.Gallen T +41 71 277 50 50 info@stahlmoto.ch www.stahlmoto.ch

Crimestory

Keine Lust
Autor: Mario Romano

«Was ist los? Warum bist du so zickig?» «Martin, ich habe dir in den letzten Wochen schon ein paar mal gesagt, dass ich nicht wie deine Ex-Freundin Jacqueline gestrickt bin, und wenn eine Frau sich so anzieht wie ich es grad tue, ist das keine Aufforderung zum Sex.» «Ach komm schon Claudia, das habe ich schon längst begriffen. Reib es mir das nicht jedesmal unter die Nase wenn wir alleine sind. Aber dann erklär mir mal, warum du oft so geil angezogen bist. Ich bin nicht der einzige, der bei dir ins Starren kommt. Schau mal deine Jeans, dein String hinten am Arsch ist so krass zu sehen, wie eine Headline auf einem Pornoplakat.» «Nennst du mich damit etwa eine billige Hure?» «Das sind deine Worte auf meine Beobachtungen.» «Ah, jetzt bin ich noch Schuld, wenn du deine Geilheit nicht in den Griff bekommst. Sag mal, bist du gerade aus der Höhle gekrochen? Ich als Frau habe das Recht, mich so anzuziehen, wie ich es will. Und wenn ich nackt und glühend neben dir liege, ist das noch längst keine Aufforderung von mir an deine Macho-Adresse, dass ich Lust auf Sex hätte. Mein Körper gehört nur mir allein.» «Claudia, du bist doch eine Heuchlerin. Seit der Sache in den Drei Weihern nutzt du doch meine Gefühle aufs Übelste aus. Ich weiss nicht, warum du mit mir zusammen sein willst. Ich bin dir doch im Grunde vollkommen egal. Du hast doch null Plan was du willst. Mich aber immer wieder anmachen, und vor den Anderen so zu tun als wäre ich dein Mister Perfekt, darin bist du echt Klasse. Dabei vergisst du eines: Nur weil du daneben standest und nicht selbst daran beteiligt warst heisst das nicht, dass du nicht als Mittäterin bestraft wirst, wenn sie uns erwischen.» «Martin, hör auf mir zu drohen! Ich habe schlicht und einfach keine Lust mit dir zu vögeln. Schieb es nicht auf den Unfall ab. Stemple mich nicht ständig als Mittäterin ab, nur weil ich vor Schreck wie angewurzelt dabei stand, als die beiden Tussen starben. Bist du geil, dann zieh dir einen Porno rein. Und vergiss eines nicht, mein Vater ist einer der besten Anwälte der Stadt. Dein Vater nur ein korrupter Politiker. Fasst du mich also ohne mein Einverständnis an, weisst du ja selbst, was dir dann droht.» «Ich glaube, ich spinne! Dein Vater ist ja die Korruption in Person. Das riecht sogar ein Blinder. Und deine Drohung gerade eben, ist doch nun wirklich vollkommen unlogisch. Wir hocken doch alle im selben Boot.» «Du bist so eine Krise! Ich weiss nicht wie ich das alles noch aushalten soll. In der Schule kann ich mich kaum noch konzentrieren. Martin! Ich bin erst 16 und schon fix und fertig und gerade so knapp ins Gymnasium gekommen. Und die Lehrerschaft am Burggraben deckt mich mit Lehrstoff zu, dass ich nur die Geduld

zum lernen finde, wenn ich mir genug Vegedin reinknalle. Mein Vater lässt mich jeden Tag spüren, was ich ihm damit angetan habe, dass ich fast jeden Morgen beim Aufstehen fast schon kotzen muss, so sehr habe ich Angst. Meine Mutter versucht mich mit allem zu kaufen, damit ich ja dicht halte. Dafür erlaubt sie mir jede Provokation, die ich mir rausnehme, selbst wenn mir meine Brüste raushängen würden. Und du glaubst, es heisst, ich will mit dir Sex. Das ich so rumlaufe, ist nur um meine Eltern zu befriedigen und ihnen das Gefühl zu geben, ich sei mit der ganzen Vertuschung einverstanden. Bist du eigentlich so blind. Siehst du nur meine Titten und meinen Arsch?» «Claudia, du weisst, dass die Eltern von uns fünf uns nur schützen wollen, damit nichts rauskommt.» «Ja, mein lieber netter geiler Martin, genau das macht mich langsam kaputt, dass unsere ach so stadtbekannten Persönlichkeiten, diese scheussliche Tat, mit allen Mitteln vertuschen zu wollen. Wir sind ihnen doch dabei vollkommen egal. Die denken nur an ihre jämmerliche Machtpositionen. Sie sind im Grunde die wahren Mörder der beiden Mädchen. Im Versuch, es zu vertuschen, töten sie doch die beiden jeden Tag aufs Neue. Ich habe das Gefühl von innen her zu brennen. Glaubst du, dass ich bei dieser Hölle in mir, noch ans Geilsein denke? Martin, wenn deine Kälte dein Gehirn nicht ganz zugefroren hat, dann überleg mal in grösseren Bildern. Vielleicht kapierst du dann, was unsere Eltern wirklich mit uns vor haben.» «Was meinst du damit? Unterstellst du ihnen, dass sie weitere Absichten aus diesem Zwischenfall ziehen?» «Zwischenfall, ja genau, vielleicht kapierst du das mal. Für unsere Eltern ist das ein Zwischenfall. Aber für mich, für Julia und für Markus ist es der blanke Horror. Aber anscheinend seid du und Christian ja schon mächtig abgebrüht.» «Ich glaube meinem Vater, dass er alles dafür tun wird, damit meine Zukunft nicht den Bach runtergeht.» «Zukunft? Meinst du das wirklich im Ernst? Wenn du jetzt echt ohne Gefühl und Gewissen an deine Zukunft denkst und dein Zuschlagen da oben als einen Zwischenfall siehst, dann sind wir fünf wirklich alle am Ende. Und das wirklich üble dabei ist, dass unsere Eltern daraus noch Kapital schlagen. Ich habe nämlich bei einem Telefonat meines Vaters mitbekommen, dass die Morde in der Stadt eine Grusskarte an unsere Eltern sind.» _/// Fortsetzung folgt. Sämtliche Personen sind reine Erfindungen. Der erwähnte Ort ist ein Originalplatz.

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Der Audi A4 Avant. Taktgeber des Fortschritts.
Das hocheffiziente Motorenkonzept und das innovative Start-Stop-System des neuen Audi A4 Avant bewirken gegenüber dem Vorgänger eine deutliche CO2-Reduzierung und Treibstoffersparnis. Hinzu kommen intelligente Assistenzsysteme, die in seiner Klasse einzigartig sind. Die klareren, eleganteren Linien und der optimierte Innenraum ergänzen einander. Kurz: Der A4 Avant ist die perfekte Symbiose aus Effizienz, Komfort und Sportlichkeit.

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